Elsau

«Ida rief Jakob mit der Trillerpfeife»

Ida und Jakob Ackermann nahmen während des Zweiten Weltkriegs ein jüdisches Pflegemädchen bei sich auf. Eine ehemalige Nachbarin erzählt, wie sie das liebevolle Ehepaar während ihrer Kindheit erlebt hat.

Ida und Jakob Ackermann mit Pflegekind Esther, das sie während des Zweiten Weltkriegs bei sich aufnahmen.

Ida und Jakob Ackermann mit Pflegekind Esther, das sie während des Zweiten Weltkriegs bei sich aufnahmen. Bild: PD

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Frau Ackermann - man war und blieb per Sie damals - habe viel von «ihrem Estherli» gesprochen, sagt Verena Solenthaler-Kägi: «Sie hatte oft ‹Heimweh› nach Esther, das Mädchen hat ihr viel bedeutet.» Als Kind habe sie nie nach der Geschichte dahinter gefragt. Dass die jüdische Esther nur bei Ackermanns gewohnt hatte, weil ihre Eltern während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz interniert wurden, das erfuhr Solenthaler-Kägi nicht. Ihre eigene Familie zog 1956, als sie dreijährig war, in das Haus neben dem Ehepaar Ackermann ein. Esther lernte sie nicht kennen, diese war kurze Zeit vorher das letzte Mal zu Besuch gewesen, bevor ihre Familie nach Belgien zog.

Barfuss im Geissenstall

Ackermanns hätten sich nur begrenzt mit gesellschaftlichen Normen aufgehalten. «Verglichen mit meinen Grosseltern waren sie schon speziell», sagt Solenthaler-Kägi. Bis fast zuletzt sei Jakob etwa immer barfuss unterwegs gewesen. Sie erinnere sich, wie er in seinem Geissenstall neben dem Wohnhaus ohne Schuhe Querflöte geübt habe: «Er hat sich gern zurückgezogen.» Von der Primarschule oberhalb des Zaunerwegs und aus ihrem Wohnhaus nebenan hatten Solenthaler-Kägi und ihre zwei Brüder Sicht auf das Hause Ackermann und bekamen viel aus dem Leben des Ehepaars mit. War Ida auf der Suche nach Jakob, so rief sie «Bappe!» aus dem Fenster, laut und lauter. Und hörte sie der Ehemann immer noch nicht, so packte die resolute Dame ihre Trillerpfeife aus. «Die Lehrer mussten die Fenster schliessen, so laut war das.»

Esthers Geschichte
Esther Elevitsky, deren jüdische Eltern während des Zweiten Weltkriegs von Belgien über Frankreich in die Schweiz geflohen waren, kam als Kleinkind in die Schweiz. Während ihre Eltern zwar aufgenommen, aber interniert wurden, lebte das Mädchen einige Jahre lang bei Ida und Jakob Ackermann in Elsau. Wie genau Esther damals bei diesem Ehepaar untergekommen ist, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Die «wunderbare» Zeit und die Besuche in den darauf folgenden Jahren prägten sie jedoch, und die heute in Israel lebende Grossmutter erzählte all ihren neun Kindern und diversen Enkelkindern die Geschichte von Elsau-Mama und Elsau-Papa. Die Dankbarkeit gegenüber dem Ehepaar zog sich durch die Familie weiter. Zwei in Zürich wohnhafte Enkelinnen machten sich Anfang Jahr auf Spurensuche und schrieben unter anderem dieser Zeitung einen Brief. Der Artikel «Komm morgen nicht vorbei», der Esthers Geschichte schilderte, erschien am 23. August. Verena Solenthaler-Kägi, die neben Ackermanns aufgewachsen ist, meldete sich daraufhin und erzählt in diesem Artikel aus ihren Erinnerungen an das Ehepaar.(nid)

Vor dem Haus lagerte Jakob Ackermann Bastel- und Handwerkmaterialien, die den drei Geschwistern als Spielplatz dienten. «Es war fast wie eine Waldhütte mitten im Dorf», erzählt Solenthaler-Kägi, die mit ihren Brüdern stundenlang zwischen Wellblech und Maschinenteilen spielte. Gestört hat das die Ackermanns nie, im Gegenteil: «Sie liebten Kinder. Jakob war eine Seele von einem Menschen, Ida schon etwas strenger.» Das Ehepaar, das selbst keine eigenen Kinder gehabt hatte, kümmerte sich umso liebevoller um Pflegemädchen Esther oder die Nachbarskinder. So erinnert sich Solenthaler-Kägi gut, wie sie einmal mit einem ihrer Brüder mit ins Thermalbad Zurzach durfte: «Das war irrsinnig für uns!»

Süsses Versteck im Keller

Gesundes war Ida Ackermann überhaupt wichtig. So erzählte sie allen gerne, dass Jakob und sie sich praktisch nur von Griess und Beeren ernährten, die aus dem eigenen Garten stammten. «Was sie nicht wusste, war, dass Jakob im Keller Cervelats und Süssigkeiten in einer grossen Emailpfanne versteckte», erzählt Solenthaler-Kägi, die dem Ehemann im Nachbarshaus beim Naschen zusehen konnte. Die Cervelats kaufte er sich im Volg und steckte die angegessene Wurst in die Hosentasche, sobald er in die Nähe des Hauses kam. «Ida hätte Fleisch nicht toleriert», sagt Solenthaler-Kägi.

«Was sie nicht wusste, war, dass Jakob im Keller Cervelats und Süssigkeiten in einer grossen Emailpfanne versteckte»Verena Solenthaler-Kägi

Ebenfalls geheim hielt Jakob seine Fahrversuche mit dem Velo. Das sei ihm wohl wichtig gewesen und er wollte dieses Stück Autonomie nicht aufgeben, obwohl er unter einem versteiften Bein gelitten habe, erinnert sich Solenthaler-Kägi. Doch Ida hätte das nicht gern gesehen. Nur wenn sie aus dem Haus war, holte Jakob ein altes Fahrrad aus dem Keller und liess sich darauf das Strässchen hinunterrollen.

Einkauf per Flaschenzug

Der Hang, an dem das Ehepaar einen grossen Garten unterhielt, war nicht immer praktisch, aber Ackermanns gingen damit kreativ um. Um die schweren Einkäufe nicht vom tiefer liegenden Eingang durchs ganze Haus bugsieren zu müssen, hatte das Ehepaar einen Flaschenzug eingerichtet. Jakob lud die Beerengläser in einen Korb, kurbelte diese hoch und Ida packte die Waren auf dem Balkon wieder aus.

Mit Ida Ackermann ging Solenthaler-Kägi als Kind Stimmcouverts austragen, die damals noch persönlich zugestellt werden mussten. In der weit verstreuten Gemeinde brauchten die Verträgerinnen manchmal drei Anläufe, bis sie die Leute zuhause erwischten: «Das war jeweils ein ziemlicher Aufwand.» Wer nicht abstimmte, der musste das Couvert wieder abgeben - ein weiterer Botengang war nötig.

Der Kontakt zu Ackermanns verlor sich langsam, als Solenthaler-Kägi 1977 nach Hombrechtikon zog, wo sie als Lehrerin arbeitete. Jakob starb schliesslich vor Ida, die noch bis Mitte der Achtzigerjahre in ihrem Haus am Zaunerweg wohnen blieb.

Erstellt: 18.10.2019, 10:52 Uhr

Verena Solenthaler-Kägi erinnert sich gern an das spezielle Paar. Foto:M. Dahinden

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