Elgg

«Ich sagte den Medien, ich rufe zurück»

Als 2013 ein Schüler in Elgg seinen Bruder tötete, musste Gemeindepräsident Christoph Ziegler durch eine schwierige Krise führen. Ein Fachmann stellt ihm dafür gute Noten aus.

Für alle Fälle: Krisenexperte Christian Randegger (l.) erklärt Gemeindepräsident Christoph Ziegler, wie man das elektronische Handbuch im Notfall nutzen kann.

Für alle Fälle: Krisenexperte Christian Randegger (l.) erklärt Gemeindepräsident Christoph Ziegler, wie man das elektronische Handbuch im Notfall nutzen kann. Bild: Moritz Hager

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Christoph Ziegler, als Sie erfuhren, dass einer Ihrer Schüler seinen älteren Bruder getötet hat, waren Sie als Lehrer und als Gemeindepräsident betroffen. Was ist Ihnen davon vor allem in Erinnerung geblieben?

Christoph Ziegler: Der schlimme Vorfall ereignete sich vor zwei Jahren. Die wirkliche Krise war für mich meine persönliche Betroffenheit. Ich musste mit dieser Schreckensnachricht als Gemeindepräsident und als Sekundarlehrer des Täters umgehen.

Wie haben Sie von der Tragödie erfahren?

Es war am Ende der Heuferien. Ich befand mich gerade auf der Rückreise aus Peru auf dem Flughafen in Amsterdam und sah, dass ich drei Anrufe auf dem Handy hatte: zwei von meiner Stellvertreterin und einen von der Presse. Ich rief meiner Stellvertreterin zurück und sie sagte mir, dass ein Schüler aus meiner Klasse seinen Bruder umgebracht habe. Ich konnte nicht begreifen, was ich da hörte. Das war äusserst schwierig.

Wie haben Sie reagiert?

Ich beendete das Telefonat und musste zuerst einmal tief Luft holen. Wie sollte ich jetzt diese Krise vom Flughafen in Amsterdam aus bewältigen? Es war Samstagvormittag. In einer Stunde ging mein Flugzeug nach Zürich. Ich besprach mich nochmals mit meiner Stellvertreterin. Wir vereinbarten die nächsten Schritte: Die Gemeinderäte per Mail dar­über informieren, dass wir nicht aktiv kommunizieren und bei Anfragen nur sie als Stellvertreterin bezeichnen. – Als ich in Zürich ankam, konnte ich bei «Blick online» schon den ersten Bericht lesen.

Der Täter war ein Schüler. War da nicht vor allem die Schule in die Kommunikation involviert?

Da wir noch Ferien hatten, sind die Medien nicht auf die Schule zugegangen. Der Schulpflegepräsident, die Schulleitung und ich hatten aber einen Krisenspezialisten beigezogen und waren vorbereitet.

Wie gingen Sie in der Krise vor?

Mir wurde erst einen Tag später wirklich bewusst, dass ein Schüler von mir seinen älteren Bruder getötet hatte. Ich kenne die Elgger Familie gut. Auch die ältere Schwester war in unsere Schule gegangen. Als die Medien dann nachfragten, ob denn gar nichts auf diese furchtbare Tat hingewiesen habe, nahm ich Rücksprache mit der Klassenlehrerin des Schülers. Ich ging dann mit der Botschaft an die Öffentlichkeit, dass es sich um einen netten, unauffälligen Schüler gehandelt habe und rein gar nichts auf eine solche Tat hingedeutet habe. Mich beschäftigten aber auch Fragen wie: Wann soll ich die Familie kontaktieren? Sofort oder erst etwas später? Ich entschied mich für Letzteres und nahm dann kurz vor und an der Beerdigung selbst Kontakt zur Familie auf.

Wie involviert waren Sie, als ein halbes Jahr später die Anklage erfolgte?

Als die Mitteilung des Staatsanwalts eintraf und die Anklage auf vorsätzliche Tötung lautete, erschütterte mich das zutiefst. Ich war noch damit beschäftigt, wie gravierend die Anklage ist, da wollten die Medien schon wissen, was ich davon halte.

Wie reagierten Sie?

Ich antwortete nicht sofort, sondern legte einen Zwischenstopp ein. Ich sagte, ich würde in einer Viertelstunde zurückrufen. In der Zwischenzeit versuchte ich mich dar­über zu informieren, wie der Gesetzgeber die Schwere einer vorsätzlichen Tat einstuft. Die Google-Recherche konnte mir aber nicht wirklich helfen.

Gaben Sie ein Statement ab?

Ich gab meiner Betroffenheit über die Anklage Ausdruck. Das war dann das letzte Mal, dass ich ge­gen­über den Medien Stellung nehmen musste. Als später das Urteil – dreieinhalb Jahre Gefängnis – eintraf, schien es gegessen. Nachdem in den ersten Wochen ein grosses mediales Interesse an dem Ereignis bestand, erlahmte dieses am Ende.

Christian Randegger, wieso ist das Interesse der Öffentlichkeit zuerst gross und flaut dann mit der Zeit ab?

Christian Randegger: Das hat mit einer Art Schutzmechanismus zu tun. Man will das Tatmotiv kennen, um damit einordnen zu können, wie es zur Tat kam. Das suggeriert Kontrolle und rückt das eigene Weltbild wieder in Ordnung. Denn die Grundannahme, in einem Städtli wie Elgg sicher zu sein, ist vorübergehend durch eine solche unberechenbare Tat erschüttert. Bleibt das Ereignis zu lange präsent, will man sich davor schützen und wendet sich ab.

Christoph Ziegler: Das Tatmotiv ist bis heute das ganz grosse Fragezeichen in diesem Familiendrama. Dazu fanden wir auch in der Schule keine Anhaltspunkte. Da das Urteil meines Wissens nicht öffentlich ist, wissen wir nicht, ob der Staatsanwalt etwas herausgefunden hat. Es hat aber lange gedauert, bis die Anklage erfolgte.

Wie hat sich die Schule in der Krise verhalten?

Christoph Ziegler: Meines Erachtens gut. Bei den Mitschülern des inzwischen verurteilten Jugendlichen war die Betroffenheit bis zum Ende ihrer Schulzeit, im Sommer, sehr gross. Es kam aber zu keinen Aussagen der Schüler ge­gen­über den Medien.

Christian Randegger, Sie leben auch in Elgg und haben ein Krisenhandbuch erarbeitet. Wie hat Ihre Gemeinde das Drama aus Ihrer Sicht bewältigt?

Christian Randegger: Sehr gut. In so einer schwierigen Si­tua­tion ist es als Führungsperson zentral, Verbündete zu haben. Krisenbewältigung findet nie im Alleingang statt. Das war Herrn Ziegler offensichtlich bewusst. Als Gemeindepräsident und Sekundarlehrer hatte er eine anspruchsvolle Doppelrolle. Optimal wäre es, während des Managements ein Logbuch zu führen, den Medien durchaus aktiv Informationen zu geben und zur Verarbeitung eines solchen Ereignisses professionelle Unterlagen zur Hand zu nehmen, statt googeln zu müssen. (Landbote)

Erstellt: 06.11.2015, 22:40 Uhr

Sicherheit 2015

Sicherheitsfragen im Zentrum

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