Zell

«Harmonie war nicht mein Ziel»

Martin Lüdin war einer der auffälligsten Gemeinde­präsidenten in der Region. Nun tritt er zurück und sagt, was er sich für die Gemeinde Zell und das Tösstal erhofft.

Martin Lüdin im Zeller Ortsteil Zell: «Es stimmt, dass mich die Gemeinde fasziniert.»

Martin Lüdin im Zeller Ortsteil Zell: «Es stimmt, dass mich die Gemeinde fasziniert.» Bild: Johanna Bossart

Herr Lüdin, warum sind Sie nach einer Karriere in der Wirtschaft in die Politik eingestiegen?
Martin Lüdin: Ich arbeitete deutlich mehr als 100 Prozent und wusste, ich kann mit der Pension nicht sofort auf Null hinunterfahren. Deshalb kandidierte ich 2006 für den Gemeinderat und wurde überraschend gewählt. Bald kamen weitere Ämter hinzu.

Kandidierten Sie aus einem Pflichtgefühl heraus?
Ich fand es spannend, etwas Neues zu wagen. Zudem wollte ich mehr beitragen, als nur Steuern zu bezahlen. Richtig den Ärmel reingenommen hat es mir, als ich als Vorbereitung für das Gemeindepräsidium an der Fachhochschule St. Gallen Gemeindeentwicklung studiert habe. Das hat mir neue Horizonte eröffnet

Sie waren gerne Gemeindepräsident. Um Ihre Nachfolge hat es keinen Wahlkampf gegeben, woran liegt das?
Wir haben mit einer Neuorganisation der Behörden und Verwaltung versucht, Behördenämter attraktiver zu gestalten. Das Pensum der Gemeinderäte ist gesunken und sie können sich vor allem um spannende politische Aufgaben kümmern. Vielleicht hätte man das vor den Wahlen stärker betonen sollen.

Trotz der Reformen: Gibt es die aktuellen Strukturen auch in 30 Jahren noch?
Ich glaube nicht, dass die Gemeinde Zell in dieser Grösse noch im Alleingang besteht. Man muss sich vergegenwärtigen, wie die Strukturen entstanden sind. Das war zu Napoleons Zeiten, wo eine Kirche war, entstand eine Gemeinde. Heute würde eine Gemeinde mit anderen Grenzen festgelegt – die heutigen Strukturen sind überholt. Die Gemeinden sind eng miteinander vernetzt.

«Ich glaube nicht,  dass Zell in 30 Jahren noch im Alleingang  besteht.»Martin Lüdin

Sind Kirchenfusionen wie in Turbenthal und Wila ein Schritt zu politischen Zusammenschlüssen im Tösstal?
Es gibt diverse solche Zwischenschritte. Sehr vieles wird bereits gemeinsam organisiert: Das Zivilstandsamt, der Zivilschutz oder die KESB zum Beispiel. Und das wird so weitergehen. Die Aufgaben werden komplexer. Als Milizpolitiker wird es da schwieriger mit den zuständigen Amtsstellen beim Kanton zu verhandeln. Um die Interessen in Zürich zu vertreten, braucht es eine starke Verwaltung im Rücken.

Sie gehen davon aus, dass eine Grossfusion im Tösstal bald wieder Thema wird?
Im Gemeindegesetz hat es dazu klare Aussagen: Der Kanton hat den Auftrag, Zusammenlegungen zu fördern. Mit der viel gelobten Gemeindeautonomie ist es leider nicht sehr weit her. Durch die zahlreichen Zweckverbände und anderen Formen der Zusammenarbeit wird die Ausübung der demokratischen Rechte der Einwohner bereits heute eingeschränkt. Gemeindezusammenlegungen werden Realität werden. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Welche Gemeinden in der Region stossen zuerst an Grenzen?
Je kleiner die Gemeinde ist, desto grösser sind die Herausforderungen. Die Initiative sollte aber von den kleineren Gemeinden kommen. Ansonsten wirkt es rasch wie Machtgehabe des Grösseren. Deshalb sollte Zell nicht die Initiative ergreifen.

Der Trend geht derzeit im Tösstal eher in eine andere Richtung. Überregionale Projekte wie die Kulturscheune in Turbenthal oder das Hallenbad in Bauma haben es schwer. Niemand will Beiträge zahlen. Auch der Naturpark ist gescheitert.
Wenn man auf andere Gemeinden zugeht, und dabei vor allem über die Kosten spricht, dann ist das nicht visionär. Man sollte vorher eine Vorstellung davon entwickeln, wie die Zusammenarbeit insgesamt aussehen könnte. Es braucht Visionen.

Also, wie soll die Gemeinde Zell in 30 Jahren aussehen?
Ich hoffe, dass wir dann zu einem Verbund der Gemeinden im mittleren Tösstal gehören. Es stellen sich bis in 30 Jahren aber noch weitere Fragen: Wo steht dann Winterthur? Die bipolare Grossstadt mit zwei grösseren Bahnhöfen, beim heutigen Hauptbahnhof und im Gebiet Grüze-Nord, bietet für das Tösstal auch neue Chancen.

