Elsau/Schlatt

«Ihr verliert ein Stück Autonomie»

Am 26. November entscheidet sich, ob die Sekundarschule Elsau-Schlatt mit den Primarschulen Elsau und Schlatt fusioniert. Philipp Berni, Sekundarschulpräsident, diskutiert mit drei Elternvertretern der drei Schulgemeinden.

Sekundarschulpräsident Philipp Berni diskutiert mit Alexander Funk (Vertreterr des Elternforums Primarschule Schlatt), Maria Wepf (Vertreterin des Elternforums Oberstufe Elsau Schlatt) und Christina Leemann (Präsidentin Elternrat Primarschule Elsau). (von links)

Sekundarschulpräsident Philipp Berni diskutiert mit Alexander Funk (Vertreterr des Elternforums Primarschule Schlatt), Maria Wepf (Vertreterin des Elternforums Oberstufe Elsau Schlatt) und Christina Leemann (Präsidentin Elternrat Primarschule Elsau). (von links)

Herr Berni, Sie treten bei denErneuerungswahlen nicht mehr an. Wer soll denn die Fusion umsetzen, falls sie angenommen wird?
Philipp Berni: Bei einem Ja am 26. November werden Roman Arnold, Elsauer Primarschulpräsident und Vize der Projektgruppe, und ich sicherstellen, dass wir das Projekt kontinuierlich fortführen können. Kann er aus beruflichen Gründen nicht mehr antreten, würde ich allenfalls noch eine Teilperiode weitermachen.

Die Informationsanlässe zurFusion waren bisher schlecht besucht. Wie erklären Sie sich das geringe Interesse?
Berni: Einzelne Stimmen, die ich gehört habe, sagen, dass die Fusion sowieso komme und deshalb kein grosser Diskussionsbedarf bestehe. Als wir Ende letzten Jahres angekündigt haben, dass wir auf den Zusammenschluss hinarbeiten, war es wohl schlicht zu früh. Viele Bürger interessieren sich dann für eine Sache, wenn sie das Abstimmungsbüchlein im Briefkasten haben.

Auf eine Grundsatzabstimmung, die die Meinung der Bevölkerung hätte widerspiegelnkönnen, haben Sie verzichtet.
Berni: Als wir Ende 2015 die Projektgruppe gegründet haben, war noch eine Grundsatzabstimmung vorgesehen. Wir haben früh den Austausch mit den politischen Gemeinden gesucht. Die Gemeinde Elsau wünschte klare Aussagen bezüglich Zahlen, Daten und Fakten. Am Schluss war das Projekt schon so konkret, dass wir gesagt haben, eine Grundsatzabstimmung ist nicht mehr angezeigt.

«Ich würde momentan auf keinen Fall eine politische Fusion empfehlen.»Philipp Berni, Sekundarschulpräsident
Elsau-Schlatt

Besteht nicht die Gefahr, dass Sie völlig losgelöst von derBevölkerung planen?
Berni: Deshalb haben wir versucht, über das Elternforum mehr Kontakt aufzubauen. Was wir sicher spät gemacht haben, aber ich bin froh darum. So haben wir von den Eltern erfahren, was sie beschäftigt oder welche Gerüchte herumgehen, weil die Faktenlage nicht ganz klar war.

Alexander Funk (PS Schlatt): Für mich ist der Zeitpunkt jetzt nicht zu spät, aber die Informationen im letzten Jahr kamen zu früh. Ich wusste selbst nicht genau, um was es geht, und bin darum auch nicht an die Veranstaltung gekommen.

Christina Leemann (PS Elsau): Im Vorstand wurden wir relativ früh informiert. Ich gab das Thema dann regelmässig ins Gremium ein, aber es kam herzlich wenig zurück. Die Abstimmung zur Schulfusion Eulachtal hat viel höhere Wellen geworfen. Ich weiss nicht, warum es jetzt anders ist. Es ist ein wenig frustrierend.

