Neftenbach

Flucht in die heile Schweiz

Ein kleines Mädchen kam 1946 aus dem kriegsversehrten Österreich nach Neftenbach, für Kleidung und fettes Essen.

Kinder aus Kriegsgebieten reisten nach Kriegsende auch nach Neftenbach.

Kinder aus Kriegsgebieten reisten nach Kriegsende auch nach Neftenbach. Bild: pd

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«Wir hatten nichts.» Nichts zu essen, nichts anzuziehen. Gudrun Koseliek kam auf die Welt, als Europa brannte. Manchmal, als sie noch ganz klein war, heulten Sirenen los in Judenburg, einem Städtchen in der Nähe des österreichischen Graz. Dann packte die Mutter Gudrun und ihre beiden Brüder und floh in den Keller. Dort hörten sie, wie Flieger der Alliierten über das kleine Städtchen donnerten, um Graz zu bombardieren.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges waren es 56 Luftangriffe auf Graz, die weite Teile der Stadt in Schutt verwandelten. Und den Überlebenden, wie Kriege das auch heute noch tun, nur wenige Illusionen auf eine Perspektive hinterliessen.

Durch das Gewusel am Bahnhof in die unbekannte Schweiz: Die Butterkinder.

Einen halben Tag Bahnfahrt in Richtung Westen liegt Neftenbach, wo zur ungefähr gleichen Zeit Maya Gislers Mutter ihre drei Kinder an die frische Luft schickte. Sie sollten spazieren gehen, rund um ein Feld zwischen Neftenbach und Pfungen. Also gingen sie. Maya Gisler erinnert sich noch heute an das unheimlich Surren, das plötzlich in der Luft lag. Direkt über ihren Köpfen stürzte ein Bomber in Richtung der Wiese. Er wurde über Deutschland angeschossen, flog über den Bodensee in die Schweiz und kam nun nicht mehr weiter. Die drei Kinder liefen schreiend und weinend nach Hause.

Bei Gudrun Koseliek im steirischen Judenburg änderte sich nach dem Krieg auch das Zuhause. Ihr Vater war im Krieg gestorben. Ihre Grossmutter hatte einen Kiosk, eine Trafik, wo Gudrun Koselieks Mutter ab und zu aushelfen konnte. Sonst lebten sie von der Fürsorge. Das Geld änderte wenig, wo es nichts gibt, kann man nichts kaufen.

Drei Soldaten bei der Witwe

Mit dem Kriegsende besetzte die russische Armee den Grossraum Graz. Drei russische Soldaten wurden bei der Witwe Koseliek untergebracht. «Das gefiel meiner Grossmutter ganz und gar nicht», erinnert sich Gudrun Koseliek. Kurzerhand zog die Grossmutter ebenfalls ein, um auf Tochter und Enkel achtzugeben. Aus Angst, es könnte etwas passieren, schliefen alle drei Kinder, die Mutter und die Grossmutter in einem Zimmer.

«Die Gasteltern wiederum sprachen in unverständlichem Dialekt und suchten statt Gudrun und Paul nach «Gundi» und «Poili».»Gudrun Koseliek

Die Situation in Österreich war nach dem Krieg prekär. Die Schweiz kannte das Problem von Kriegsversehrten und hungernden Kindern in Europa. Seit 1942 setzte sich das Rote Kreuz für sie ein, vor allem in Frankreich. Ab Kriegsende wurde die Hilfe auf 17 europäische Länder ausgeweitet, auch auf Deutschland und Österreich. Ein Teil der humanitären Tradition der Schweiz. Und, wie der Historiker Peter Hug schreibt, ein Mittel, wie die Schweiz die aussenpolitische Isolation nach den Kriegsjahren überwinden konnte.

Es sei keine leichte Entscheidung für ihre Mutter gewesen, sagt Gudrun Koseliek. Mit schwerem Herzen habe sie ihre zwei Kinder zum Zug in Richtung Schweiz gebracht. Für die beiden war es ein Abenteuer. Eine Fahrt, ohne das Ziel zu kennen. Aber nach fünfzig Kilometern lag Gudrun Koseliek bereits im Lazarett-Wagon. Vom Dampf der Lokomotive war ihr die ganze Fahrt über schlecht. Über zwölf Stunden bis nach Winterthur.

