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Eine teure Verkehrslektion für eine besorgte Mutter

Auf der Suche nach ihrem fünfjährigen Sohn geriet eine Mutter aus dem Tösstal in eine Verkehrskontrolle. Dass sie nach einer Viertelstunde die Geduld verlor und davonfuhr, um weiterzusuchen, kam sie teuer zu stehen.

Beim Telefonieren im Verkehr kennt die Polizei kein Pardon – auch wenn es sich bei der Fehlbaren um eine besorgte Mutter auf der Suche nach ihrem Sohn handelt.
Beim Telefonieren im Verkehr kennt die Polizei kein Pardon – auch wenn es sich bei der Fehlbaren um eine besorgte Mutter auf der Suche nach ihrem Sohn handelt.
Keystone

Die Anklageschrift liess eine aufbrausende, fast querulantische Frau erwarten. An einem Mittwochmittag im letzten Februar habe sie mit ihrem amerikanischen Auto erst ein Trottoir in der Nähe eines Tösstaler Schulhauses blockiert, anschliessend sei sie mit dem Handy am Ohr bis zum nächsten Parkplatz gefahren. Und als die Kantonspolizistin noch am Ausfüllen des Strafzettels war, entriss ihr die Dame die Ausweispapiere wieder und fuhr mit dem Auto davon.

Vor der Richterin des Bezirksgerichts Winterthur sass am Freitag dann aber eine leise, höfliche Frau, der die Ereignisse noch immer so nahe gingen, dass sie ihre Schilderung nur unter Tränen vorbringen konnte. Sie hatte an diesem Mittwochmittag nur einen Gedanken gehabt: Wo ist mein fünfjähriger Sohn?

Das Kind war nach dem Kindergarten nicht am vereinbarten Treffpunkt aufgetaucht. Darum sei sie besorgt zum Schulgelände gefahren. «Immer weniger Kinder kamen mir entgegen, dann gar keine mehr, aber mein Sohn war immer noch nicht da», sagte sie. Und mit erstickter Stimme: «Die Leere war unerträglich.»

«Es beschäftigt mich bis heute, dass die Polizisten mir keinerlei Hilfe geleistet haben.»

Die bestrafte Mutter

Sie fuhr nach Hause, wo ihr erwachsener Sohn wartete, aber auch da war keine Spur vom Kindergärtler. Als sie fast zurück beim Schulhaus war, fuhr sie rechts ran, um nochmals zu Hause anzurufen. Als sie kurz darauf auf den nahen Parkplatz beim Kindergarten gefahren war, klopfte eine Kantonspolizistin an die Scheibe. Sie habe am Steuer telefoniert und zuvor unerlaubterweise auf dem Trottoir angehalten, sagte die Polizistin. Ob sie die Busse gleich bezahlen wolle? Die Angeklagte verneinte und sagte, dafür habe sie keine Zeit, sie suche ihren Sohn. Das habe die Polizistin nicht interessiert, diese sei mit den Ausweispapieren zum Polizeiauto gelaufen, um den Bussenzettel auszufüllen.

Sie nahm sich die Ausweise

Vom Auto aus telefonierte die Mutter mit der Kindergartenlehrerin. Diese suchte den Klassenraum und Garten noch einmal gründlich ab. Als auch dies ohne Erfolg blieb – es waren nach übereinstimmenden Aussagen über zehn Minuten vergangen –, war die Polizistin noch immer mit Ausfüllen beschäftigt. «Ich wusste, dass ich ohne Ausweise nicht fahren durfte», sagt die Mutter. Also nahm sie sich die Ausweise von der Motorhaube und eilte zu ihrem eigenen Wagen. Ein zweiter Beamter stellte sich in den Weg, um sie aufzuhalten. «Ich bat auch ihn, mir bei der Suche zu helfen», erzählt die Mutter im Gerichtssaal. «Doch er redete nur von Gesetzesartikeln.»

Auf dem Heimweg fand sie schliesslich ihren Sohn. Er hatte mit andern Kindern auf dem nahen Spielplatz die Zeit vergessen. Sie setzte ihn zu Hause ab und fuhr zurück, um die Sache mit der Polizei zu klären – doch die war bereits weg. «Es beschäftigt mich bis heute, dass die Polizei mir am schlimmsten Tag meines Lebens nicht helfen wollte», sagte die Mutter vor Gericht. Die Richterin rührte das wenig. Sie sprach die Frau wegen mehrfacher Verletzung der Verkehrsregeln und wegen der Hinderung einer Amtshandlung schuldig.

«Respektloses Verhalten»

Neben der Busse von 250 Franken und einer bedingten Geldstrafe von 450 Franken muss die Verkäuferin Gerichtskosten und Anwaltskosten in Höhe von mehreren Tausend Franken zahlen. Sie habe gewusst, dass sie die Ausweise noch nicht nehmen durfte, begründete die Richterin das Urteil. Dass man die Busse auch hätte per Post zustellen können, wie der Verteidiger argumentierte, ändere daran nichts. Eine gewisse Besorgnis sei verständlich, doch rechtfertige dies das «respektlose» Verhalten gegenüber der Polizei nicht. «Gerade Sie als mehr­fache Mutter sollten wissen, dass Kindergärtler nicht immer auf die Minute pünktlich sind.»

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