Exekutiven

Frauen bleiben eine klare ­Minderheit in Gemeinderäten

Frauenanteil Die Hälfte der Bevölkerung ist weiblich. Trotzdem sind Frauen in den Exekutiven der Region stark untervertreten. Auch bei den Ressorts gibt es eine Auffälligkeit.

In der Politik dominieren nach wie vor die Männer. In vielen Exekutivgremien der Region sind sie in der Überzahl.

In der Politik dominieren nach wie vor die Männer. In vielen Exekutivgremien der Region sind sie in der Überzahl. Bild: Enzo Lopardo

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In den vergangenen Wochen und Monaten kam da und dort Euphorie auf, was die Vertretung der Frauen in der Politik betrifft – international, national und auf der Ebene der Gemeinden. Noch nie kandidierten so viele Frauen für die US-Kongresswahlen. In der Christlich Demokratischen Union Deutschlands (CDU) setzte sich eine Frau gegen zwei Männer im Kampf um den Parteivorsitz durch. In der Schweiz wurden zwei Frauen in den Bundesrat gewählt. Und bei den Wahlen für die Behörden der neuen, per 1. Januar fusionierten Gemeinde Stammheim holten die Frauen die meisten Stimmen. Im zweiten Wahlgang ums Gemeinderats- und Schulpräsidium setzten sich zwei Frauen gegen ihre männlichen Konkurrenten durch. Das Ergebnis: In der neuen Gemeinde Stammheim wird der Frauenanteil 50 Prozent betragen. Und das Präsidium, das Vizepräsidium sowie das Schulpflegepräsidium werden Frauen ausüben. Zur Erinnerung: An den Spitzen der vier alten Gemeinden Waltalingen, Oberstammheim, Unterstammheim und der Schulgemeinde standen vier Männer. Sie alle hatten kein Interesse, für die Behörden der neuen Gemeinde zu kandidieren.

Nur sieben Präsidentinnen

Während im Stammertal die Frauen entsprechend ihrem 50-Prozent-Anteil in der Bevölkerung im neuen Gemeinderat vertreten sein werden, stellt sich darüber hinaus die Frage: Wie hoch ist der Frauenanteil in den übrigen Gemeinden der Region? Wie viele Gemeindepräsidentinnen gibt es? Im Frühling wurden die kommunalen Behörden für die Amtszeit 2018 bis 2022 neu gewählt. Im Sommer traten die Neugewählten ihre Ämter an und in den Gemeinderäten wurden die verschiedenen Ressorts verteilt.

Der «Landbote» zählte in den 52 Politischen Gemeinden der Region nach (siehe Karte), die Stadtgemeinden Winterthur und Illnau-Effretikon inklusive. In all diesen Gemeinden gibt es entweder fünf, sechs oder sieben Exekutivmitglieder. Diese Zahlen entsprechen jeweils 100 Prozent, von denen dann der Frauenanteil berechnet wurde. Über alle Politischen Gemeinden hinweg betrachtet liegt dieser Anteil bei 23,3 Prozent, also lediglich bei knapp der Hälfte des Anteils der Frauen an der Gesamtbevölkerung. Was die Gemeindepräsidien betrifft, so gibt es nur in sieben der 52 Gemeinden eine Gemeindepräsidentin. Namentlich sind dies: Benken, Thalheim, Trüllikon, Altikon, Hagenbuch, Seuzach und Zell.

In zwei Fällen über 50 Prozent

Über dem Durchschnittswert von 23,3 Prozent liegen 21 Politische Gemeinden, in 31 Gemeinden gibt es weniger Gemeinderätinnen. In Dachsen, Humlikon, Unterstammheim, Dägerlen, Ellikon an der Thur, Pfungen und Wila gibt es gar keine Frauen in den Gemeinderäten. In der grössten Gruppe mit 14 Gemeinden beträgt der Frauenanteil 20 Prozent, was bedeutet: In den fünfköpfigen Gemeinderäten sitzt eine Frau. Einzig in Marthalen und Wiesendangen liegt die Frauenvertretung mit 57,1 Prozent über der Hälfte der Bevölkerung.

In vier Gemeinden liegt dieser Wert bei 14,2 Prozent, in sechs Fällen bei 16,7 Prozent. In acht Politischen Gemeinden beträgt der Frauenanteil 28,6 Prozent, in zwei Fällen 33,3, in sieben Fällen 40 und in zwei Gemeinden 42,9 Prozent.

