Winterthur/Wila

Früher war nicht alles besser

Sie haben in Berufsfeldern gearbeitet, deren goldene Zeiten vorbei sind: Lilian Gubler-Meier wirtete, Werner Müller baute Lokomotiven. Für die Denkmaltage erinnern sie sich, ohne der Vergangenheit nachzutrauern.

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Ein Auto nach dem anderen fährt am Ochsen in Wila vorbei, doch zu wenige kehrten ein, und heute trinken hier nur noch Wohnungsmieter ihr Bier. Von Wikiki-Bar bis Shisha-Lounge – nichts wollte in den vergangenen Jahren funktionieren. Das goldene Beizenschild ist seit 2013 unbeschriftet.

Dabei hat der Ochsen eine lange Geschichte. Er war die Wilemer Dorfbeiz und wurde bereits 1599 erstmals erwähnt. Während des Zweiten Weltkriegs schliefen Soldaten auf Strohbetten im Saal. Damals mittendrin: Lilian Gub­ler-Meier, heute 87. Im Ochsen war sie schon lange nicht mehr und zum Beizensterben sagt sie: «Das muss so sein. Die Leute haben eine Wirtschaft nicht mehr nötig.»

«Wir haben geknüttelt.»Lilian Gubler-Meier,
ehemalige Wirtin

Auch Werner Müller denkt ähnlich, wenn er heute dort vorbeigeht, wo er früher Lokomotiven montierte. Ein haushohes Plakat verkündet an der ehemaligen Montagehalle Rapide in Winterthur: «Gestern Lokschmiede, heute innovativer Stadtteil». Fünf rote Kräne sind Zeichen dieser Veränderung. «Das ist der Lauf der Zeit und gut so», sagt Müller.

Keine Zeit für Zöpfchen

Als Lilian Gubler-Meier sieben war, kauften ihre Eltern den Wilemer Gasthof Ochsen, der aus Restaurant, Metzgerei und Gästezimmern bestand. Das bedeutete für die Primarschülerin: weg von Zürich und ab aufs Land.

Die Familie schuftete. Die Mutter war morgens die Erste in der Metzg und abends die Letzte in der Wirtschaft. Niemand hatte Zeit, dem Mädchen die Zöpfchen zu machen, also schnitt sie sich kurzerhand die Haare ab. Arbeiter assen günstige Tagesmenüs. Bauern jassten und handelten Kälber. Lilian Gubler-Meier wurde früh eingespannt und musste für alle da sein. Nach der Sek wollte sie Kindergärtnerin werden. Doch für ihren Bappe war klar: Die Tochter soll im Familienbetrieb arbeiten.

Also blieb sie und wirtete später, obwohl sie nicht wollte. Fragt man Lilian Gubler-Meier heute, was ihr am Wirten besonders gefallen habe, muss sie lange überlegen. Das fehlende Privatleben überwiegt. Der Ochsen hatte sieben Tage in der Woche offen. «Die Stammgäste wurden fast wütend, wenn wir an Weihnachten mal einen Tag geschlossen hatten», sagt sie. «Wir haben geknüttelt.»

In der Firma duschen

Auch Werner Müller berichtet von harter Arbeit. Als Maschinenschlosser-Lehrling stemmte er in der Montagehalle Rapide in Winterthur eine 48-Stunden-Woche und verdiente 25 Rappen in der Stunde. Pausen gab es keine, vielleicht mal ein Sandwich, aber «mit dreckigen Töpen».

«Wenn es schlimm war, stopfte ich mir Watte in die Ohren.»Werner Müller,
ehemaliger
Lokomotivmonteur

Doch wenn Werner Müller mit drei ehemaligen Arbeitskollegen spricht, scheint es, als sei die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) keine Firma gewesen, sondern eine Glaubensgemeinschaft. Sie nennen sich Lokianer. Alle blieben über Jahrzehnte in der Firma. Werner Müller etwa arbeitete sich vom Stift zum Logistiker hoch, büezte 47 Jahre in der SLM.

«Wo anfangs nur Bauteile waren, fuhr am Schluss eine Lokomotive weg», sagt Müller. Für dieses gemeinsame Ziel habe man alles gegeben, wie eine Familie. Zur Blütezeit war diese in Winterthur 1500-köpfig. In der Montagehalle sei es immer laut gewesen: Maschinenlärm und harsche Worte der Vorgesetzten. Wenn es schlimm war, stopfte sich Werner Müller Watte in die Ohren. Auch am Samstag arbeiteten die Lokianer, duschten in der Firma und gingen dann ins Wochenende.

Das Privatleben schätzen

Lilian Gubler-Meiers Mann lehrte sie, wie es sich anfühlt, ein Privatleben zu haben. Beide verliessen den Ochsen und bauten in Hörnen ob Bauma ein Haus, dort, wo man nur Hügel und den Himmel sieht. Fortan managte sie den Hausdienst des lokalen Spitals. «Es war die schönste Zeit meines Lebens», sagt Lilian Gubler-Meier heute.