Zwölf Stunden dauerte die Reise von Graz nach Winterthur.

Am Bahnhof in Winterthur: Gewusel. Kinder liefen umher, an ihrem Hals hingen Schilder mit Name, Adresse von zu Hause und Geburtsdatum, ohne zu wissen, wer ihre Gasteltern sind. Die Gasteltern wiederum sprachen in unverständlichem Dialekt und suchten statt Gudrun und Paul nach «Gundi» und «Poili». Sie fanden sich trotzdem. Drei Monate blieb Gudrun bei der Gastfamilie Seiler in Neftenbach. Es war der erste von mehreren Aufenthalten in der Schweiz als eines von 12'389 österreichischen «Butterkindern», die laut dem Roten Kreuz im Jahr 1946 in der Schweiz aufgenommen wurden.

Schoggi und Butter

Gudrun Koseliek hat nur gute Erinnerungen an die Zeit in der Schweiz. Sie sei sehr liebevoll aufgenommen worden, überall steckte man ihr und ihrem Bruder Schoggi zu, die unterernährten Kinder aus dem Krieg wurden richtiggehend aufgepäppelt, mit Schokolade, Milch und eben Butter. Daher der Name für die Kinder aus dem kriegsversehrten Österreich, die Butterkinder.

Unterernährte Kinder wurden zur Erholung in die Schweiz gebracht.

Gudrun lebte bei der Familie im Seilerhüsli in Neftenbach. Teil davon war eine kleine Landwirtschaft mit Hühnern und Ziegen und viel Platz. Sie spielten Verstecken, die Gegend war wie geschaffen dafür. Noch heute erinnert sich Gudrun Koseliek an den Spruch: «Hinterem alte Puurehuus, staat en alti Tanne, wenn s Joggeli fürechunnt…»

«Maaa, ihr warts in der Schweiz»

Wenn sie und ihr Bruder in eine Gesellschaft von Schweizern kamen, wurden sie oft gebeten, irgendwas aus der Heimat zu singen. Dann stellten sich die zwei hin und sangen «I bin a Steirer Bua», ein Volkslied aus der Steiermark. Ein kleiner Kulturaustausch zwischen Alpenbewohnern.

Grosszügige Eltern

Als Gudrun Koseliek nach diesem ersten Aufenthalt zurück nach Judenburg bei Graz kam, wurde sie von allen beneidet. «Maaa, ihr warts in der Schweiz», hätten sie gesagt. «Ihr seht so gesund und gut aus.» Die erste Zeit zurück in der Steiermark habe sie nur Schweizerdeutsch geredet und niemand habe sie verstanden, sagt Gudrun Koseliek.

Bei einem ihrer nächsten Aufenthalte in der Schweiz, das war 1949, traf sie in der Schule in Neftenbach die Tochter der Bäckersleute Hug. Sie ging in dieselbe Klasse wie Gudrun. Die zwei verstanden sich sofort.

«Irgendwo ist immer Krieg, und irgendwo sind immer Leute auf dem Weg an einen besseren Ort»Maya Gisler

Bei Maya Hugs Eltern in der Bäckerei gab es neben viel Trubel auch viel Arbeit, die Kinder mussten oft mithelfen. Als aber Gudrun da war, erinnert sich Maya Hug, da waren ihre Eltern sehr grosszügig mit der Tochter. Sie bekam viel Freizeit und konnte so oft mit Gudrun unterwegs sein. Es war eine unbeschwerte Zeit. Bis Gudrun wieder ging. Für Maya Hug war das damals unverständlich. Rund siebzig Jahre werden sich die beiden nicht mehr sehen. Aber nie vergessen.