Berni: Die Phase bis zum Zusammenschlussvertrag ist aus meiner Sicht sehr technokratisch, es geht um juristische Rahmenbedingungen. Nicht ganz einfach war auch, dass die Primarschulen unterschiedliche Steuerfüsse haben. In Elsau ist er bei 43 Steuerprozent, in Schlatt kann man es nicht genau sagen, weil die Gemeinde aus dem Finanzausgleich kam. Nach unseren Abklärungen würde der neue Steuerfuss bei 55 Steuerprozent liegen, das sind für Elsau 12 Punkte Unterschied. Da fragen sich die Elsauer natürlich zu Recht, ob sie nach der Fusion mehr bezahlen müssen.

Und, müssen sie?
Berni: Ein Steuerprozent in Schlatt ist 11 000 Franken. Dafür fallen Strukturkosten in denBehörden, Schulleitungen und Schulverwaltungen weg. Die Einsparungen decken in etwa den Steuerausfall von Schlatt. Das heisst, wir können mit den gleichen Mitteln wie bisher weiterarbeiten.

Der Politischen Gemeinde Elsau reicht das nicht, sie empfiehlt, die Fusion abzulehnen.
Berni: Sie haben uns zwei Messlatten vorgegeben. Das eine ist die strategische Ausrichtung. Man wollte mit Schlatt abklären, ob nach einer Schulfusion auch eine Fusion auf politischer Ebene grundsätzlich denkbar ist. In Gesprächen konnten sich die Gemeinderäte so weit annähern, dass dieses Kriterium als erfüllt angeschaut wird. Das andere ist der finanzielle Aspekt. Für die Politische Gemeinde ist es wichtig, dass Elsau finanziell profitiert. Das heisst, der Steuerfuss soll sinken. Wir haben gesagt, wir wollen kein Sparprojekt, sondern die Qualität aufrechterhalten. Die zweite Forderung haben wir also nicht erfüllt. Die Rechnungsprüfungskommissionen von Elsau und Schlatt haben die Fusion finanztechnisch und finanzpolitisch geprüft und sich beide zu einem Ja durchgerungen. Das ist für mich viel wichtiger.

«Die Elsauer haben Angst, dass es nicht bei der Schulfusion bleibt.»Christina Leemann,
Präsidentin Elternrat
Primarschule Elsau

Eine Behörde empfiehlt ein Nein, hat das Einfluss auf die Meinungen der Eltern?
Funk: Es ist nicht verwunderlich, dass ein Gremium Nein sagt, wenn es nicht profitiert. Ich finde, man muss irgendwo einen Nagel einschlagen und Synergien schaffen. Für die Schulen ist es der richtige Zeitpunkt, nachher kann man weiterschauen.

Leemann: Das ist eben gerade die Angst der Elsauer, dass es nicht bei der Schulfusion bleibt.

Berni: Ich würde in den nächsten fünf bis zehn Jahren auf keinen Fall eine politische Fusion empfehlen, wir verlieren den demografischen Finanzausgleich, den Schlatt erhält. Auf der Oberstufe sind das 50 000 Franken, auf der Primar 200 000 Franken.

Leemann: Die Angst hat sicher auch etwas Irrationales. Aber eine politische Fusion war schon bei der Abstimmung über die Eulachtaler Schulfusion ein Thema. Da war sie aber weiter weg, weil so viele Gemeinden involviert waren. In diesem Fall scheint es für einige schon recht real.

Maria Wepf (OS Elsau-Schlatt): Ich finde es eigentlich noch sympathisch, dass man weiss, dass die Schule nicht absichtlich sparen möchte. Das geht am Schluss auf die Kosten unserer Kinder. Als Eltern könnte man das Nein der Politischen Gemeinde also auch positiv empfinden.

Berni: Der finanzielle Druck in den Gemeinden wird hoch bleiben. Unser Anspruch ist es, die Qualität, die wir haben, zu halten. Heute sind wir drei Schulgemeinden mit starken Persönlichkeiten, wenn diese sich nicht finden, setzt jede das Thema für sich um.

Sie denken, das ändert sich mit einer Fusion tatsächlich? Esbleiben ja nach wie vor dreieinzelne Schulhäuser.
Berni: Dann haben wir nur noch eine Behörde, die eine für alle verbindliche Richtung vorgibt. Wenn das nicht klappt, macht die Behörde ihren Job nicht.

An die Elternvertreter: Was sind Ihre Befürchtungen?
Leemann: Ich hoffe, dass wirklich diejenigen an die Urne gehen, die es betrifft, und nicht nur Personen ohne Schulkinder. Wichtig ist, dass man die Vorteile noch stärker herausstreicht. Die Eltern wollen wissen, dass es keine Einbussen gibt. Themen wie dass vielleicht Kinder die Schule wechseln müssen, müssen transparent gemacht werden.

Berni: Wir wollten das Thema nicht unter den Tisch kehren. Wir sind überzeugt, dass wir den jetzigen Schulraum brauchen, und wollen in Elsau ja auch anbauen.

Leemann: Man muss einfach klar kommunizieren, dass es eine Möglichkeit ist.

Berni: Wenn wir in zehn Jahren einen Engpass haben und in Schlatt mehr Schulraum zur Verfügung steht, dann muss man sich diese Frage sicher stellen. Die Entwicklung ist auf fünf bis zehn Jahre hin aber absehbar.

«Bevor ein neues Schulhaus gebaut wird, ist es besser, Kinder auszutauschen.»Alexander Funk,
Vertreter des Elternforums Primarschule Schlatt

Funk: Unser Schulhaus in Schlatt ist auch voll. Aber man muss ehrlich sein: Bevor am einen Ort ein neues Schulhaus gebaut wird und am anderen Ort eines leer steht, ist es die bessere Variante, Kinder auszutauschen.

Wepf: Ich fände es gut, wenn man in der Primarschule besser auf die Oberstufe vorbereiten könnte.

Berni: Ja, wir brauchen übergreifende Konzepte, die aufeinander abgestimmt sind, beispielsweise beim Thema Digitalisierung. Lehrmittel sind ein weiteres Thema. Wenn nicht beide Primarschulen dasselbe benutzen, haben wir in der Oberstufe Differenzen.

Funk: Das hat mich überzeugt. Nach der Fusion muss man in der Oberstufe keine Zeit mehr verschwenden, um zwei Schulsysteme anzugleichen.

Ist das ein Problem heute?
Wepf: Es zeigt sich relativ deutlich. Schüler aus der Oberstufe erzählen, die Schlatter seien im Französisch nicht auf dem gleichen Niveau und hätten Mühe. Von Eltern hörte ich am Elternabend das Gleiche.

Funk: Wir hatten in Schlatt auch einige Lehrerwechsel, vielleicht spielte das eine Rolle.

Berni: Lehrerausfälle könnte man in einem Verbund auch besser kompensieren.

Sehen Sie weitereHerausforderungen?
Funk: Ich hoffe, Schlatt steht geschlossen hinter der Fusion. Meine Angst ist, dass das Thema untergeht und die Leute sich sagen: Ich lass lieber alles so, wie es ist. Den Entschuldungsbeitrag für Schlatt gibt es im neuen Gemeindegesetz nicht mehr.

Leemann: Man muss es realistisch sehen, der Kanton wird weiter Druck machen. Man sieht es im Tösstal mit der geplatzten Schulfusion: Das Thema ist deswegen nicht vom Tisch. Es kommt wieder, nur vielleicht nicht mehr zu diesen Konditionen.

Wepf: Veränderungen gibt es sowieso, ich denke etwa an den Lehrplan 21. Das ist auch ein Angstwort unter Eltern. Nach der Fusion muss ihn hoffentlich nicht mehr jede Schule einzeln umsetzen.

Sie sind sich also einig.
Funk: Wir hatten einen guten Informationsanlass. Alle Anwesenden aus den Elternforen und Elternräten waren danach eigentlich überzeugt.

Leemann: Uns ist wichtig, dass es weiterhin eine starke Elternvertretung gibt. Probleme sind schulhausbezogen. Unsere Verkehrsprobleme interessieren die Schlatter nicht. Die Eltern haben Angst, dass sie nicht mehr mitreden dürfen. Wenn ich heute etwas von der Schulleitung will, dann stehe ich vors Sekretariat. Ich weiss nicht, wie das nachher ist.

