Betrugsmasche

Hochdeutsch ist verdächtig

Trickbetrügereien im Kanton Zürich nehmen zu. Die Kantonspolizei warnt deshalb vor Betrügern, die sich auch als Polizisten im Kampf gegen Kriminelle ausgeben.

Dieses Jahr wurden per Betrug an Senioren alleine im Kanton Zürich bereits 1,8 Millionen Franken ergaunert.

Dieses Jahr wurden per Betrug an Senioren alleine im Kanton Zürich bereits 1,8 Millionen Franken ergaunert. Bild: Keystone

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Wie unterscheidet man einen echten von einem falschen Polizisten? Am fehlenden Dialekt. «Telefonbetrüger sprechen zu 99,9 Prozent Hochdeutsch», sagt Rolf Decker von der Präventionsabteilung der Kantonspolizei Zürich am Mittwochnachmittag im Engelsaal in Rikon.

23 ältere, vorwiegend weibliche, Personen hören ihm zu. Sie wollen wissen, wie sie sich gegen Telefonbetrüger schützen können. Obwohl - wie eine kurze Umfrage im Saal zeigt - niemand wirklich Angst davor hat.

 «Die Betrüger sind kommunikativ unglaublich stark»

«Ich kenne meine Enkel», sagt eine Zuhörerin. Jemand anderes ergänzt: «Ich hänge einfach auf, wenn ich die Person nicht kenne.»

Die Zahlen zeichnen ein anderes Bild: 2018 sind im Kanton bereits 36 vollendete Betrugsfälle bekannt. Das sind fast doppelt so viele wie im gesamten letzten Jahr. Die diesjährige Deliktssumme befindet sich mit 1,8 Millionen Franken auf dem Niveau des gesamten letzten Jahres. Im Bezirk Winterthur sind 2017 insgesamt 88 Fälle gemeldet worden.

Im Fokus: Ältere Frauen. Die Betrüger suchen Telefonbücher gezielt nach weiblichen Vornamen ab, die heute nicht mehr populär sind.

Betrüger leiteten Anruf weiter

Dass man die Gefahr trotzdem unterschätzt, ist eines der Hauptprobleme. Denn die Telefonbetrüger sind schlau. So berichtet Decker von einer älteren Frau, die zum Opfer von falschen Polizisten geworden war. Diese Frau hatte zwei Wochen zuvor einen Präventionskurs der Kantonspolizei besucht.

Als das Opfer den Namen des anrufenden Polizisten bei der Leitstelle überprüfen lassen wollte, sagte der falsche Polizist: «Super, Sie machen das genau richtig, ich verbinde sie gleich mit der Leitstelle.» Verbunden wurde sie dann mit einem Komplizen des Betrügers. Kurze Zeit später wollte das Opfer den vermeintlichen Polizisten 145 000 Franken überreichen.

Eine Masche ist etwa, dem Opfer einzureden, dass das Geld auf der Bank nicht mehr sicher sei und man es abheben solle, um einen Bankangestellten fassen zu können. Sonst sei das Geld bald weg.

Nach einem zweiten Anrufe soll man das Geld der falschen Polizei übergeben, weil der Versuch fehlgeschlagen ist und das Geld zuhause nicht mehr sicher sei.

«Wir wollen helfen»

Besonders durchtrieben sind jene Betrüger, die dem Opfer weismachen wollen, dass sie mit ihrer Hilfe einen Trickbetrüger fassen wollen. Man verhafte ihn dann bei der Übergabe. Das geschieht dann auch. Nur sind Betrüger und Polizisten dabei wieder Komplizen.

«Wir Menschen sind pro-soziale Wesen, die helfen wollen. Diese Grundhaltung ist die Schwachstelle.» Source

Die Banken kennen den Trick natürlich auch. Aber: Sie dürfen das Geld nicht verweigern, schliesslich gehört es dem Kunden. Die Betrüger manipulieren zudem ihre Anrufe so, dass falsche Nummern auf dem Display aufleuchten. Manchmal auch jene der Kantonspolizei.

Je nach Telefonanbieter steht dann «Kantonspolizei Zürich ruft an» auf dem klingelnden Telefon. Ob man dann einfach wieder so auflegt? Kommt dazu: «Die Betrüger sind kommunikativ unglaublich stark», sagt Decker. Ein vorgespieltes Beispiel demonstriert, wie schnell die Betrüger die Anrufenden unter Druck setzen und kaum zu Wort kommen lassen.

Decker ergänzt: «Wir sind pro-soziale Wesen, die den unbekannten Anrufer erkennen oder der Polizei helfen wollen.» Diese Grundhaltung sei die Schwachstelle.

(Der Landbote)

Erstellt: 12.07.2018, 15:13 Uhr

Wie schützen?

Die Kantonspolizei rät zu mehreren Vorsichtsmassnahmen:


  • Misstrauisch sein: Die Polizei verlangt nie grosse Bargeldsummen am Telefon.


  • Sicherheit verschaffen: Selber 117 anrufen und Namen und Arbeitsort des angeblichen Polizisten überprüfen.

  • Besonnen sein: Niemals Wertsachen oder Bargeld an Unbekannte geben.


  • Telefon auflegen: Anständig, aber konsequent.

  • Vorname im Telefonbuch kürzen: Aus Elfriede Müller wird so E. Müller.


  • Spam-Filter einbauen: Beim Festnetz oder Handy kommen so keine computergenerierten Anrufe mehr durch.

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