Nach einem strengen Tag kam sie nach Hause und genoss den Feierabend – fern ab vom stressigen Wirteleben im Ochsen. Wenn immer möglich fuhr das Paar ins Tessiner Ferienhaus. «Ich habe mehr Wehmut nach dieser Zeit als nach dem Ochsen», sagt Lilian Gubler-Meier. Denn da habe sie einen grossen Teil des verpassten Privat­lebens nachholen können.

Darauf betont sie nochmals: «Es ist klar, dass es heute weniger Beizen gibt.» Früher habe kaum jemand ein Wohnzimmer mit Sofa gehabt, heute fast jeder und dazu erst noch einen Fernseher und ein Auto für Ausflüge. Auch sie sei immer mit der Zeit gegangen und habe sich angepasst.

Mit den Lokianern mitfühlen

Werner Müller tauschte derweil die dreckigen Hände gegen den Bleistift und plante die Fabrikation der Lokomotiven. Als die SLM in Winterthur schloss, war er bereits pensioniert, fühlte jedoch mit seinen Lokianer-Kollegen mit.

Es ist das einzige Mal, dass Werner Müller kurz melancholisch wird, um dann sachlich anzufügen: «Es war absehbar und logisch. Niemand brauchte mehr Lokomotiven, weil die Motoren in modernen Zügen in den Wagen selbst untergebracht sind.»

Auch heute würde Werner Müller einen Job in der Eisenbahnindustrie wählen. Die Arbeit sei nicht weniger spannend, einfach anders. (Der Landbote)

Erstellt: 13.09.2018, 10:16 Uhr

Europäische Tage des Denkmals in der Region Winterthur

Die Europäischen Tage des Denkmals finden jährlich in der ganzen Schweiz statt, dieses Jahr über vier Wochenenden im September verteilt – in Winterthur und Region am kommenden Wochenende. Ziel ist es, das Interesse an Kulturgütern zu wecken. Alle Anlässe sind gratis.

Im Museum Schaffen in der Winterthurer Halle Rapide vis-à-vis der Zürcherstrasse 42 gibt es am Wochenende diverse Veranstaltungen: Samstags um 11 Uhr kommentieren Werner Müller und andere ehemalige Mitarbeiter der SLM historische Fotos. Zwischen 10 und 17 Uhr gibt es stündliche Kurzführungen ins alte Firmenarchiv, das bald in den Kanton Aargau nach Windisch verlegt wird.

Um 10 Uhr startet eine Führung durch die neu entstehende Lokstadt, um 13 Uhr eine zu den städtebaulichen Herausforderungen in Winterthur. Samstags zwischen 15 und 21 Uhr und sonntags zwischen 14 und 17 Uhr findet der Ausstellungsparcours «Zeit. Zeugen. Arbeit» zum letzten Mal statt, bei dem Menschen unterschiedlichen Alters den Wandel der Arbeit beleuchten. Am Sonntag um 17 Uhr tritt das Jazzquartett Five on Fire zur Finissage auf.

Auch ausserhalb der Halle Rapide werden die Europäischen Tage des Denkmals gelebt: Am Samstag finden im Dampfzentrum um 10, 11.30, 13.30, 15 und 16.30 Uhr industriegeschichtliche Zeitreisen statt. Zudem werden dort von 10 bis 18 Uhr Bilder zum Arbeitsleben auf dem Sulzer-Areal und im Quartier Tössfeld ausgestellt. Wer selbst Bilder zum Thema besitzt, darf diese gerne mitbringen und so dem «Bildarchiv Winterthur online» hinzufügen.

Am Samstag um 15.30 Uhr startet am Lagerplatz 3 eine Führung zu Zeugen des Eisenbahnzeitalters. Schliesslich gibt es im Lokdepot an der Rundstrasse 5 am Samstag um 10.30, 11, 13.30, 14.30 und 15.30 geführte Rundgänge durch das Lokomotivdepot.

Im Ortsmuseum Wila an der Tösstalstrasse 33 wird am Samstag und Sonntag jeweils von 13 bis 17 Uhr die Ausstellung «Gasthäuser & Gasthöfe in Turbenthal & Wila, einst und jetzt» eröffnet. Bilder, Gegenstände, Texte sowie Hörstationen - unter anderem zu Lilian Gubler-Meier – sind ausgestellt.

Der Besuch im Ortsmuseum kann mit einer Führung durch das ehemalige Kurbad Gyrenbad kombiniert werden, die an beiden Tagen jeweils um 11 Uhr stattfindet. Eine Anmeldung für die Führung ist bis morgen Freitag unter 043 497 04 07 oder info@kulturdetektive.ch nötig.

Mehr Informationen zu allen ­Veranstaltungen gibt es auf www.hereinspaziert.ch

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