Brütten

Eine Wohnung, die unter den Hammer kommt

In Brütten steht eine Wohnung zum Verkauf. Sie soll im November zwangsversteigert werden. Das ist selten der Fall. Vor einigen Tagen war Wohnungsbesichtigung.

Vor dem zweigeschossigen Mehrfamilienhaus in Brütten gibt es einen Spielplatz, der Fussweg zur Schule dauert fünf Minuten. Foto: Enzo Lopardo

Vor dem zweigeschossigen Mehrfamilienhaus in Brütten gibt es einen Spielplatz, der Fussweg zur Schule dauert fünf Minuten. Foto: Enzo Lopardo

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Die Wohnlage ist begehrt: tiefer Steuerfuss, ein ruhiges Wohnquartier und Blick auf die Berge, sofern die Sicht klar ist. Zur Schule sind es fünf Minuten zu Fuss. Trotzdem hat sich vor dem Mehrfamilienhaus in Brütten an einem sonnigen Mittwochnachmittag keine Menschenschlange gebildet. Es ist kurz vor 14 Uhr, zwei Männer, zwei Frauen und zwei Kinder stehen herum. Sie warten. In einem Kinderwagen schläft ein Baby.

Eine 130 Quadratmeter grosse Viereinhalb-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss steht zum Verkauf. Der Inhaber ist nicht vor Ort, die derzeitigen Mieter aber schon. Zudem ist auch Oliver Pfitzenmayer anwesend. Er ist der stellvertretende Stadtammann des Betreibungsamtes Winterthur-Stadt. «Ich bitte Sie, in der Wohnung die Schuhe auszuziehen und sich nicht von der Gruppe zu entfernen», weist er die Wartenden an.

Es ist keine gewöhnliche Wohnungsbesichtigung. Das Objekt soll infolge einer Betreibung auf Grundpfandverwertung zwangsversteigert werden. Die Bank hat das verlangt.

Doppelabstellplatz in Garage

Pfitzenmayer führt erst durch den Keller im Untergeschoss. «Ist der Inhalt auch zu haben?», fragt einer der Kaufinteressenten. Dort lagern unter anderem Weinflaschen. Er lacht, die Frage ist nicht ernst gemeint. Auch ein Doppelabstellplatz in der Tiefgarage gehört zum Objekt, bei dem die Fahrzeuge hintereinander parkiert werden müssen.

«Ich suche eine Wohnung, die ich später als Alterswohnung nutzen kann.» Ein Kaufinteressent in Brütten aufgewachsen

In der Wohnung stellen sich die Mieter geduldig den Fragen der Männer und Frauen, die durch ihre Räume marschieren und in der Einbauküche Schranktüren und Schubladen öffnen. Ob sie bleiben können, hängt vom Käufer oder der Käuferin ab.

Es sei schon etwas seltsam, Fremde herumführen zu müssen, sagen sie. Und: Sie hätten sich vorgestellt, hier länger bleiben zu können. Und Ja, auf dem grossen Sitzplatz scheine die Sonne den ganzen Tag. Es gibt noch einen zweiten, etwas kleineren Sitzplatz. Obwohl im Mehrfamilienhaus noch andere wohnen, dürfen sie die angrenzende Wiese alleine benützen.

An der Wand im Wohnzimmer hängt ein grosser Flachbildschirm. «Der kommt weg», sagt eine Mutter zu ihrer etwa achtjährigen Tochter. «Oooh wie schade», antwortet diese. Dann blickt das Mädchen in eines der Schlafzimmer und sagt: «Mami, das kannst Du haben.» Es ist mit einem Holz-Parkett ausgelegt, ein Badezimmer grenzt direkt daran. «Du bist aber grosszügig», antwortet die Mutter. Bei einem zweiten Zimmer, das die Mieter derzeit als Ankleide nutzen, fragt die Tochter: «Darf ich das haben?» Die anderen Interessenten lächeln. «Da ist wohl jemand schon am Einrichten», sagt ein Mann.

Wohnung und Tiefgarage werden nur als Einheit versteigert. Das Betreibungsamt hat beide Objekte schätzen lassen: Sie sind zusammen 920000 Franken wert. Dass sie dann auch zu diesem Preis unter den Hammer kommen, ist nicht garantiert. Denn es gibt kein Mindestgebot (Text unten Mitte).

Sie seien schon länger auf der Suche nach einer geeigneten Wohnung, sagt die Mutter. Erst kürzlich hätten sie eine andere besichtigt, ebenfalls in Brütten. «Doch die schien uns nicht geeignet zu sein», sagt sie. Ein Mann, der in Brütten aufgewachsen ist, hält Ausschau nach einer Wohnung, die er vermieten kann, wie er sagt. «Um sie dann später als Alterswohnung zu nutzen.»

