Schicksale

«Ich kann kein Geld für neue Fussballschuhe sparen»

Vorläufig aufgenommene Personen müssen mit 30 Prozent weniger Geld auskommen. Wie gehen sie damit um?

Ali Ghalandari bekommt anstatt 850 nur noch 550 Franken.

Ali Ghalandari bekommt anstatt 850 nur noch 550 Franken. Bild: Marc Dahinden

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Wenn Ali Ghalandari in Winterthur ist, kauft er gleich für die ganze Wohngemeinschaft ein, denn in Effretikon gibt es weder Lidl noch Aldi. «Das Geld ist knapp», sagt der 22-jährige Afghane. «Ende Monat ist nichts mehr übrig.» Mit zwei Mitbewohnern – beide sind auch aus Afghanistan – wohnt Ali Ghalandari in einer Sozialwohnung direkt an den Effretiker Gleisen.

Draussen rattern Züge vorbei, am Schuhgestell klebt ein Panini-Bild eines argentinischen Mittelfeldspielers. Geld für neue Fussballschuhe hat Ghalandari nicht. Denn seit Juli bekommt er nur noch etwa 550 Franken anstatt der vorherigen 850. «Ich kann kein Geld mehr auf die Seite legen», sagt er.

Angst vor der Ausschaffung

Vor knapp drei Jahren kam Ali Ghalandari in die Schweiz – alleine. Zu Fuss, mit dem Auto, auf dem Pferd und im Gummiboot flüchtete er nach Europa und wollte nach Deutschland. Doch er nahm den falschen Zug und landete in der Schweiz. Afghanistan habe er verlassen, weil in seiner Heimat die Taliban regierten. «Sie zwangen uns, in den Krieg zu ziehen, und versprachen uns das Paradies», sagt er.

«Sie zwangen uns, in den Krieg zu ziehen, und versprachen uns das Paradies»

Die Schweiz hat ihn nicht als Flüchtling anerkannt, darf ihn aber auch nicht nach Afghanistan zurückschicken, weil dies unzumutbar, unzulässig oder unmöglich ist. Jedes Jahr wird die Lage neu beurteilt. «Ich habe Angst, dass die vorläufige Aufnahme nicht verlängert wird», sagt Ali Ghalan­dari. Die Situation in seinem Land habe sich noch mehr verschlechtert, wie er aus Telefonaten mit seinen Eltern weiss. Seine Brüder sind ebenfalls geflohen: nach Indonesien und Australien.

Ein Leben in Unsicherheit

Auch eine Äthiopierin mit F-Status, die mit ihren zwei Söhnen seit zehn Jahren in der Region Winterthur lebt, berichtet von einem «Leben in Unsicherheit». Diesen Sommer hat sie eine Lehre begonnen; geht mit viel jüngeren Mitschülerinnen und Mitschülern in die Berufsschule.

Ihren Lehrlingslohn zieht das Sozialamt vom Grundbedarf ab. Das Geld sei nicht das Problem. «Ich weiss, wie ich mit wenig Geld leben kann», sagt sie. Und beeinflussen könne sie sowieso nichts.

Diskriminierung im Alltag

Was der 48-Jährigen viel mehr zu schaffen macht als das knappe Budget, ist ihr Status. «Viel lieber würde ich hungern und wäre dafür anerkannt», sagt sie. Und erzählt von vielen Situationen, in denen sie sich in ihrem Alltag diskriminiert fühlt. «Mit Kolleginnen feierte ich in Winterthur einen Geburtstag. Als wir gegen 23 Uhr abends in eine Bar wollten, liessen sie mich wegen des F-Ausweises nicht hinein.» Immer müsse sie sich fragen: «Darf ich das? Oder nicht?»

«Viel lieber würde ich hungern und wäre dafür anerkannt»

Es schmerze, zu sehen, dass ihren 14- und 17-jährigen Söhnen vieles verbaut bleibe. Als einer freudig nach Hause kam und mit einem Kollegen in den Europa-Park in Deutschland wollte, musste sie ihn mit der harten Realität konfrontieren: Vorläufig aufgenommene Personen dürfen nur in Ausnahmefällen in ein anderes Land reisen.

Schwarzarbeiten

Auch der Sohn eines Afghanen, der in Winterthur lebt, fragte seinen Vater nach Ferien. Er antwortete: «Das ist unsere Situation. Wir dürfen uns nicht mit anderen Leuten in der Schweiz vergleichen.»

Wenn er und seine Frau vom 30 Prozent tieferen Budget das Geld für den Strom und die ÖV-Billette abzögen, bleibe der sechsköpfigen Familie nicht mehr viel. In seinem Umfeld kenne er viele Leute mit F-Status, die schwarzarbeiten, um über die Runden zu kommen.

«Träumen darf man ja»

Nach ihrer Lehre will die 48-jährige Äthiopierin eine Stelle finden. «Ich möchte selbstständig sein und die andere Seite dieses schönen Lands kennen lernen.» Mit einer Anstellung wäre sie nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig.

«Ich will wie die anderen Leute in der Schweiz sein»

Das würde die Chance erhöhen, dass die Familie als Flüchtlinge anerkannt würde. «Träumen darf ich ja», sagt sie und beginnt dann, mit Karteikarten für eine Prüfung in der Berufsschule zu lernen.

Ali Ghalandari sucht momentan eine Lehrstelle. Er hat bereits geschnuppert, der Detailhandel würde ihn reizen. In Winterthur macht er ein Bewerbungscoaching. Gestern hat er Fotos für den Lebenslauf geschossen. «Ich will wie die anderen Leute in der Schweiz sein», sagt er. Und neue Fussballschuhe kaufen, damit er für den FC Erlenbach alles geben kann. (Der Landbote)

Erstellt: 04.10.2018, 10:57 Uhr

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