Schlatt

Elvis fasziniert noch immer

Mit überraschend-anrührenden Fotos bringt Tobias Rüeger aus Schlatt die Besucher der Vebikus-Kunsthalle Schaffhausen zum Schmunzeln. Auch Wildtiere interessieren sich für Kunst.

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Ein Männlein steht im Walde, ganz still und stumm? In der Fotokunst von Tobias Rüeger (* 1973) steht Elvis Presley im Wald, und zwar in Holz gerahmt. Das Schwarzweissbild ist verwittert, denn es wartet schon zwei Jahre dort, irgendwo bei Schaffhausen. Wo genau, möchte der Fotograf nicht verraten, denn er ist auf der einsamen Pirsch nach Wildtier-Schnappschüssen. Die scheuen Rehe, Hasen oder Eichhörnchen lösen eine lautlose Fotofalle aus, wenn sie sich dem Elvis-Bild nähern. Von vorn, von hinten – bei Tag und Nacht hoppeln sie ihm vor die Linse.

Dieses originelle Setting hat auch die Organisatoren der Ausstellung «12 x seriell» der Vebikus-Kunsthalle Schaffhausen überzeugt, sodass sie ihn zur Präsentation einluden. Seit fünf Jahren macht Tobias Rüeger diese Art von Fotos. Mit einer normalen Kamera habe er angefangen, aber da die Tiere jeweils nur kurz vorbeihuschten, schaffte er sich die Fotofalle an. Nun läuft die Kamera 24 Stunden, ein Bewegungsmelder löst das Bild aus, wenn ein Tier vorbeispaziert – nachts mit Infrarotlicht. Selbstverständlich lege er keinen Köder, beteuert er, «ich möchte nicht ins natürliche Wildleben eingreifen».

Warten auf den Luchs

«Rehe kommen am häufigsten, man hofft immer mal, dass man einen Luchs erwischt», sagt Rüeger, auch eine Gämse, ein Hirsch oder spezielle Vögel würden ihn erfreuen. Wildtiere hätten ihn schon immer interessiert, deshalb folgt er auch den Nachrichten, ob es Neuigkeiten zum Bären oder zu anderen Einwanderern gebe. Man müsse gar nicht 20 Kilometer in den Wald hineinfahren: «Es hat manchmal mehr Tiere in Stadtnähe, wo es unordentlich ist, wo Leute etwas wegwerfen», erzählt er. Auch Füchse treffe man bekanntermassen eher im Stadtgebiet an.

Die Arbeit «Elvis Has Left the Building» war der Aufhänger für die Kunstausstellung, in Zukunft fände es Rüeger allerdings spannender, Materialien zu verwenden, die sich noch besser in den Wald integrieren. «Aktuell teste ich holzgeschnitzte Masken aus dem Trödel; Lötschentaler Masken, angsterregende Fratzen», sagt er. Die kleinen Objekte dienten allein der Wanddekoration. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Tiere davon beeindrucken lassen.

Exquisiter Kitsch

Dem Autodidakten geht es um die Irritation und das Absurde; seine Arbeiten lösen beim Betrachter ein Lächeln aus: «Meine Motive sind den Leuten zugänglich. Sie verstehen den Witz und man muss keinen grossen Text dazu lesen.» Er sei sonst eher ernst. «Natürlich habe ich es gern lustig, aber ich bin ein melancholischer Mensch.» Bei den ausgelegten Bildern beweist Rüeger jedoch ein Händchen für exquisiten Kitsch, den er in Brockenhäusern und auf Flohmärkten findet. Da darf es schon mal eine tief dekolletierte Zigeunerin oder eine goldgerahmte Mutter-Madonna mit Kind sein. «Bilder in natürlichen Farben kann man gut im Wald aufhängen», erklärt er weiter, sie wirkten schon von allein. «Wenn das Tier darauf schaut, wird es allerdings noch bizarrer.»

Tobias Rüeger, der in Schlatt aufgewachsen ist und bis vor drei Jahren in Winterthur gewohnt hat, machte 2016 bereits an der Schützenwiese auf sich aufmerksam. Damals zeigte er Fotos von Wildtieren, die FCW-Faninsignien beschnuppern. In der Vebikus-Kunsthalle Schaffhausen ist er nun mit einer Installation vertreten, bei der ein Karussell-Diaprojektor in einer Endlosschleife läuft. «Die Tierschau hat man nach 15 Minuten gesehen», zusätzlich hat er originelle Einzelbilder gehängt. Einige Abzüge konnte er bereits verkaufen, sagt Rüeger, der als Bauleiter in Zürich arbeitet. Da er, vielleicht noch, keine eigene Familie habe, könne er sich weiterhin mit viel Zeit der Tierkunstfotografie widmen. Dabei funktioniere die Präsentation in einer Gruppenausstellung besonders gut. «Es ist wichtig, in der Kunstszene auch ein Lächeln und Humor unterzubringen.»

12 x seriell: Bis 7. 10., Vebikus-Kunsthalle Schaffhausen, Kulturzentrum Kammgarn, Baumgarten­­­­str. 19, Schaffhausen. Öffnungszeiten: Do 18–20 Uhr, Fr 16–18 Uhr, Sa/So 12–16 Uhr. – So, 7. Oktober,11 Uhr: Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose (Gertrude Stein): performative Rede und Lesung von Frank Schablewski. Das Serielle in der Poesie mit Poemen von Rose Ausländer, Paul Celan, Eugen Grom­ringer, Franz Mon, Gertrude Stein, Immanuel Weissglas sowie Gedichten des Vortragenden. Dauer: ca. 60 Minuten, in der Ausstellung. (Landbote)

Erstellt: 01.10.2018, 12:17 Uhr

Serielle Kunst

Die Lust an der Wiederholung

Die Ausstellung «12 x seriell» spielt mit der Lust an der Wiederholung. Insbesondere Foto-serien lassen sich heute oft unter der Stilrichtung serielle Kunst einordnen. Sie folgen einem ästhetischen Gedanken, quasi einer Variation des Themas. Häufig drehen sich die Bildfolgen um Dynamik, Flüchtigkeit, Vergänglichkeit.

So will auch Tobias Rüeger sein Werk verstanden wissen: als Inszenierungsidee mit überraschenden Ergebnissen. Als Urgrossvater der seriellen Kunst kann Claude Monet betrachtet werden. Mit wiederholten Gemälden von Heuschobern («Les Meules») fertigte er ab 1890 erstmals eine Serie an, bei der weniger das Motiv wichtig war als die Einhaltung von gewissen Bildregeln. Somit hatte er Kunst geschaffen, die aus sich selbst heraus wirkt – und nicht nur das Abbild eines Sujets ist. Die Heuschober (und auch die Seerosen) waren Vorläufer der abstrakten Malerei, mit deren Mitteln später Piet Mondrian, Ellsworth Kelly oder Sol LeWitt den Gedanken der seriellen Kunst weiterführten. (gsp)

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