Heimkosten

«Es ist viel passiert, bis ein Kind im Heim ist»

In vielen Gemeinden geben die Kosten für Kinder, die in einem Heim untergebracht sind immer wieder zu reden. Über den Sinn der Institutionen verliert kaum einer ein Wort. Werner Kuster, Gesamtleiter des Schulheims Elgg, steht Red und Antwort zu den Ausgaben.

Übungen, die das Vertrauen in die Mitmenschen fördern, gehören auch zum Unterricht der internen Sonderschule des Schulheims Elgg. Hier müssen die Kinder einem Mitschüler oder einer Mitschülerin «blind» vertrauen und sich durch den Raum steuern lassen.

Übungen, die das Vertrauen in die Mitmenschen fördern, gehören auch zum Unterricht der internen Sonderschule des Schulheims Elgg. Hier müssen die Kinder einem Mitschüler oder einer Mitschülerin «blind» vertrauen und sich durch den Raum steuern lassen. Bild: Madeleine Schoder

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Herr Kuster, ein Gemeindepräsident erklärte kürzlich an der Budgetversammlung, dass ihn die Kosten für Heimplatzierungen gar nicht so sehr ärgern würden. Er habe einst als Sozialvorstand einen Fall begleitet und dieser junge Mann sei heute vorbildlich in die Gesellschaft integriert. Die Kosten dafür hätten sich gelohnt. Doch dieser Tenor ist selten. Viel öfter wird über die «horrenden Heimkosten» geschimpft. Wie begegnen Sie dieser Stimmung?
Werner Kuster: Wir haben in unserer Institution ein sehr hohes Kostenbewusstsein. Es geht schliesslich um Steuergelder und ich zeige gerne, was mit diesen passiert. Wir können nicht einfach wahllos Geld ausgeben, sondern werden von mehreren Ämtern sowie einer externen Revisionsstelle überwacht. Man muss aber auch sehen, woher die Kosten kommen.

10 000 Franken pro Monat ist die magische Zahl, welche die Stimmbürger an den Gemeindeversammlungen zum Raunen bringt. Entspricht diese überhaupt der Realität?
In etwa. Bei uns kostet der Aufenthalt im Heim pro Kind und Jahr 88 000 Franken. Darin enthalten sind Wohnen, Essen und Betreuung 24 Stunden lang an 365 Tagen sowie notwendige Therapien. Wenn ein Kind unsere Sonderschule besucht, kommen nochmals 20 000 Franken dazu. Das sind dann 108 000 Franken pro Jahr, für welche die Gemeinden aufkommen müssen. Der Kanton und der Bund übernehmen aber auch noch einen Teil der Vollkosten, die bei 166 000 Franken für das komplette Programm liegen.

Was macht den Hauptteil dieser Kosten aus?
Das ist ganz klar die Betreuung. Wir haben hohe gesetzliche Auflagen zu erfüllen. Alle Mitarbeitenden in der Betreuung müssen eine sozialpädagogische Ausbildung haben, alle Lehrer eine Weiterbildung in Heilpädagogik, die Klassen haben höchstens acht Schüler. Das schreibt das Gesetz vor und das ist auch richtig so. Die Zeiten, in denen die Heimväter Könige waren und mit den Kindern tun und lassen konnten, sind vorbei. Zum Glück! Es reicht nicht, wenn Betreuungspersonen gerne Kinder mögen und ihre Autorität durchsetzen können. Es braucht Fachwissen, um mit den verschiedenen Hintergründen der Kinder umgehen zu können. Wir möchten ihnen auch ein soziales Umfeld und sinnvolle Beschäftigung bieten, zum Beispiel mit Ferien- und Freizeitangeboten.

Braucht es so etwas, ist der Kritiker geneigt zu fragen?
Unbedingt. Diese Kinder sind im Leben oft zu kurz gekommen und diese Zeit ist nun vorbei. Wir möchten sie animieren, ihre Zeit zu gestalten und wenn sie etwas Besonderes möchten, müssen sie ihren Beitrag leisten.

Wie sieht der aus?
Eine Gruppe möchte dieses Jahr ins Ausland reisen. Sie müssen sich an den Kosten beteiligen. Dafür haben sie Äpfel aus dem eigenen Garten gedörrt und Guetzli gebacken und diese dann verkauft. So haben sie circa 600 Franken für ihre Reise gesammelt.

Oft kritisiert sind auch die teuren und manchmal als unnötig verschrienen Therapien. Wie viel kosten diese?
Es ist ein Klischee, dass die Therapien die Kostentreiber sind. Sie machen nur einen kleinen Teil der Gesamtkosten aus. Ein Therapeut verbringt wöchentlich vielleicht eine Stunde mit einem Kind. Die Betreuung findet aber 24 Stunden pro Tag statt.

Was fehlt den Kindern, die im Schulheim Elgg leben?
Die Gründe, warum ein Kind zu uns kommt, sind vielfältig. Die meisten von ihnen haben psychische Probleme. 60 Prozent kommen darum nach einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik zu uns. 10 bis 15 Prozent kommen aus Pflegefamilien, bei denen das Zusammenleben nicht mehr möglich war. Einige der Kinder sind Waisen. Und manchmal kommen sie auch direkt aus ihren Familien, die mit dem Verhalten oder den psychischen Problemen ihrer Kinder überfordert sind. Bei uns herrscht ein wohlwollendes Umfeld. Fehlverhalten wird nicht geduldet, aber das Klima bleibt immer wertschätzend. Das ist wichtig, damit die Kinder lernen und sich auf positive Art entwickeln können. Wenn ein Kind zum Beispiel unter einer Angststörung leidet und darum das Haus zum Teil über Jahre hinweg nicht mehr verlässt oder nicht mehr zur Schule geht, muss man das ernst nehmen. Man kann dann nicht einfach sagen, dass sie sich mal zusammenreissen sollen.

