Schulsilvester

Als Streiche spielen und lärmen noch dazugehörten

Redaktorinnen und Redaktoren des «Landboten» erinnern sich an jene Zeit, als der frühmorgendliche Schabernack noch Tradition war.

Streich der harmlosen Sorte: Ein Auto «durchbricht» eine Strassensperre aus WC-Papier.

Streich der harmlosen Sorte: Ein Auto «durchbricht» eine Strassensperre aus WC-Papier. Bild: Manuela Matt

Der Schulsilvester gehört zum Kanton Zürich wie der Tirggel, das Zürcher Geschnetzelte oder das Knabenschiessen. Doch weil der Vandalismus am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien zunahm, haben etliche Gemeinden den Schulsilvester de facto abgeschafft.

So werden die Kinder heutzutage in den Schulhäusern «eingesperrt» und beschäftigt, damit sie draussen keinen Unfug machen. Redaktorinnen und Redaktoren des «Landboten» erinnern sich an jene Zeit, als der frühmorgendliche Schabernack noch Tradition war.

Die Rebellen mit den Böllern

Nicole Döbeli ist Regionalredaktorin des Landboten.

Heute muss ich der Versuchung widerstehen, von Dezember bis Februar durchzuschlafen, als Kind wäre ich in der Nacht vor Schulsilvester am liebsten gar nicht ins Bett. «Erst» ab fünf Uhr morgens war es erlaubt, die Strassen unsicher zu machen.

Zu Hause ging ich harmlos ausgerüstet los, vielleicht mit einem Schellenkranz oder einer Rätsche. Ums Eck traf ich dann die Nachbarskinder mit dem Feuerwerk. Am Tag zuvor hatten uns die Lehrer noch ermahnt, zündeln sei verboten, doch das machte die Sache natürlich erst recht reizvoll.

«Wir fühlten uns in den Fussstapfen währschafter Lauskinder wie Pippi Langstrumpf oder Huckleberry Finn.»

Mit klopfenden Herzen und klammen Fingern machten wir uns hinter dem Schulhaus ans Werk. Es zischte und chlöpfte und wir fühlten uns in den Fussstapfen währschafter Lauskinder wie Pippi Langstrumpf oder Huckleberry Finn. Bis auf der anderen Seite des Maschendrahtzauns langsam ein Polizeiauto vorfuhr und die Scheinwerfer aufleuchten liess.

Am Ende war die Tür zu

Das eingebildete Rebellentum verflog schneller, als der letzte Böller knallte, und wir flohen kreischend in die Quartierstrassen, wo wir uns hinter Hecken duckten, bis um sieben Uhr dann die Schuldisco startete und wir uns wieder hervorwagten.

Das abgedunkelte Schulhaus roch nach Kerzenrauch und Tischbomben, im Singsaal ertönten zweieinhalb Stunden lang Neunzigerjahre-Hits, resignierte Lehrer versuchten halbherzig, überdrehte Schüler zurechtzuweisen. Um halb zehn Uhr dann das Ende und die vollkommene Erschöpfung. Doch nun blieb der Weg ins Bett verwehrt, zu Hause hatten die Eltern die Klingel abgestellt.


Gefängnis mit Popmusik

Jonas Gabrieli ist Regionalredaktor beim Landboten.

In WC-Papier eingewickelte Autos, Bärte aus Rasierschaum an Plakaten, brennendes Papier auf der Strasse: Der Schulsilvester in Turbenthal war absolute Anarchie. Der G20-Gipfel in Hamburg? Kinderkram.

Gut, vielleicht übertreibe ich ein bisschen, aber zumindest habe ich es so in Erinnerung. Es könnte aber durchaus sein, dass ich die Zeit in der Primarschule romantisiere, weil die Kindheit in der Sekundarschule auf einen Schlag endete. Und ich meine damit nicht die körperverändernde Pubertät. Nein, nein, deutlich schlimmer: Die Schule sperrte uns fünf Stunden lang ein, liess Musik laufen und nannte das dann Party.

«Die Kindheit endete in der Sekundarschule auf einen Schlag»

Gut, die erste Stunde war zwar noch interessant, die ältesten Schülerinnen und Schüler hatten das Fest organisiert, im unterirdischen Durchgang konnte man Bowling spielen, oben war ein Pingpongtisch. Die faulen Eier blieben jedoch unauffindbar.

Im Singsaal lief Britney Spears. In der Küche konnte man Toast Hawaii kaufen. Wenn ich daran zurückdenke, kommt mir Kälte in den Sinn. Denn die Treppe, auf der ich die ganze Zeit sass, war aus Stein. Vor mir die grosse Uhr, die nicht vorwärtsmachte. Es war wie Nachsitzen mit Gute-Laune-Zwang ohne das erhabene Gefühl, etwas Verbotenes getan zu haben.

Die Absicht der Schulleitung war offensichtlich: Sie wollten uns zermürben. Müde machen, damit wir um Mitternacht schnurstracks in unsere Betten hüpfen und am nächsten Morgen keine Briefkästen gesprengt werden können. Natürlich waren sie mit dieser Strategie erfolgreich. Als am nächsten Morgen die Primarschüler auf den Strassen lärmten, schlief ich.


Hilfe statt Strafe

Jakob Bächtold ist stv. Chefredaktor des Landboten.

Wahrscheinlich war es im Jahr 1984. Oder 1985. Jedenfalls mein erster Schulsilvester in der Primarschule. Mein Schulfreund und ich machten uns auf, das Dörfchen Nussberg in der Gemeinde Schlatt auf den Kopf zu stellen.

Die Ausrüstung: WC-Rollen und einige Tuben Senf. Das Ziel: die Autos in der Nachbarschaft. Den Wecker stellten wir auf 5 Uhr. Aus unserer Sicht so früh, dass wir sicher ungestört unsere Schandtaten vollbringen konnten.

«Unsere Ausrüstung: WC-Rollen und einige Tuben Senf.»

Da wir ohne anständigen Zmorge im Bauch nicht in die kalte Nacht entlassen wurden, war es gegen 6 Uhr, bis wir uns ans erste Auto anpirschten. Kaum hatten wir die ersten Bahnen WC-Papier abgewickelt, tauchte auch schon der Fahrer auf. Jetzt gibts sicher auf die Ohren, dachten wir.

«Ah, Schulsilvester», sagte der Fahrer hingegen ganz nett. «Da helfe ich euch gleich, das Auto wieder auszuwickeln.» So rollten wir die Papierbahnen gemeinsam wieder ein. Belämmert und brav statt bös und frech.


Im Namen des Polizisten

Markus Brupbacher ist Regionalredaktor des Landboten.

«Luege, lose, laufe»: Als wir Kindergärtler waren, zeigte er uns, wie wir die Strasse sicher überqueren. Er, das war Herr K. von der Winterthurer Verkehrspolizei. Später, in der Primarschule, hatte er ein besonders wachsames Auge auf all jene, die wie ich in einer Aussenwacht wohnten und mit dem Velo zur Schule fuhren.

«Du hesch jetzt denn de letscht Zwick a de Geisle»

Und wehe, wenn wir ohne Licht unterwegs waren oder jemanden auf dem Gepäckträger mitnahmen. «Du hesch jetzt denn de letscht Zwick a de Geisle», sagte mir Herr K. einmal. Er meinte, dass ich morgens oft ohne Licht unterwegs sei, was gar nicht stimmte. Da reifte in mir die Idee einer süssen Rache heran.

Ich schnappte mir die Schreibmaschine meines Vaters und tippte eine Parkbusse samt erfundener Unterschrift von Herrn K. Meine Eltern fanden den Streich offenbar so harmlos, dass sie sich zu Komplizen machten und den Bussenzettel für mich zigfach kopierten. Dann, am Schulsilvester, klemmte ich die Zettel unter die Scheibenwischer parkierter Autos. Doch niemand bezahlte die Busse.


Die grösste Kuhglocke

Thomas Münzel ist Reporter beim Landboten.

Ende der 60er-Jahre war ich klein, lieb, unschuldig – und von Ehrgeiz zerfressen. Rückblickend mache ich dies vor allem an der Tatsache fest, dass ich damals an jedem Schulsilvester unbedingt mit der grössten Kuhglocke im Dorf herumstolzieren wollte.

«Was es für ein erhebendes Gefühl, als blonder Schellen-Ursli frühmorgens mit einer fantastisch lauten Kuhglocke die braven Bürger zu wecken»

Je tiefer und lauter der Klang der Glocke, umso mehr bewundernde Blicke erhielt man dann von seinen Gspändli. (Und: Nein, ich fahre heute keinen Porsche.) Was es für ein erhebendes Gefühl ist, als blonder Schellen-Ursli frühmorgens mit einer mordsschweren – aua, aua, aua –, aber fantastisch lauten Kuhglocke die braven Bürger zu wecken, lässt sich für Aussenstehende kaum erahnen.

Wenn da nur nicht dieser blöde Kampf gewesen wäre. Jedes Jahr musste man beim Bauer in der Nachbarschaft noch früher auftauchen, um an die grösste Glocke ranzukommen. Und einmal war ich viel zu spät dran.

Der Bauer hatte nur noch ein Glöcklein übrig. So klein und unschuldig wie ich. Ich nahm es widerwillig. Es klang ganz furchtbar. So blechern. Und leise. Meine Scham war gross. Es war meine letzte Glocke.


Verpasste Genugtuung

Mirjam Fonti ist Stadtredaktorin des Landboten.

«Wer zuletzt lacht, lacht am besten», dachte ich, als ich am Vorabend des Schulsilvesters meinen Plan ausheckte. Zu den üblichen Silvesterstreichen gehörte bei uns im Quartier das Wachschellen aller Nachbarn zu früher Stunde.


«Im Dunkeln sass ich am Fenster und wartete»

Weil ich schon als Kind ungern beim Schlaf gestört wurde, sann ich im Vorfeld auf Rache. Meine Idee war, einen Eimer mit Wasser bereitzuhalten und vom Fenster im ersten Stock auf jene zu kippen, die ihre Klingelstreiche bei uns ausführen wollten. Ich stand extra zeitig auf, um im entscheidenden Moment bereit zu sein.

Im Dunkeln sass ich am Fenster und wartete. Und wartete. Doch der Morgen blieb ereignislos. Schliesslich gab ich auf. Niemand hatte bei uns geklingelt. Frustriert stellte ich fest, dass meine Bemühungen umsonst gewesen waren. Noch schlimmer: Obwohl niemand geklingelt hatte, war ich an diesem Morgen um den Schlaf gebracht worden. Gut, dass schon nach wenigen Schulstunden die Ferien warteten.

(landbote.ch)

Erstellt: 21.12.2017, 11:21 Uhr

Schulsilvester

Ein alter Zürcher Brauch

Ausser noch in einigen Grenzgemeinden gibt es den Schulsilvester nur im Kanton Zürich. Ursprünglich fand er am 31. Dezember statt. Doch mit der Einführung der Weihnachtsferien im Jahr 1899 wurde er auf den letzten Schultag vor Weihnachten verlegt.

Der Schulsilvester wurde 1775 zum ersten Mal beschrieben. Früh am Morgen gingen Kinder und Jugendliche durch die Strassen, spielten Streiche und lärmten mit Kuhglocken, Rätschen, Trillerpfeifen oder Pfannendeckeln. Und sie riefen: «Silvester stand uf, streck Bei zum Bett us!» Wer als Letzter aufstand, wurde als «Silvester» verspottet.

Noch vor rund 50 Jahren holten Kinder mancherorts diese Schlafmütze aus dem Bett, zogen ihr Nachthemd und Zipfelmütze an und brachten die Person auf einem Leiterwagen in die Schule. Weil niemand der Letzte sein wollte, begann der Schulsilvester oftmals bereits um Mitternacht. Später wurde 5 Uhr morgens als Zeitpunkt festgelegt.

Typische Streiche

Türfallen mit Zahnpasta, Senf oder Rasierschaum bestreichen, Gartentörchen aushängen, Autos mit Toilettenpapier einwickeln oder bei fremden Leuten an der Haustüre klingen und dann davonrennen: Das sind typische Streiche des Schulsilvesters.

Kritische Kirche

Schon immer sei der Schulsilvester zweigeteilt gewesen, schreibt Urs Bräm in einem Artikel für den Lehrmittelverlag des Kantons Zürich: «Ein anarchistisches Treiben früh am Morgen – ausserhalb der elterlichen und schulischen Obhut – und ein Jahresabschlussfest im Schulzimmer.» Doch seit einigen Jahren findet der Schulsilvester nicht mehr überall statt. Vandalismus vor allem von Oberstufenschülern führte vielerorts zur Abschaffung des Brauchs.

Schon im Jahr 1775 wollten erzürnte Bürger den Schulsilvester abschaffen. Und ein Zürcher Pfarrer meinte: «Diese Ansichten lassen das Heidentum erkennen und sollten daher abgeschafft werden.» Im Kern ist der Schulsilvester ein Winterbrauch, wobei in den dunklen, langen Nächten Geister und Dämonen vertrieben werden. Ganz ausrotten lasse sich der Schulsilvester allerdings nicht, schreibt Bräm weiter. «Ist es am Schulsilvester nun mehrheitlich ruhig, wird der zunehmend beliebte Halloween-Brauch zum Tummelfeld übermütiger Jugendlicher.» mab

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