Der Siedlungsdruck steigt dadurch weiter.
Nein, das ist durch verschiedene regulatorische Vorgaben eingeschränkt, etwa durch die Kulturlandinitiative. 80 Prozent der Entwicklung soll im urbanen Raum stattfinden. Zudem ist das Bauland in den Gemeinden begrenzt.

Sie sind ein grosser Fan ihrer Gemeinde. Gelegentlich tragen Sie sogar ein T-Shirt mit dem Zeller Wappen. Würde es sie nicht reuen, wenn das nicht mehr möglich wäre?
Nein, die gleiche Identität mit der Gemeinde wäre auch in einem grösseren Gebilde möglich. Es stimmt, dass mich die Gemeinde Zell – seit ich sie genauer kenne – fasziniert. Die Region als Ganzes kann jedoch genauso begeistern.

«Im Gemeinderat geht es nicht darum, dass man es schön und gemütlich hat.»Martin Lüdin

Sie hatten als Gemeindepräsident klare Vorstellungen und Visionen und sind damit auch angeeckt, wie ging das im Gemeinderat?
Mein Ziel war es nicht, Harmonie zu schaffen. Es gibt immer Kritik- und Konfliktpunkte. Entscheidend ist, dass man daraus das Wesentliche herausnimmt, denn Kritik enthält auch Chancen. In einem Gemeinderat geht es nicht darum, dass man es schön und gemütlich hat, sondern dass man das Beste für die Gemeinde und die Bevölkerung herausholt. Man sollte sich nach den Besprechungen aber immer noch in die Augen schauen und gemeinsam etwas trinken können.

Welche Projekte haben Sie besonders gerne umgesetzt?
SSehr spannend war es, mit der Bevölkerung ein neues Leitbild zu entwickeln. Auch für die Erneuerung der Schul-und Sportanlagen Kollbrunn habe ich mich gerne eingesetzt. Und wichtig war mir vor allem auch die Finanzstrategie. Wir haben in den letzten Jahren knapp 50 Millionen Franken (brutto) investiert. Dennoch verfügt Zell derzeit über ein Nettovermögen pro Einwohner. Da sind wir sehr gut unterwegs.

Die neuen Zugverbindungen ab Dezember haben einen Bauboom ausgelöst. Da waren hohe Investitionen nötig.
Ja. Entscheidend dabei war, dass wir wussten, wohin die Reise geht. Jahrelang habe ich an Gemeindeversammlungen erklärt, weshalb wir zusätzliche Abschreibungen machen müssen. Das wir jetzt so gut dahstehen, ist eine schöne Bestätigung.

Das schnelle Wachstum weckt auch Kritik. Man fürchtet um die Identität der Gemeinde.
Hätten wir das steuern könnten, hätten wir das sicher anders gewählt. Private Bauprojekte können wir zeitlich nicht beeinflussen. Wenn diese reif sind, wird gebaut. Wir haben aber darauf hingewirkt, dass möglichst Eigentumswohnungen entstehen. Bei Mietwohnungen gibt es viel mehr Wechsel und dadurch weniger Identifikation mit der Wohgemeinde.

Wie war für Sie der Kontakt zu den Medien?
Ich weiss, dass es Stimmen gibt, die sagen, ich sei zu oft in der Zeitung gewesen. Für mich war das nie ein Müssen. Ich habe die Projekte gerne öffentlich vertreten. Für mich ist klar: Jeder Politiker muss in die Medien. Man kann nicht im stillen Kämmerlein beraten und dann plötzlich mit einem Projekt herausplatzen. Die Bevölkerung muss teilhaben können.

Was sind Ihre Pläne nach dem Rücktritt?
Mein Ziel ist es, pro Winter 50 Tage auf den Skiern zu stehen und das möglichst bei gutem Wetter. Ich werde also viel Zeit in den Bergen verbringen. Zudem will ich pro Jahr 2000 Kilometer auf dem Velo zurücklegen. Ich freue mich aber vor allem auch darauf, mehr Zeit mit meinen Enkeln zu verbringen und mit meiner Frau zu reisen. Diesen Sommer arbeite ich als Volontär in Obersaxen für eine Oper, die aufgeführt wird. Ich helfe dort in der Küche und schaue zum Beispiel darauf, dass die Teller sauber sind.

Interview: Rafael Rohner (Der Landbote)

Erstellt: 29.06.2018, 14:41 Uhr

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Zur Person

Martin Lüdin war von 2010 bis 2018 Gemeindepräsident in Zell und vorher (2006-2010) im Gemeinderat.

Zudem präsidierte er die Regionalplanung Winterthur und Umgebung von (2010 -2018) war Präsident des Zweckverbands Alterspflegeheime Tösstal (2010-2014) und im Vorstand des
Gemeindepräsidentenverband des Bezirks Winterthur.

Zuvor war der 64-jährige Informatiker, selbständiger Unternehmer eines Kleinbetriebs und später Direktionsmitglied in einer grossen Bank. Im Dezember hatte er angekündigt, von seinen politischen Ämtern zurückzutreten.

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