Funk: Das ist auch für uns wichtig, dass man nahe an den Lehrern bleibt. Wenn die ganze Schulverwaltung nachher in Elsau unten ist, kann ich dann überhaupt noch etwas sagen?

Soll die Elternvertretung im heutigen Rahmen bleiben?
Berni: Ja, das soll so bleiben.

Leemann: Ich habe eben schon anderes gehört.

Berni: Jede Schuleinheit wird weiter eine Schulleitung haben, an die man sich wenden kann. Die Mitwirkungsleistung der Eltern ist, glaube ich, sogar gesetzlich vorgeschrieben.

Leemann:Ja, aber es ist schwammig vorgeschrieben und die Umsetzung liegt in den Händen der Schulleitung und Schulpflege.

«Schlatter und Elsauer Schüler haben nicht immer das gleiche Niveau.»Maria Wepf,
Vertreterin des Elternforums Oberstufe Elsau-Schlatt

Berni: Je nach Schule gibt es andere Bedürfnisse, für die es die Mitwirkung der Eltern braucht. An der Oberstufe brauchen wir beispielsweise Leute, die als Unterstützung für die Berufswahl den Kontakt zum Gewerbeaufrechterhalten. An der Primarschule sind andere Themen wichtig.

Eine Schlussrunde?
Funk: Ich finde, man sollte die Chance nutzen. Schlatt profitiert in verschiedener Hinsicht, auch finanziell.

Berni: Ihr verliert natürlich ein Stück Autonomie. Wenn man die Gemeindeversammlung der Oberstufe anschaut, ist ausser einem Behördenmitglied von Schlatt niemand anwesend.

Sie liefern die Gegenargumente ja gleich selbst. Herr Funk,haben Sie damit keine Mühe?
Funk: Wichtig ist doch, dass man dem Schulsystem vertrauen kann. Es soll die eigenen Kinder vom Kindergarten bis zur Berufswahl gut begleiten.

Sie würden nicht mehr an die Gemeindeversammlung gehen?
Funk: Doch, aus Interesse. Aber nicht, um etwas nach links oder rechts verschieben zu wollen.

Wepf: Mich überzeugt das Zukunftsorientierte. Veränderungen kommen sowieso und nach der Fusion wären beide Gemeinden besser gerüstet. Auch die abgestimmte Vorbereitung in den Primarschulen im Hinblick auf die Oberstufe finde ich wichtig.

Leemann: Rein sachlich spricht eigentlich nichts gegen eine Fusion. Die Kritik kommt von einer anderen Ebene.

Emotional meinen Sie?
Leemann: Ja, genau und das muss man ernst nehmen. Ich glaube, wenn wir abwarten und auf einen anderen Partner hoffen oder es alleine versuchen, dann wird es schwierig. In einem grösseren Gebilde kann man dem Kanton gegenüber auch anders auftreten.

Herr Berni, was passiert, wenn die Elsauer ablehnen?
Berni: Auf politischer Ebene wird das Thema wohl ein paar Jahre vom Tisch sein. Ausser jemand bringt wieder eine Initiative für eine Einheitsgemeinde vor.

Leemann: Das wolltet ihr ja nicht. Wieso eigentlich?

Berni: Eine Fusion der Primarschulgemeinde Elsau mit der Politischen Gemeinde Elsau hätte wenig Mehrwert gebracht. Hätte man die Oberstufe Elsau-Schlatt wieder aufgespalten, wäre das Konstrukt noch komplexer geworden. Die Oberstufe wäre dann wirklich klein und schnell an einer kritischen Grenze. Klar kann man Anschlussverträge abschliessen, aber wie viele Schüler tatsächlich noch kommen, weiss man nicht. Die Infrastruktur bringt Fixkosten, die wir sowieso tragen müssen. Je mehr Schüler wir haben, desto breiter können wir die Kosten verteilen. Die Fusion würde uns für viele Jahre eine gute Grösse geben.

(Der Landbote)

Erstellt: 20.10.2017, 11:07 Uhr

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