Dägerlen

Er ist der selbst ernannte Abfalljäger

Autoheizung, Kinderwagen oder ein verkohltes Kickboard: Es gibt kaum etwas, was Paul Chollet nicht schon im Wald oder am Strassenrand entdeckt hätte. Der Rutschwiler sammelt regelmässig Abfall ein – der Natur zuliebe.

Paul Chollet sammelt Wiederverwertbares im orangen Einkaufskorb und fährt Villiger-Velo.

Paul Chollet sammelt Wiederverwertbares im orangen Einkaufskorb und fährt Villiger-Velo. Bild: Madeleine Schoder

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Ein oranger Einkaufskorb und ein blaues Velo der Marke Villiger: Sie gehören seit Jahren zur Grundausrüstung von Paul Chollet. Der 70-jährige Rutschwiler sammelt damit mindestens einmal pro Woche Abfall in Dägerlen und teilweise auch in den angrenzenden Gemeinden ein.Von Wald- und Strassenrändern, Feuerstellen, neben Sitzbänken und Reservoirs. Kurz: Von wo immer etwas in der Natur liegen geblieben ist, das dort nicht hingehört. Und er putzt Sitzbänke, befreit sie von Vogel- und anderem Dreck. Dazu nimmt er einen Lappen und Wasser aus einer Getränkeflasche mit, die er irgendwann mal gefunden hat.

Erst kürzlich hat die Gemeinde seinen Jahresbericht im Mitteilungsblatt veröffentlicht. Denn Chollet führt Buch über das, was er findet. Er schreibt Ort und Datum auf. Und hält seine Fundsachen oft auch mit der Kamera fest. Einmal pro Jahr schickt er Bericht und Kommentar an die Verwaltung. Diese hat in der Vergangenheit auch schon eines seiner Bilder aufs Titelblatt der «Dägerler Poscht» gesetzt.

«Was mich traurig macht, ist, dass es immer noch viele Erdbewohner gibt, die rücksichtslos Abfallsünden begehen», schreibt Chollet im Kommentar etwa. Sein Protokoll fördert Unglaubliches zutage. So entdeckte der gelernte, mittlerweile pensionierte, Maschinenschlosser etwa im Waldstück Neuwisen nahe Henggart eine Autositzheizung mit Zigarettenzündkabel und Verpackung. Oder im Oberholz an der Rütiholzstrasse ein zusammengerolltes Spannteppichstück. Auf einem Waldweg bei Henggart lag ein noch brauchbarer «mit Hundehaaren verschmutzter» Kinderwagen. «Hier hat wohl jemand sein Haustier spazieren geführt», sagt er schmunzelnd.

«Rücksichtslose Abfallsünder machen mich traurig.»Paul Chollet

Am nächsten Tag sei dieser allerdings wieder verschwunden gewesen. Das für ihn Schlimmste, was er je entdeckte, war ein halb verkohltes Kickboard, dessen Überreste auf einem erloschenen Feuer bei einer Feuerstelle lagen. Chollet kann nämlich nicht verstehen, weshalb man etwas noch Brauchbares wegwirft und es zudem mutwillig zerstört.

Einiges behält er für sich

Den gesammelten Abfall entsorgt er – nach Wertstoffen getrennt – bei der örtlichen Sammelstelle. Dazu hat er von der Gemeinde Abfallmarken erhalten. Manches, noch Brauchbares, behält er für sich. Etwa volle Bierdosen, deren Inhalt noch geniessbar ist, oder Essgeschirr aus Plastik, in dem etwa Mahlzeiten an Senioren ausgeliefert werden.

Als Sohn eines Bauern ist Chollet in Rutschwil aufgewachsen. Sauberkeit und Ordnung hatten stets einen hohen Stellenwert. «Und ich war von klein auf ein Tierfreund», sagt er. Es betrübe ihn, wenn er daran denke, dass sich Wildtiere, etwa ein Fuchs, in einer Aludose verbeisse und sich verletze. Oder eine Kuh, nachdem sie von einer Mähmaschine zerschnittene Plastikteile gefressen habe. Chollet hat die letzten 20 Jahre vor seiner Pensionierung im Unterhalt der Kläranlage Hard in Winterthur gearbeitet. «Ich bin mir Scheissdreck also gewohnt», sagt er augenzwinkernd.

Sitzbank war der Auslöser

Angefangen hatte alles mit einer Sitzbank eines benachbarten Bauern. Dort hatte sich ein Knecht beschwert, dass heruntergefallene Birnen die Bank verdreckten und er sie deshalb nicht mehr benutzen konnte. Ihm zuliebe habe er die Bank geputzt, erzählt Chollet. Und damit wie auch mit den Güseltouren will er noch lange nicht aufhören. «Es müsste schon etwas Schlimmes passieren», sagt er. Die Touren böten ihm nämlich ein regelmässiges Velo-Training – mit Abwechslung.

Einen Lohn erhält er dafür keinen. «Das will ich auch nicht», sagt er. Denn damit bewahre er sich seine Unabhängigkeit. Er könne seine Touren fahren, wann und so oft er wolle. «Und ich bin zu nichts verpflichtet.» Natürlich spreche er sich mittlerweile mit dem Gemeindearbeiter ab, der die Abfallkörbe in der Gemeinde leert. Dieser rückt auch aus, wenn die Menge oder die Dimensionen so gross sind, dass ein Transport mit dem Fahrrad nicht mehr möglich ist. Und mittlerweile hat Chollet auch schon einen Früchtekorb oder einen Einkaufsgutschein für den örtlichen Volg als Dank vom Gemeinderat erhalten. (Landbote)

Erstellt: 08.08.2018, 16:46 Uhr

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