Wiesendangen

Er will den Sprung nach Kolumbien wagen

Mark Wiesendanger verkaufte während über zehn Jahren kolumbianisches Handwerk an verschiedene Fairtrade-Läden. Doch der Markt ist umkämpft. Nun will er vom wachsenden Tourismus in Kolumbien profitieren. Auch wegen seiner Tochter. 

Will mehrere Monate pro Jahr als Reiseführer in Kolumbien verbringen: Mark Wiesendanger, hier im Garten des Elternhauses im Wiesendanger Weiler Stegen.

Will mehrere Monate pro Jahr als Reiseführer in Kolumbien verbringen: Mark Wiesendanger, hier im Garten des Elternhauses im Wiesendanger Weiler Stegen. Bild: Madeleine Schoder

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn Mark Wiesendanger von den Kolumbianern spricht, dann verwendet er meist die Pluralform: Wir. Mehr als einmal greift sich der 45-Jährige mit der rechten Hand auf die linke Brust, krallt dabei die Finger und sagt: «Kolumbien ist eine Herzensangelegenheit.» Als ob er in seinen Brustkorb greifen wollte, um seinem Gegenüber zu zeigen: Schau her, mein Herz ist wirklich gelb-blau-rot. Wiesendanger ist ein «Colombiano de Corazon», ein Kolumbianer im Herzen.

Verliebt in Kolumbien hat sich der Bauernsohn aus dem Wiesendanger Weiler Stegen 2005. Damals bereiste er als Rucksacktourist Südamerika. Nebst einem zweimonatigen Freiwilligeneinsatz in einem peruanischem Kinderheim war Kolumbien das grosse Highlight.

Skepsis wandelte sich in Faszination

Dabei hatte er zuerst gezögert, das Land zu besuchen. Zusammen mit einem Frauenfelder, den er in Ecuador in einem Hostel kennengelernt hatte, wagte er den Grenzübertritt. Am Ende blieb er drei Monate. «Kolumbien – da denkt man an Drogen und Kriminalität. Doch ich habe sehr gastfreundliche Menschen kennen gelernt. Es ist eine perfekte Mischung: schöne Landschaften, liebenswürdige Leute, mitreissende Salsa-Musik und exzellentes Essen», schwärmt Wiesendanger im Garten des Elternhauses, der mit seinem Bananenbaum tropisch anmutet.

In den Jahren danach war er immer wieder in Kolumbien. Mit ein Grund war erneut die Liebe: Die zu seiner damaligen kolumbianischen Partnerin Luz Adriana Neira, Leiterin der dortigen Spitalclown-Organisation «Fundación Doctora Clown». Bei seinen regelmässigen Besuchen begegnete Wiesendanger irgendwann dem Naturprodukt Tagua, das aufgrund seiner Beschaffenheit auch pflanzliches Elfenbein genannt wird.

Fairtrade-Läden unter Druck

Fasziniert von den Schmuckstücken aus diesem Material, baute er 2008 eine Boutique für kolumbianisches Kunsthandwerk im ehemaligen Bauernhaus der Eltern in Stegen auf. Über zehn Jahre hat er von diesem Handel gelebt, belieferte viele Fairtrade-Läden in der ganzen Schweiz und verkaufte die Produkte an unzähligen Ständen an Afro-Pfingsten, Weihnachtsmärkten, Festivals und Messen.

Heute ist seine Boutique zu, der Handel für den Moment eingestellt. «Ich bin komplett ausgeschossen», sagt Wiesendanger, im Garten sitzend. Der Markt des «pflanzlichen Elfenbeins» sei gesättigt, zudem würden viele Fairtrade-Läden ums Überleben kämpfen. Zwar hat sich der Umsatz von Fairtrade-Produkten gemäss einer aktuellen Studie des Dachverbands Swiss Fair Trade von 2011 bis 2018 auf 865 Millionen Franken mehr als verdoppelt. «Aber den Löwenanteil machen die Lebensmittel aus», sagt Wiesendanger.

Neues Standbein schaffen

Tatsächlich beträgt der Anteil des Verkaufs von Kunsthandwerk weniger als ein Prozent. Dazu kommt, dass auch Grossverteiler mittlerweile faire Lebensmittel anbieten: «Dadurch sinkt die Kundenfrequenz in den kleineren Fairtrade-Läden.»

Wiesendanger befindet sich im Umbruch und will sich vermehrt einem wachsenden Markt in Kolumbien widmen, dem Tourismus. Er, der das Land gut kennt und liebt, hat bereits mehrere Gruppen durch Kolumbien begleitet oder vor der Abreise individuelle Routen für Alleinreisende und Gruppen zusammengestellt. Dabei ist er von einer Reiseagentur angestellt. «Das könnte ein neues Standbein werden», sagt er.

