Obergericht

Höhere Strafe, weil Kinder gefährdet waren

Weil der Staatsanwalt nicht mit dem Urteil des Bezirksgerichts Winterthur zufrieden war, mussten sich Zwillingseltern aus der Region erneut verantworten. Sie hatten mit ihren Kindern in einem verwahrlosten Haushalt gelebt.

Das Zürcher Obergericht verschärft die Strafe für die Zwillingseltern.

Das Zürcher Obergericht verschärft die Strafe für die Zwillingseltern. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als «widerlich» und «eine Sauerei» beschrieben die Richter des Obergerichts Zürich gestern den Zustand des Hauses, in welchem die beiden Beschuldigten mit ihren Zwillingen im Kleinkindalter gelebt hatten. Abfall, Ungeziefer, Medikamente, zerborstene Neonröhren, Nuggis, die neben Zigarettenstummeln lagen; das zeigten die Fotos, die dem Gericht vorlagen. Die Eltern, ein Mann und eine Frau aus der Region Winterthur, hatten das Familienleben aus dem völlig verschmutzten Haus in ein Partyzelt im Garten ausgelagert. Seit zwei Jahren sind die Kinder fremdplatziert.

Im Mai letzten Jahres hatte das Bezirksgericht Winterthur die beiden wegen Verletzung der Fürsorgepflicht verurteilt. Die Mutter erhielt eine bedingte Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu 20 Franken, der Vater 100 Tagessätze zu 80 Franken und beide je eine Busse. Die Beschuldigten hätten das Urteil akzeptiert, doch dem Staatsanwalt war es zu tief. Er legte Berufung ein.

Kein Platz für Kinderbetten

Ob sie verstehen könnten, weshalb ihre Kinder fremdplatziert worden seien, fragten die Richter gestern Mutter wie Vater. Ja, das könnten sie. Ob sie die Kinder gerne wieder bei sich hätten? Ja, das hätten sie, sie wüssten jedoch nicht, wann das der Fall sein werde. «Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde sucht Gründe, um das Verfahren in die Länge zu ziehen», sagte die Mutter. Seit letztem Herbst wohnen die Eltern in einer Notwohnung, die Zwillinge befinden sich in einem Zürcher Heim.

«Auf den Fotos sieht es nicht so aus, als hätte jemand etwas anderes in diesem Haus gemacht, ausser  Abfall abzuladen.»Richter

Sie dürften die Kinder an den Wochenenden zu sich nehmen, jedoch sei in der Wohnung kein Platz für Kinderbetten und deshalb sehe sich die Familie jeweils nur am Samstag, erklärten die Eltern. Das überzeugte weder den anwesenden Staatsanwalt noch die drei Richter. «In Ihrer Situation würde ich das Schlafzimmer für die Kinder räumen und in der Badewanne schlafen», konstatierte der eine Richter. «Ihnen fehlt der Antrieb. Sie sehen beide nicht, dass Sie etwas an der Situation ändern können», sagte der andere Richter. Der Vater bemerkte denn auch, dass die Kinder über Weihnachten und Neujahr schon in der Wohnung übernachtet hätten.

Nur das Nötigste erledigt

Wie es überhaupt zur ursprünglichen Situation habe kommen können, wollten die Richter wissen. Sie sei überfordert gewesen, irgendwann habe sie im Haushalt nur noch das Nötigste erledigt, erklärte die Mutter. «Auf den Fotos sieht es nicht so aus, als hätte jemand etwas anderes in diesem Haus gemacht, ausser Abfall abzuladen», entgegnete einer der Richter. Ihr Partner hätte ja auch helfen können, antwortete die Beschuldigte. «Ich höre immer nur, dass andere etwas hätten tun sollen. Ist Ihnen denn kein Fehler passiert?», wollte der Vorsitzende Richter wissen. Ganz sicher nicht, sie habe rotiert, sagte die Mutter.

Der Vater, damals wie heute für den Lebensunterhalt der Familie zuständig und zu 100 Prozent arbeitstätig, stimmte seiner Frau zu: «Ich hätte mehr helfen können.» Auf die Frage, wie sie denn verhindern wollten, dass sich das Ganze wiederhole, antworteten die Eltern, dass sie sich heute früher Hilfe suchen würden. Beide verwiesen auf Familienbegleiterinnen, mit denen sie in Kontakt stünden. Damals hätten sie sich geschämt, Hilfe von der Familie anzunehmen, und der Gedanke, sich an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde zu wenden, habe Panik ausgelöst.

«Hier sitzen keine kaltblütigen, gewissenlosen Eltern», sagte der Staatsanwalt. Dennoch sei die Umgebung den Kindern nur durch viel Glück nicht zum Verhängnis geworden. Beide Beschuldigten hätten vorsätzlich gehandelt und das Verschulden sei keinesfalls leicht, wie vom Bezirksgericht festgehalten. Er forderte bedingte Freiheitsstrafen für beide Elternteile.

«Sie müssen sich Hilfe holen»

So weit ging das Obergericht nicht, es erhöhte aber die Geldstrafe der Mutter von 150 auf 300 Tagessätze und die des Vaters von 100 auf 240. «Sie haben Ihre eigenen Bedürfnisse über die Ihrer Kinder gestellt», das sei kein leichtes Verschulden, begründete der eine Richter, während ihm die Mutter von der Anklagebank aus widersprach. Ihr Verhalten gefalle ihm nicht, sagte der andere Richter. «Sie waren überfordert. Aber Sie müssen sich trotzdem Hilfe holen, wenn Sie Ihr Bestes geben und sehen, dass es nicht reicht.» Diesen Rat solle sie nun annehmen und zu Hause darüber nachdenken. (Landbote)

Erstellt: 13.02.2018, 08:15 Uhr

Artikel zum Thema

Kinder lebten in zugemülltem Haus

Bezirksgericht Zwillingseltern mussten sich am Donnerstag vor Gericht verantworten. Ihnen wurde vorgeworfen, die Kleinkinder hätten in einem verwahrlosten Haushalt gelebt. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare