Pfungen

Flüchtlingshilfe vor dem Aus gerettet

Ohne Trägerverein wäre der Fortbestand des Flüchtlingshilfswerks Khaïma von Pfarrer Andreas Goerlich gefährdet. Da sich keine neuen Vorstandsmitglieder finden liessen, wollte sich der Verein auflösen. Die Rettung erfolgte in letzter Minute.

Die Pfarrhauswohnung gegen ein Zimmer im Nordirak eingetauscht: Flüchtlingspfarrer Andreas Goerlich.

Die Pfarrhauswohnung gegen ein Zimmer im Nordirak eingetauscht: Flüchtlingspfarrer Andreas Goerlich. Bild: pd

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Angesichts des grossen Elends syrischer und jesidischer Flüchtlinge im Nordirak verabschiedete sich Andreas Goerlich 2016 von Pfungen. Der Pfarrer mit süddeutschen Wurzeln, der auch die Tschernobylhilfe für verstrahlte Kinder aus Weissrussland gegründet hatte, wollte sich zwei Jahre lang ganz der Flüchtlingsarbeit im Nordirak widmen.

Er siedelte in die kurdische Distrikthauptstadt Dohuk über, wo er vorher schon oft während seiner Ferien gewesen war, um vor Ort Arbeitsplätze zu fördern, medizinische Hilfe zu organisieren und den Ärmsten zu helfen.

Ganz auf sich alleine gestellt, konnte der Kirchenmann sein Hilfsprojekt aber nicht stemmen, das wusste er vor seiner temporären Auswanderung. Er brauchte eine Administration im Hintergrund, die Spendengelder und Hilfsgüter sammelte, verwaltete und in den Irak spedierte.

«Schützendes Zelt»

In Pfungen, wo er zuvor drei Jahre lang als Pfarrer tätig war, gründete er zusammen mit einigen Hilfsbereiten, die das humanitäre Engagment ihres scheidenden Pfarrers schon kannten und schätzten, im Herbst 2016 der Verein Khaïma. Der Name bedeutet so viel wie «schützendes Zelt».

«Ich habe einen zuverlässigen Stellvertreter gefunden, der die Projekte im Irak weiterführt.»Pfarrer Andreas Goerlich

Khaïma agierte mit Erfolg. Rund 177 000 Franken Spendengelder, grösstenteils aus dem Raum Winterthur, konnte der Verein im vergangenen Jahr für die Flüchtlinge im Irak einsetzen. Das gab der Verein an der Generalversammlung Anfang Juli bekannt.

So konnten etwa Kleinkredite zum Aufbau eines eigenen Geschäfts oder für einen Elektrorollstuhl vergeben werden. Ausserdem werden vier Psychologen für Projekte zur Betreuung von traumatisierten Kindern und jugendlichen Flüchtlingen im Gefängnis finanziert.

Im Irak hat sich der süddeutsche Theologe ausserdem seelsorgerisch und für den Interreligiösen Dialog engagiert. Mit Unterstützung des Logistikunternehmens DHL wurden sieben Kisten à 50 Kilogramm mit Stoffen, Nähutensilien, Medikamenten, Spiel- und Bastelwaren sowie Pulswärmern in den Irak transportiert.

Erschwerte Bedingungen

Im Frühling sah sich die Kassierin von Khaïma, Suzanne Vogt, aber zunehmend mit Problemen bei der Überweisung der Spendengelder konfrontiert, wie Präsident Heinz Nachbur an der Generalversammlung sagte. Pfarrer Goerlich sei in Kurdistan kaum mehr an die überwiesenen Gelder herangekommen.

Gleichzeitig hatte die irakische Regierung nach dem Unabhängigkeitsreferendum der Kurden den Flughafen der Hauptstadt Erbil gesperrt. «Dadurch ist auch der Hilfsgüterversand stark eingeschränkt worden», sagte Nachbur.

Die Vorstandsmitglieder hätten in dieser Zeit enorm viel geleistet, betonte Präsident Nachbur. Der Vorstand werde nun, wie von Anfang an angekündigt, nach zweijähriger Amtszeit zurücktreten.

«Trotz Aufruf bei den Mitgliedern konnte niemand gefunden werden der die Arbeit weiterführt.» Deshalb habe Andreas Goerlich beschlossen, den Trägerverein aufzulösen, so Nachbur. Diese Nachricht war auf der Traktandenliste angekündigt worden.

Randegger neuer Präsident

Eine rege Diskussion entstand. Christian Randegger, seines Zeichens Theologe, Krisenexperte und Notfallseelsorger aus Elgg, plädierte dafür, den Verein nicht aufzulösen und stellte der Versammlung die Frage ob es jemanden gebe, der mit ihm zusammen den Verein weiterführen würde. Zwei Frauen meldeten sich: Jasmin Dinkwa und Gabriele Lai.

Goerlich, der auch anwesend war, bekräftigte, dass er sich eine Mitarbeit nach wie vor vorstellen könne, «allerdings nicht in dem zeitlichen Aufwand wie bisher». Die 21 Anwesenden nahmen Randeggers Antrag, den Verein Khaïma nicht aufzulösen, daraufhin einstimmig an.

«Auf Sparflamme»

Inzwischen laufen die in den letzten Monaten gestarteten Projekte auf Sparflamme weiter. Goerlich ist, wie geplant, nach seinem zweijährigen Irak-Aufenthalt in die Schweiz zurückgekehrt, wo er zurzeit eine Pfarrstellvertretung in Lachen SZ inne hat.

Danach wolle er sich im Kanton Zürich wieder als festangestellter Pfarrer niederlassen, sagt der 54-Jährige, der nach eigenen Worten nie Lohn von Khaïma bezog. «Unser Administrativaufwand liegt bei tiefen 3,4 Prozent.» Darauf ist er stolz. «Die Spenden für Khaïma kommen eins zu eins bei den Flüchtlingen an.»

Dass er «seine Flüchtlinge» und Khaïma nicht im Stich lassen wird, ist klar. Er werde hin und wieder seine Ferien dort verbringen. «Ansonsten habe ich einen zuverlässigen Stellvertreter gefunden, der die Projekte dort weiterführt», sagt Goerlich.

(Der Landbote)

Erstellt: 20.07.2018, 17:48 Uhr

Artikel zum Thema

«Flüchtlingspfarrer» spaltet Kirchgemeinde

Pfungen Soll Andreas Goerlich in zwei Jahren wieder der Gemeindepfarrer von Pfungen werden? Die ausserordentliche Kirchgemeindeversammlung hat deutlich entschieden, diese Frage in die Hände einer Pfarrwahlkommission zu legen. Mehr...

Lichtblicke in einer traumatisierten Welt

Pfungen Pro Tag erhält der Pfungemer Verein Khaïma ein Dutzend Spendenanträge, wie Pfarrer Andreas Goerlich an der Jahresversammlung sagte. Mehr...

«Für die Hilfswerke ist das ein Frust»

Dohuk/Pfungen Andreas Goerlich ist seit August im Nordirak, um Flüchtlingshilfe zu leisten. Der ehemalige reformierte Pfarrer von Pfungen berichtet aus Dohuk. Er erklärt, warum die Offensive gegen Mosul noch keine Flüchtlingsströme auslöst. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!