«Noch nicht so verbraucht»

Seit seinem ersten Besuch vor 14 Jahren hat sich das Land extrem entwickelt. Der Friedensprozess mit der Entmilitarisierung der FARC-Rebellen schritt voran, 2016 erhielt der kolumbianische Präsident für diese Bemühungen den Friedensnobelpreis.

Durch die kriminelle Vergangenheit ist das Land «touristisch noch nicht so verbraucht», wie Wiesendanger sagt. «Die Herzlichkeit der Leute, die sich über jeden Besucher freuen, bleibt hoffentlich noch lange erhalten.» Selber habe er übrigens noch nie das Gefühl gehabt, dass es in Kolumbien gefährlicher sei, als an anderen Orten. «Das einzige Risiko ist, dass du bleiben willst», zitiert er einen ehemaligen Werbeslogan des Landes.

Irgendwie geht es immer

Mittlerweile nehmen die Flugverbindungen nach Kolumbien zu, im Dezember wird eine Folge der ZDF-Sendung Traumschiff mit Florian Silbereisen in Kolumbien spielen. Das fördert den Tourismus, birgt aber Risiken. Die Stadt Cartagena an der Karibikküste mit ihren Kreuzfahrtschiffen und dem Konsumtourismus zeigt diese exemplarisch auf: «Dort hat sich durch den Tourismus schon viel verändert.» So könne man dort bereits in Dollar zahlen, werde in englisch angesprochen und viele Restaurants seien am Abend geschlossen, wenn die Kreuzfahrtschiffe abgelegt haben. Befürchtet er keinen Übertourismus? «Nein, Cartagena ist da zum Glück noch eine Ausnahme.»

«Kolumbien ist eine perfekte Mischung: schöne Landschaften, liebenswürdige Leute, mitreissende Salsa-Musik und exzellentes Essen»Mark Wiesendanger

Wiesendanger will den Gästen die Vielfalt des Landes näherbringen: «Es gibt eigentlich alle vorstellbaren Vegetationsformen und Klimazonen in diesem Land, von Bergen über Dschungel bis hin zu extrem trockenen Gebieten an der Atlantik- oder sehr feuchten Gebieten an der Pazifikküste.» Dadurch sei das Land sehr durch seine Regionen geprägt: «Jedes Departement hat seine eigenen Spezialitäten, sei es Musik, Bräuche oder Essen, auf die sie sehr stolz sind.» Die gewisse Unordnung passt Wiesendanger auch: «Kolumbien ist ein Land der Improvisation.» «Si se puede», irgendwie gehe es immer.

Was er nicht mag, ist der Pablo-Escobar-Tourismus. Solche Touren über das Leben des ehemaligen Drogenbarons würde er auf seinen Reisen nicht anbieten. «Kolumbien wird oft darauf reduziert, aber wir haben das satt.»

«Zu fest Schweizer»

Wenn man Wiesendanger bei seinen Schwärmereien zuhört, taucht unweigerlich die Frage auf: Hat er nie über Auswandern nachgedacht? «Doch, das könnte ich mir nach wie vor vorstellen. Dafür bin ich aber vielleicht ein bisschen zu fest Schweizer.» Gegenüber der Schweiz vermisse er in Kolumbien manchmal die Zuverlässigkeit und eine gewisse soziale Sicherheit. Die Kopflastigkeit der Schweizerinnen und Schweizer stört ihn wiederum hier. «Ich habe beides in mir. Das Beste wäre ein Mix aus beiden Ländern: Neugierige, offene und spontane Menschen mit zuverlässigen Strukturen.»

Wiesendanger ist seit dreieinhalb Jahren stolzer Vater einer Tochter, die mit ihrer Mutter in Kolumbien lebt. «Deshalb will ich nun noch mehr in Kolumbien sein. Der Tourismus eignet sich sehr gut dazu.» Dank seiner Tochter besitzt er eine Aufenthaltsbewilligung und darf so legal im Land arbeiten. Seine Idealvorstellung: Ein gut bezahlter Sommerjob in der Schweiz, eine Anstellung als kolumbianischer Reiseführer in den Wintermonaten. Wie er das anstellen will, weiss er noch nicht genau. Er wird sicher auch improvisieren müssen. Si se puede.

Vortrag von Mark Wiesendanger über Kolumbien, Monta, 16.09.2019, 19 Uhr, Kirchgemeindehaus Gachnang

Erstellt: 15.09.2019, 17:33 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles