Bezirksgericht

«Ich habe den Dealer nur aus Angst bei mir aufgenommen»

Das Bezirksgericht Winterthur hat eine Frau wegen Handel mit Heroin verurteilt. Die Frau hat einem Drogendealer in ihrer Wohnung Logis geboten ­­– nicht freiwillig, sondern weil sie bedroht wurde, wie sie vor Gericht aussagte.

In der Wohnung der Angeklagten wurde gedealt. Allerdings gegen deren Willen, wie sie heute beteuert.

In der Wohnung der Angeklagten wurde gedealt. Allerdings gegen deren Willen, wie sie heute beteuert. Bild: Keystone

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Die von ihrer Krankheit und Sucht gezeichnete Frau nahm das Urteil am Schluss resigniert und mit einer gewissen Lakonie zur Kenntnis. «Bucht mich doch einfach ein, es kommt ja nicht drauf an, weshalb», unterbrach sie die Richterin, als diese das Urteil begründete.

«Bucht mich doch einfach ein, es kommt ja nicht drauf an, weshalb»

Die 44-Jährige wirkte müde und erschöpft, auch davon, ihre Lebensgeschichte im Plädoyer der Verteidigerin nochmals anhören zu müssen und nochmals zu durchleben, wie ihre rund dreissigjährige Heroinsucht­geschichte, gescheiterte Liebesbeziehungen mit ebenfalls Heroinabhängigen, das entzogene Sorgerecht für ihren Teenagersohn und mehrere Gefängnisaufenthalte und abgebrochene Therapien zu diesem Fall führten, der im Bezirksgericht Winterthur am Mittwoch verhandelt wurde.

Die Frau war einerseits an­geklagt, in Zürich fünf Gramm konsumbereites Heroingemisch gekauft zu haben, von «durchschnittlicher Gassenqualität», wie es in der Anklageschrift heisst.

Zum anderen war sie an­geklagt, zu einem späteren Zeitpunkt Kleinstmengen davon auf sich getragen und auch verkauft zu haben. Kleinstportionen zum Selbstschutz, wie die Angeklagte trocken kommentierte: «Dass ich nicht gleich die Nase in den Sack halte, wenn es mich reinnimmt.»

Zudem war sie angeklagt, einem ausländischen Drogendealer, einem sogenannten Läufer, in ihrer Wohnung in der Region Winterthur Logis geboten zu haben. Sie habe diesem dadurch ermöglicht, Heroin entgegen­zunehmen, zu strecken und im Raum Winterthur weiterzuverkaufen.

Kleine Winterthurer Szene

In Bezug auf ihren eigenen Heroinkonsum und -verkauf hatte die Angeklagte keine Einwände zur Anklageschrift und nahm die Vorwürfe zur Kenntnis, ohne sich herausreden zu wollen oder ihren Heroinkonsum zu verharmlosen.

Gegen den Vorwurf zur vorsätzlichen Hilfe zum Heroinhandel wehrte sie sich aber heftig. «Ich habe den nur bei mir auf­genommen, weil ich Angst hatte», betonte sie vor Gericht nachdrücklich. Die Verteidigerin erläuterte dies in ihrem Plädoyer: Einige Wochen vorher seien die Angeklagte und ihr Partner von ausländischen Drogendealern zusammengeschlagen worden.

«Was hätte ich denn tun sollen? Ich hatte Angst, dass die mich sonst umbringen.»

Ihr Freund musste kurz darauf eine Haftstrafe antreten. Die Angeklagte erfuhr zudem in dieser Zeit, dass sie an Brustkrebs erkrankt sei. Dass die eingeschüchterte, psychisch angeschlagene und kranke Frau temporär alleine in ihrer Wohnung lebte, habe sich in der doch kleinen Winterthurer Drogenszene sicher her­um­gesprochen.

«Ich erhielt einen Anruf von ­jemandem, den ich nicht kannte, dass ich diesen mir ebenfalls unbekannten Läufer jetzt am Bahnhof abholen müsse und dass er ein paar Tage bei mir wohnen wird», sagte die Angeklagte. «Was hätte ich denn tun sollen? Ich hatte Angst, dass die mich sonst umbringen.»

Dem ungebetenen Gast habe sie deutlich gesagt, dass er es nicht wagen solle, im Dorf seine Deals zu machen. «Ich wusste ja, dass das sofort auf mich zurückfallen würde.» Woher der Dealer das Heroin hatte, wisse sie nicht. Auch dass er überhaupt etwas dabeihatte, habe sie nicht gewusst. Sie räumt aber ein: «Natürlich habe ich es vermutet.»

Notsituation anerkannt

Die Richterin anerkannte, dass die Angeklagte unter grossem Druck stand. Der gesetzliche Rahmen liess im Urteil aber ­wenig Spielraum. «Wenn Sie bedroht werden, müssen Sie sich bei der Polizei melden», sagte die Richterin. Ein Rat, der im Hinblick auf die Lebensgeschichte der Angeklagten in seiner Banalität beinahe hilflos klang.

Das Gericht verurteilte die ­Angeklagte zu einer Haftstrafe von 140 Tagen, wovon ein Teil aus einer nun widerrufenen früheren Bewährungsstrafe resultierte. Zudem muss sie eine Busse von 300 Franken bezahlen. Gegen den Dealer läuft ein separates Verfahren.

(Der Landbote)

Erstellt: 19.04.2018, 17:44 Uhr

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