Ohne Namen auf der Suche

Gudrun Koseliek hat die Verbindung nach Zürich über die Jahre nicht verloren. Regelmässig besuchte sie die Söhne der ehemaligen Gastfamilie. Und im letzten Dezember wollte sie nochmals Neftenbach sehen. Vieles hat sich verändert, aus der Bäckerei ist ein Sonnenstudio geworden. Aber der Dorfplatz sah noch ähnlich aus, das Schulhaus war noch da. Auf der Gemeinde suchte sie nach Namen von früher, wer mit ihr zur Schule gegangen war, wer dieses Mädchen von den Versteckspielen war. Doch inzwischen hatte Maya Hug geheiratet, inzwischen heisst die Gisler. Es war eher ein blindes Stochern als eine richtige Suche.

Aber warum hatte Gudrun Koseliek gerade jetzt das Bedürfnis, nochmals nach Neftenbach zu gehen und nach der damaligen Freundin zu suchen, nach Spuren der vergangenen Zeit? «Vielleicht», überlegt Koseliek, «vielleicht weil mir jetzt vieles wieder in den Sinn kommt von früher. Oder vielleicht weil an vielen Orten wieder Krieg ist auf der Welt.»

Gudrun Koseliek kam als Butterkind nach Neftenbach.

Eigentlich habe es ja gar nie aufgehört, überlegt sich auch Maya Gisler. Kriegsversehrte und Flüchtlinge, die gab es die ganze Zeit über, bloss weiter weg. «Irgendwo ist immer Krieg, und irgendwo sind immer Leute auf dem Weg an einen besseren Ort», sagt sie.

Aber Parallelen zu heute ziehe sie nicht, sagt Gudrun Koseliek. Die Unterschiede von heutigen Flüchtlingen und Europa seien viel grösser. Die Kultur, die Mentalität, das sei ganz anders.

Die Gemeinde Neftenbach konnte mit all ihren Registern Gudrun Koseliek und ihrem Begleiter nicht weiterhelfen. Sie mussten ohne Hinweis wieder gehen. Der Sohn der ehemaligen Gastfamilie platzierte dann noch einen kleinen Bericht im «Neftenbacher». Prompt meldete sich Maya Gisler. Sie habe sofort gewusst, das Mädchen da auf dem alten Foto, das ist ihre Gudrun. Sie machte die österreichische Adresse ausfindig, setzte sich hin und schrieb einen Brief. Per Du, als ob keine Zeit vergangen wäre, seit sie zusammen beim Seilerhüsli Verstecken spielten. (Landbote)

Erstellt: 04.04.2019, 16:41 Uhr

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Die Schweizer Spende an die Kriegsversehrten

Während und nach dem Zweiten Weltkrieg engagierten sich verschiedene Schweizer Hilfsorganisationen für kriegsversehrte Kinder. 1942 gründete das Schweizerische Rote Kreuz seine Kinderhilfe. Fokussierte sie sich erst auf Frankreich und Belgien, wurde nach Ende des Krieges die Hilfe auf 17 europäische Staaten ausgeweitet, darunter auch Deutschland und Österreich.

Der Bundesrat fasste 1944 die Tätigkeiten der verschiedenen Hilfswerke, unter anderem die des Roten Kreuzes, unter der Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten zusammen und stattete die Organisationen mit über 150 Millionen Franken aus. Die Schweizer und Schweizerinnen trugen mit Spenden in Höhe von 47 Millionen Franken dazu bei. Diese humanitäre Hilfe sollte auch die aussenpolitische Isolation der Schweiz nach dem Krieg überwinden.

Als Butterkinder wurden vor allem Kinder aus Österreich bezeichnet. Im Rahmen der Kinderhilfe konnten Kinder aus Kriegsgebieten drei Monate bis zu einem halben Jahr lang zu Gasteltern in die Schweiz kommen. Die Gasteltern mussten sich dafür selber melden. Von 1946 bis 1955 konnten auf diese Weise 180 000 Kinder aufgenommen werden. In diesen Jahren kamen mehrere solche Kinder im Raum Winterthur bei Familien unter. (lio)

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