Seuzach

Fünf Einsichten und ein Ziegelstein

Schlechte Nachrichten zu überbringen, ist eine Kunst. Der Zustellbeamte Stefan Meili beherrscht sie: Im Auftrag des Betreibungsamtes trägt er die Zahlungsbefehle zu den Schuldnern. Er erzählt fünf Dinge, die er in seinem Beruf gelernt hat.

Stefan Meili bringt säumigen Schuldnern den Zahlungsbefehl an die Haustür.

Stefan Meili bringt säumigen Schuldnern den Zahlungsbefehl an die Haustür. Bild: Madeleine Schoder

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Stefan Meili überbringt schlechte Nachrichten und zwar beruflich. Er arbeitet Teilzeit beim Betreibungsamt in Seuzach und stellt Zahlungsbefehle zu. Dabei verlässt sich Meili vor allem auf gute Manieren. Ein Rezept, das sich bewährte. Bloss einmal wollte ihm jemand einen Ziegelstein nachwerfen.

Wenn man Dinge kauft und nicht bezahlt, bekommt man eine Mahnung, dann eine zweite, je nach Nervenkostüm des Gläubigers vielleicht eine Dritte. Wobei man eigentlich nicht einmal gemahnt werden muss, bevor jemand eine Betreibung einleitet. Doch das sind Spezialfälle.

«Ich klingle auch in Gegenden, wo der Garten rund um die Häuser reicht und zwei oder drei schöne Autos in der Garage stehen.»Stefan Meili, Zustellbeamte 

Irgendwann jedenfalls platzt dem Gläubiger der Kragen und er leitet eine Betreibung ein. Das heisst, das Betreibungsamt stellt einen Zahlungsbefehl aus, den der Schuldner persönlich aufdem Betreibungsamt abholen muss. Das tun aber viele nicht. Und hier kommt der Zustellbeamte Meili ins Spiel. Er geht an zwei Tagen in der Woche von Schuldner zu Schuldner und überbringt die Zahlungsbefehle. In den zwanzig Jahren, in denen das Meili bereits tut, hat er einige Einsichten gesammelt.

  • Schuhe können lügen.

Die grössten Verräter stecken an unseren Füssen. Wenn man seine Schuhe arglos vor der Tür stehen lässt, flüstern sie dem, der dort wartet, einiges über deren Träger zu. Sind sie mit Farbklecksen übersät oder voller Beton und Staub? Ein Maler oder Bauarbeiter. Sind sie poliert und fein geschnitten? Eher ein Manager trägt sie. Als Meili einmal eine Auswahl an hohen Stöckelschuhen sah, war er nicht verblüfft, als eine zierliche kleine Frau öffnete. Eine kleine zierliche Frau, die beruflich Aufleger-Sattelschlepper fährt. Manchmal führen einem die Schuhe nämlich auch auf falsche Fährten.

  • Glaub nicht, was du siehst.

Früher wäre Stefan Meili solchen Leuten wie ihm eher aus dem Weg gegangen: tätowiert, von oben bis unten, überall Piercings. Dann musste Meili an seiner Tür klingeln. Und darauf noch einige Male. Der Mann wohnt in einem Block, in dem Meili häufig unterwegs ist. Heute geht Meili ihm nicht mehr aus dem Weg, im Gegenteil. Manchmal ergibt sich sogar ein kurzes Gespräch im Treppenhaus.

  • Türen-Knallen hilft nicht.

Jemand habe einmal gesagt, eine Gemeinde sei ein Dienstleister. Das gab Meili zu denken. Seine Leistung ist Freundlichkeit, kam er zum Schluss. Meist ist er die erste Person des Betreibungsamtes, mit denen die Schuldner in Kontakt kommen, Meili steht am Anfang einer mal kurzen mal längeren Zusammenarbeit. Wem hilft es, wenn beim nächsten Mal auch ihm nicht mehr geöffnet wird? Wenn Meili freundlich ist, erspart er den Schuldnern die Polizei. Kein schlechter Dienst.

  • Shit happens.

Stefan Meili brachte schon jedem einen Zahlungsbefehl: Mittdreissiger, die vor einer längeren Reise eine Rechnung versäumt haben, Sozialfälle, die nicht wissen, wie sie alles bezahlen sollen, Banker, die sich ein Machtspiel mit dem Steueramt leisten. Meili klingelt in Gegenden, wo der Garten rund um die Häuser reicht und zwei oder drei schöne Autos in der Garage stehen. Oder auch in Quartieren, wo alte, günstige Reihenhäuser oder Blöcke aus den Sechzigern stehen. Es kann jeden treffen. Manche mehrmals.

  • Peinlich ist es, wenn man es peinlich macht.

Der Bereich des Betreibungsamtes Seuzach, wo Meili arbeitet, umfasst rund 23000 Einwohner in 7 Gemeinden.Trifft er einen «Kunden» auf der Strasse, nickt er ihm zu, als ob sie sich einfach privat kennen würden, aus einem Verein oder aus der Feuerwehr.

Manchmal klingelt er an einer Tür, die er kennt. Aber peinliches Schweigen und Rumgedruckse, das gibt es nicht. Meili sagt, wenn er es nicht peinlich mache, werde es das auch nicht. Warum sollte es das auch sein? Und falls es dem Gegenüber trotzdem unangenehm ist, dann rede er einfach, im Notfall über irgendwas, das hat Meili in seinem Beruf gelernt. Und er beherrscht sein Geschäft. Viele Leute sagen, sie schätzen, wie dasBetreibungsamt mit ihnen umgeht: «Hier wird man noch wie ein Mensch behandelt», sagen sie. Ein grosses Kompliment für jemanden, über den sich niemand freut, wenn er klingelt.

  • BONUS: Der Ziegelstein

Das eine Mal, als Meili beinahe einen Ziegelstein hinterhergeworfen bekam, war das eher ein Missverständnis. Ein Ehepaar, unverdächtige Schuhe, beide hatten Betreibungen. Meili klingelte. Die Frau wollte nicht dass ihrMann öffnet, er tat es trotzdem. Ob ihre Wut, in Form des Ziegelsteins, der vor Meilis Schuhen landete, wirklich dem Zustellbeamten galt, ist nicht sicher. Nächstes Mal werden sie ihm wohl trotzdem wieder öffnen. (Landbote)

Erstellt: 20.05.2019, 17:09 Uhr

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