Wiesendangen

«Fünf Minuten vor der ersten Präsentation zersprang die Arbeit in tausend Stücke»

Confiseurin Vanessa Schnyder war als Expertin an der Berufs-WM im russischen Kasan im Einsatz. Im Interview erzählt sie von überraschenden Kreationen und einem grossen Schockmoment.

Vanessa Schnyder (links) mit der von ihr trainierten Kandidatin Rahel Weber in Kasan.

Vanessa Schnyder (links) mit der von ihr trainierten Kandidatin Rahel Weber in Kasan. Bild: PD

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Vanessa Schnyder, Sie bewerteten letzte Woche als Confiseur-Expertin an der Berufs-WM im russischen Kasan haufenweise Desserts. Was war das interessanteste Erlebnis?
Vanessa Schnyder: Das war wohl der Austausch mit Expertinnen und Experten aus anderen Ländern. Wir sprachen oft über verschiedene Herangehensweisen und Techniken bei der Arbeit. Und natürlich waren die Arbeiten der Teilnehmenden sehr interessant und wie sie von den Experten auf diese Weltmeisterschaft vorbereitet worden waren.

Worin unterscheidet man sich?
Viele Länder bereiten ihre Kandidatinnen und Kandidaten in Schulen speziell auf diese Weltmeisterschaft vor. Nicht wie bei uns, wo die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nebenbei die meiste Zeit arbeiten.

Was mussten die Confiseure während den vier Wettkampftagen konkret abliefern?
Das Überthema war Formel 1, weil im Frühling das tausendste Rennen stattgefunden hatte. Am ersten Tag mussten alle ein Zuckerschaustück und einen Behälter für zehn Marshmallow-Lollis herstellen. Am zweiten Tag stand eine zweistöckige Buttercreme-Torte auf dem Programm. Zwei verschiedene Sorten Pralinés folgten am dritten Tag. Zum Schluss mussten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch ein dressiertes Butterkonfekt herstellen sowie ein Erdbeer-Tartlet als Dessert anrichten.

Klappte alles bei Ihrer Kandidatin Rahel Weber?
Es gab leider ein Missgeschick am ersten Tag. Fünf Minuten vor der ersten Präsentation zersprang ihr Zuckerschaustück, eine Strasse mit Autoteilen, in tausend Stücke.

Das Zuckerschaustück vor dem Missgeschick. Bild: PD

Ui! Was war passiert?
Während des Transports auf den Präsentationstisch ging etwas schief. Wir wissen nicht genau wie, aber schlussendlich kam der Teller vielleicht schräg auf dem Tisch an und das Zuckerschaustück zerbrach auf dem Präsentationstisch.

Wie haben Sie reagiert?
Zuerst war es ein grosser Schock und relativ emotional. Schliesslich haben wir fast ein Jahr auf diesen Wettkampf trainiert. Man fühlt extrem mit, da bricht einem fast selber das Herz. Aber dann sagte ich ihr, dass sie den Wettkampf in den letzten zehn Minuten noch abschliessen müsse. Was mich sehr beeindruckt und stolz gemacht hat: Am nächsten Tag gab sie wieder Vollgas, ohne das man ihr etwas angemerkt hätte.

Wie gross war später die Enttäuschung?
Das Schöne in der Schweiz ist, dass das Leben trotzdem weiter geht. Ob wir nun mit einer Goldmedaille zurückkehren oder nicht, verändert unser Leben nicht wirklich. Viel gelernt hat man vor allem im Training zuvor. Das ist auch ein Unterschied zu anderen Ländern, wo die Weltmeister beispielsweise Geld, ein Haus oder einen Job auf Lebenszeit erhalten.

Gab es grosse Unterschiede zwischen den Desserts der verschiedenen Länder?
Ja, vor allem bei der Buttercreme-Torte. Die asiatischen Confiseure füllten die Torte deutlich weniger. Sie legten mehr Wert darauf, wie die Torte von aussen aussieht, als auf das Interieur.

Gab es auch Kombinationen, die Sie positiv überrascht haben?
Ja, es gab ein Praliné mit einer Yuzu-Füllung, eine asiatische Zitrusfrucht, einen knusprigen Waffelboden und einer Lage Marzipan zuunterst. Aber alles konnte ich nicht probieren, da wir 24 Experten für 23 Kandidaten waren.

Sie hatten 2014 in Taiwan den Vize-Weltmeistertitel gewonnen. Nun waren Sie erstmals als internationale Expertin tätig. Was ist der grösste Unterschied bei diesem Rollenwechsel?
Als Kandidatin wurde ich schön behütet, damit ich die bestmögliche Leistung abrufen konnte. Da wurde ich auch mal massiert, wenn ich verspannt war. Als Expertin war ich hingegen ständig im Einsatz und hatte wenig Schlaf. Dafür hatte ich mehr Austausch mit anderen, als Kandidatin war ich ziemlich isoliert. Und: In der Jury lernte ich vor allem während des Wettkampfs dazu, als Kandidatin lernte ich davor viel und wollte dann vor Ort einfach nur abliefern.

Sind mit den anderen Expertinnen und Experten Freundschaften entstanden?
Auf jeden Fall. Ich reise im Oktober nach Neuseeland. Und zufälligerweise geht meine Reise über Bangkok und Hongkong. Die dortigen Experten werde ich dann vor Ort besuchen, um einen tieferen Einblick in ihre Arbeit zu erhalten.

Erstellt: 02.09.2019, 17:52 Uhr

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