Viele Frauen im Sozialen

Wie viele Frauen es in den Gemeinderäten der Region gibt, das ist die eine Frage. Die andere Frage lautet, welche Ressorts diese Gemeinderätinnen innehaben. Nach dem konservativen Geschlechterstereotyp leiten Männer die «harten» Ressorts wie Bau, Finanzen oder Sicherheit, während Frauen die «weichen» Ressorts wie Soziales, Gesundheit, Bildung oder Kultur übernehmen. Diese Vermutung wurde anhand der Daten über die 52 Politischen Gemeinden in der Region überprüft. Dabei stellten sich ein paar methodische Schwierigkeiten. So gibt es nicht in allen Gemeinden gleich viele, gleichartige und gleichnamige Ressorts, was den Vergleich erschwert. Das Ressort Kultur ist meist ans Gemeindepräsidium gekoppelt, das wiederum in 45 von 52 Fällen von Männern besetzt wird. Das Bildungsressort seinerseits befindet sich in der Regel ausserhalb der Politischen Gemeinde in einer Schulgemeinde. Eine Ausnahme ist die Einheitsgemeinde, in der die Schule integriert ist.

Folgende sechs Aufgabenbereiche finden sich allerdings in jeder Gemeinde, sodass sie auch für die Untersuchung ausgewählt worden sind: Tiefbau/Werke, Hochbau, Finanzen, Landwirtschaft/Forst, Sicherheit und Soziales. Trifft das stereotype Geschlechterklischee zu, so müssten im Ressort Soziales vor allem Frauen zu finden sein, während in den anderen fünf vorwiegen Männer anzutreffen wären.

Im Falle der Sozialressorts trifft die Vermutung klar zu: In den 52 Politischen Gemeinden gibt es insgesamt 72 Gemeinderätinnen – 27 von ihnen haben das Ressort Soziales inne. Männliche Sozialvorstände gibt es folglich 25. Hier liegt der Frauenanteil also bei über 50 Prozent. Bemerkenswert ist auch folgender Befund: In 24 der 52 Gemeinden gibt es nur eine einzige Frau im Gemeinderat – und diese hat in 16 der 24 Fälle ausgerechnet das Sozialressort inne.

Bei den – vermeintlich – männlichen Ressorts sehen die Frauenanteile folgendermassen aus: In den Ressorts Tiefbau/Werke und Landwirtschaft/Forst gibt es je bloss sechs Gemeinderätinnen. Im Ressort Finanzen liegt dieser Wert bei sieben, im Sicherheitsressort bei acht Frauen. Hochbauvorsteherinnen gibt es immerhin elf in der Region.

Stichprobe von 42 Personen

Haben die Gemeinderäte und Gemeinderätinnen ihre Ressorts wählen können? Und haben die Aufgabenbereiche vom Thema her mit ihrem Beruf oder ihrer Ausbildung zu tun? Um Antworten auf diese zwei Fragen zu erhalten, hat der «Landbote» aus allen sechs Ressorts nach dem Zufallsprinzip Gemeinderätinnen und Gemeinderäte ausgewählt und angeschrieben. 42 Personen haben an der Umfrage teilgenommen, 22 Männer und 20 Frauen. 15 Frauen und 13 Männer gaben an, dass sie bei der Ressortvergabe wählen konnten respektive ihr Wunschressort erhielten. Auch bei der Frage nach dem Bezug zu Beruf und Ausbildung gibt es keine nennenswerten Unterschiede zwischen Männern und Frauen. So sagten vier Gemeinderätinnen und fünf Gemeinderäte, dass ihr Ressort einen solchen Bezug habe. Die grosse Mehrheit, nämlich 28 Personen, sehen keinen thematischen Bezug zu ihrem Beruf oder zu ihrer Ausbildung. Vier Männer und eine Frau gaben an, dass dies teils der Fall sei.

Gleich oft wählen können

In der Gruppe der 52 Sozialressortvorstände wurde eine grössere Stichprobe von 18 Personen gezogen, neun Frauen und neun Männer. Sowohl acht Sozialvorsteherinnen als auch acht Sozialvorsteher gaben in der Umfrage an, dass sie dieses Ressort wählen konnten. Die Frage, ob ein Bezug zu Beruf und Ausbildung bestehe, beantworteten vier Frauen und ein Mann mit Ja.

Dass gleich viele Frauen wie Männer das Sozialressort wählen konnten, widerlegt – zumindest in dieser Stichprobe – die Vermutung, dass Frauen in das stereotyp als «weiblich» bezeichnete Ressort gedrängt wurden. Ein Beispiel ausdrücklicher Freiwilligkeit gibt es im Stammertal. Waltalingens Gemeinderätin Ilona Diriwächter tauscht in der neuen Gemeinde Stammheim das bisherige Hochbauressort gegen die neuen Aufgabenbereiche Fürsorge, Alter, Jugend und Gesundheit. Sie habe den Wechsel gewünscht, sagt sie. «Nach zwölf Jahren als Hochbauvorstand habe ich mich entschieden, ein anderes Ressort anzupacken. Es ist für mich eine neue Herausforderung und ich freue mich auf diese Aufgabe.» (Der Landbote)

Erstellt: 30.12.2018, 15:56 Uhr

In Prozent: Die Frauenanteile in den 52 Gemeinde- respektive Stadträten der Region in Prozent. (Bild: Quelle: red, Grafik: da)

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