Am Ende der Besichtigung informiert Pfitzenmayer die Anwesenden noch über die Steigerungsbedingungen und das Lastenverzeichnis, die sie ab dem 26. September bei ihm anfordern können. Aus Letzterem ist etwa ersichtlich, ob ein Mietverhältnis besteht. Die Versteigerung ist auf den 22. November in Winterthur angesetzt.

Nicht alle kooperieren

Obwohl der Schuldner in diesem Fall mit dem Betreibungsamt zusammen arbeite, sei das nicht selbstverständlich, sagt Pfitzenmayer. So könne es vorkommen, dass sich jemand gegen eine Wohnungsbesichtigung wehre. In diesem Fall könnte er die Polizei um Unterstützung bitten. «Doch wenn man den Menschen nicht aus dem Fokus verliert, dann findet man meist gemeinsam eine Lösung», sagt er. Unkooperative Schuldner würden ihm zwar das Leben schwer, den Beruf aber auch interessant machen.

Erstellt: 18.09.2019, 18:25 Uhr

Beim Zuschlag wird die Anzahlung fällig

Kaufinteressenten müssen einige Punkte beachten.

Die Versteigerung einer Wohnung oder eines Hauses wird vom zuständigen Betreibungsamt im Amtsblatt und in den lokalen Printmedien publiziert. Im Inserat sind auch die Eckwerte zur Liegenschaft, der Schätzwert, die Besichtigungstermine, sowie das Datum und der Ort der Versteigerung zu finden.

Die Objekte tauchen manchmal auch auf Immobilienportalen wie Homegate auf, ebenso auf der Internetseite «zwangsversteigerung.ch», wo auch Angebote aus Österreich und Deutschland aufgeschaltet sind. Mehr Informationen erhalten Interessenten von den Konkursund Betreibungsämtern. Dazu gehören die Steigerungsbedingungen und das Lastenverzeichnis. Dieses listet neben Grundpfandrechten zur Sicherung von Forderungen auch Dienstbarkeiten (etwa Wohnrechte) auf, die beim Zuschlag grundsätzlich auf den Käufer übergehen.

Im Fall von Brütten (Haupttext) gilt kein Mindestgebot, wie der stellvertretende Stadtammann Oliver Pfitzenmayer sagt. Die Steigerungsschritte betragen 10 000 Franken. Nach dem dritten Ausruf und vor dem Zuschlag wird eine Anzahlung von 100 000 Franken fällig. Meistens sind das rund zehn Prozent des Schätzwertes. Die Anzahlung ist mittels eines unwiderruflichen Zahlungsversprechens einer Bank
oder in bar zu leisten. Sie kann auch im Voraus an das Betreibungsamt überwiesen werden.

Den Restbetrag muss die Käuferin innerhalb einer festgelegten Frist leisten. Üblich sind 10 Tage.

Der Wohneigentümer kann die Versteigerung aber bis zuletzt abwenden, indem er seine Schulden vorher begleicht.

Was sagt der Hauseigentümerverband?

Tipps Immobilien werden in der Schweiz versteigert, wenn jemand in finanzielle Not kommt. Entweder musste der Besitzer Konkurs anmelden oder die Bank ihn betreiben, weil er seine Hypothekarzinsen nicht mehr zahlen konnte. Solche Zwangsversteigerungen sind auch eine Chance für Schnäppchenjäger. Unter Umständen lässt sich so günstig ein Haus oder eine Wohnung erwerben.

Der Hauseigentümerverband (HEV) warnt aber auch vor Risiken. So seien die Informationen, die man über ein Objekt erhalte, manchmal sehr spärlich, sagt Urs Weiss, Vorstandsmitglied des HEV Region Winterthur. «Deshalb ist eine Besichtigung zwingend.» Man könne dafür auch einen Berater des HEV beziehen.

Bei einer Versteigerung seien zudem oft Leute anwesend, die den Preis absichtlich in die Höhe trieben. Häufig biete auch die Bank mit und zwar so lange, bis die ausstehenden Forderungen beglichen sind. «Ein Objekt wird so zu teuer verkauft», sagt Weiss. Auch sollten Bieter sich noch vor der Versteigerung über die Finanzierung im Klaren sein.

Zwangsversteigerungen sind selten

Öffentliche Zwangsversteigerungen von Grundstücken kommen nicht oft vor. In den drei Betreibungskreisen der Stadt Winterthur fand letztes Jahr nur eine statt, in diesem ebenfalls eine, eine zweite steht kurz bevor. Im ganzen Kanton Zürich waren es 2018 rund 25.

«Heuer wird es einen Anstieg geben», sagt Thomas Winkler, Präsident des Zürcher Verbands der Gemeindeammänner und Betreibungsbeamten. Bis gestern waren auf der Internetseite des Verbands 39
Grundstückverwertungen aufgeschaltet.

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