Pfungen

Hoher Jeside dankt für Unterstützung

Mamou Othman war in der irakischen Regierung nach dem Sturz von Saddam Hussein Minister für die Zivilgesellschaft. Am Montagabend bedankte er sich für die Syrienhilfe aus Pfungen.

Mamou Othman ist zur Gründungsversammlung des Vereins Khaima nach Pfungen gekommen.

Mamou Othman ist zur Gründungsversammlung des Vereins Khaima nach Pfungen gekommen. Bild: Johanna Bossart

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Mamou Othman ist Jeside. Seine grösste Sorge ist, dass sich die Gräueltaten des Sommers 2014 im Sinjargebirge im Nordirak wiederholen könnten. «Das kann man nicht ausschliessen.» Der Schrecken sitzt tief. Nach ihrem Einmarsch in jesidische Dörfer und christliche Gemeinden hätten Jihadisten des IS Hunderte Männer hingerichtet, Tausende Frauen und Kinder verschleppt, vergewaltigt und versklavt, erzählte er gestern Abend in Pfungen. Auch Christen würden immer wieder von den Terroristen entführt. «Es wurden 28 Massengräber gefunden.» 3000 Jesiden seien noch unter Kontrolle derJihadisten. Der IS suche das schwächste Glied in der Kette, «und das sind die Minderheiten», erklärte der 65-Jährige, der dem Zentralrat der Jesiden angehört.

Aus Furcht und Hoffnungslosigkeit hätten seitdem Hunderttausende den Irak verlassen. «Doch es ist keine Lösung, wenn alle ihre Heimat verlassen müssen», sagt Othman, der in der ersten irakischen Regierung nach dem Sturz von Saddam Hussein im Jahr 2004 Minister für die Zivilgesellschaft war. Er ist überzeugt: Die bedrohten Gebiete im Nordirak müssen international geschützt werden. «Die Regierungen des Irak und von Kurdistan sind machtlos.»

Wertvoll für alle Flüchtlinge

In dieser Situation leiste die Syrienhilfe Pfungen von Pfarrer Andreas Goerlich, die Flüchtlingen aller Religionen zugutekommt, einen wichtigen Beitrag, sagte Othman an der Gründungsversammlung des Vereins Khaima (siehe Box). Die Änderung des Vereinsnamens von Syrienhilfe zu Khaima war nötig, weil er als Privatperson für zwei Jahre in den Nordirak gehe und die Syrienhilfe an seine kirchliche Anstellung geknüpft gewesen sei, sagte Pfarrer Andreas Goerlich. Othman dankte ihm und allen Spendern, dass sie so wertvolle Hilfe zur Selbsthilfe ermöglicht hätten, wie etwa zwei Nähateliers mit 40 Nähmaschinen. Und er verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, «dass die Spendengelder auch in Zukunft nicht versiegen mögen».

Othman bezeichnet sich selbst als «Selfmademan», der 1981 den Mut gehabt habe, den Irak zu verlassen. «Ich war einer der ersten Jesiden, die nach Deutschland kamen.» An der Freien Universität Berlin studierte er Englisch, Politikwissenschaften und Psychologie. Später kam Wirtschaft dazu.

Die Jesiden sind eine religiöse Minderheit unter den überwiegend muslimischen Kurden. Die Mehrheit von ihnen, rund eine halbe Million, lebte bis vor den Massakern im Nordirak. Das Jesidentum ist eine monotheistische Religion, deren Wurzeln bis 2000 vor Christus zurückreichen. Sie nahm Glaubenselemente, Riten und Gebräuche westiranischer und altmesopotamischer Religionen sowie von Juden, Christen und Muslimen auf. Jeside wird man ausschliesslich durch Geburt. Von den Islamisten werden die Jesiden als angebliche «Teufelsanbeter» und «Götzendiener» verfolgt. Sollten sie dem Druck der Jihadisten nachgeben und den Irak für immer verlassen, würde dies das Ende ihrer Religionsgemeinschaft bedeuten, sagt Mamou Othman. Es gebe keine Kirchen in anderen Ländern, in denen sie ihre Religion ausüben könnten. «Ohne Minderheiten würde der Irak aber nur noch wie ein einfarbiges Bouquet sein.» ()

Erstellt: 09.08.2016, 17:41 Uhr

Von Syrienhilfe zu Khaima

Seit drei Jahren unterstützt Pfarrer Andreas Goerlich mit der Syrienhilfe Pfungen notleidende syrische Flüchtlinge in den Flüchtlingslagern im Irak. Neben Christen erhalten auch Jesiden und Muslime in den UNHCR-Camps Hilfe. Viermal im Jahr reiste Goerlich in den Irak, nun will er für zwei Jahre ganz dort bleiben und als Privatperson Flüchtlingsarbeit leisten. Da die Syrienhilfe Pfungen an die kirchliche Anstellung geknüpft war, wurde gestern Abend der Verein Khaima (arab. schützendes Zelt) gegründet, der die Projekte weiterführen soll. Als Präsident wurde der Pfungemer IT-Manager Chris Schmid gewählt.

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