Haben die Eltern dieser Kinder ihre Verantwortung nicht wahrgenommen?
Die Politik zeigt gerne mit dem Finger auf die Eltern. Aber das ist falsch. Die meisten kostet es viel Überwindung, ihr Kind in ein Heim zu geben. Aber sie haben nicht immer die Möglichkeit, die Herausforderungen zu meistern. Dennoch sind 80 bis 90 Prozent freiwillige Platzierungen, die nach einem Gutachten von Fachstellen wie zum Beispiel dem schulpsychologischen Dienst in Absprache mit den Eltern erfolgen. Nur selten haben wir mit der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) zu tun.

Das erstaunt. Die Kesb ist nach dem Fall Flaach stark in Kritik geraten, sie nehme Eltern die Kinder weg.
Dieses Bild ist politisch kolportiert. Auch dass Kinder teils aus nichtigen Gründen fremdplatziert werden, stimmt nicht. Es ist immer schon sehr viel passiert, bis ein Kind zu uns kommt. Wir sind auch immer bereit, mit den Behördenvertretern in Kontakt zu treten und uns auszutauschen. Zudem veranstalten wir von Zeit zu Zeit Infoanlässe. Über konkrete Fälle sprechen wir natürlich nur im Rahmen des Datenschutzes.

Wird das Angebot von den Behörden genutzt?
Manchmal schon, manchmal wird aber viel geschimpft und wenn wir einladen, kommt keiner. Wir sind bemüht, Vertreter aller politischen Lager ins Boot zu holen. Das Wort «Heim» ist mit vielen Klischees und Vorurteilen beladen, die auch politisch genutzt werden.

Wie das?
Kürzlich habe ich eine Anfrage von drei Kantonsräten erhalten. Sie wollten unter anderem wissen, wie die Zusammensetzung aus Schweizern und Ausländern bei unseren Kindern ist und wie viele der Schweizer Migrationshintergrund haben.

Was haben Sie geantwortet?
Die Platzierung in einem Heim hat – entgegen der häufigen Wahrnehmung – weder mit Nationalität noch mit Gesellschaftsschicht zu tun. 80 Prozent unserer Kinder sind Schweizer, 20 Prozent Ausländer. 10 Prozent der Schweizer haben Migrationshintergrund. Die Zahlen sind eine Analyse der letzten zehn Jahre. Wir kämpfen gegen das Klischee des «Bösen-Buben-Heims». Einige unserer Kinder kommen aus gut gebildeten Mittelstandsfamilien. Etliche sind sehr intelligent und haben gute Umgangsformen. Aber sie leiden zum Beispiel unter psychischen Problemen, weshalb sie weder in der Regelschule noch in ihrem bisherigen Umfeld bleiben können.

Die Heimkosten geben derzeit auch politisch zu reden. Das neue Kinder- und Jugendheimgesetz soll 2019 in Kraft treten. Wie bringen sich die Institutionen ein?
Wir hoffen bei der Finanzierung auf ein Solidaritätsprinzip. Ich kann verstehen, wenn die Gemeinden von den Kosten belastet werden, weil sie zufällig einen Fall im Dorf haben. Aus unserer Sicht wäre es sinnvoll, dass sich alle Gemeinden zum Beispiel nach ihrer Einwohnerzahl an den gesamten Heimkosten beteiligen. Das würde wohl viel Druck aus der Sache nehmen.

(Der Landbote)

Erstellt: 03.01.2017, 18:10 Uhr

Werner Kuster ist Gesamtleiter des Schulheims in Elgg.

Das Schulheim Elgg

Fünf Wohnhäuser und eine Schule

Seit 1977 hat das Schulheim seinen Sitz in Elgg. Gegründet wurde die Institution 1863 unter dem Namen «Rettungsanstalt für arme verwahrloste Kinder auf Sonnenbühl» und hatte ihren ersten Standort in der Nähe von Brütten. Heute wird das Schulheim von einem Verein getragen und hat Platz für 48 Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren. Die eigene Sonderschule hat 34 Plätze. Wenn möglich besuchen die Kinder die Regelschule. Die Jugendlichen können, wenn nötig, in der Institution bleiben, bis sie ihre Lehre beendet haben. Das Schulheim begleitet die Kinder teilweise auch nach dem Austritt und bietet beispielsweise auch aufsuchende Familienarbeit an. Die Institution hat fünf Wohnhäuser in verschiedenen Gemeinden, eine Verwaltung, ein Schulhaus und zwei Lehrlingswohnungen. Derzeit wird in Hagenbuch ein neues Wohnhaus gebaut, welches dasjenige in Eschlikon ersetzt. Das Heim hat 45 Vollzeitstellen für die gesamte Betreuung an 365 Tagen an 24 Stunden. Etliche Berufsbilder sind dabei vertreten. Die Gesamtausgaben der Schulheims lagen 2015 bei rund 7,4 Millionen Franken. Je nach finanziellen Verhältnissen müssen sich die Eltern an den Kosten beteiligen. Bei Waisen wird auf das Erbe zugegriffen.

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