Gymnasium

«Im Speckgürtel von Winterthur gehört Lernen und Leisten zum Alltag»

In Hettlingen schaffen es doppelt so viele Kinder ins Langzeitgymnasium wie in Winterthur. Dass viele von ihnen aus privilegierten Familien stammen, kann nicht der einzige Grund sein.

Aus Hettlingen schaffen auffällig viele Primarschule die Prüfung ans Langzeitgymnasium.  Bild: Marc Dahinden (Archiv)

Aus Hettlingen schaffen auffällig viele Primarschule die Prüfung ans Langzeitgymnasium.  Bild: Marc Dahinden (Archiv)

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In der Region Winterthur sticht insbesondere eine Gemeinde mit einer hohen Übertrittsquote ins Langzeitgymnasium hervor.

Aus Hettlingen treten jedes Jahr durchschnittlich 30 Prozent der Sechstklässler in Langzeitgymnasium ein, und das seit Jahren, mit wenigen Absackern nach unten. Zum Vergleich: In Seuzach pendelt die Übertrittsquote seit Jahren zwischen 10 und 20 Prozent, in Pfungen zwischen 3 und 21 Prozent, in Winterthur um die 13 Prozent.

«Wer sich einen Hauskauf in dieser Boomzeit leisten konnte, gehört nicht zu den sozial Schwachen»

Eine eindeutige Erklärung für die Ausnahmequote gibt es nicht. «Hettlingen ist in den späten Neunziger- und frühen Nullerjahren stark gewachsen, dies vor allem wegen der steigenden Bautätigkeit», sagt Schulpflegepräsident Markus Nef (FDP). «Die Zuzügerfamilien haben also einen wesentlichen Einfluss auf die aktuellen Schulabgänger.»

Die Gemeinde besteht zudem aus vielen Einfamilienhäusern, hat mit 98 Prozent einen unterdurchschnittlichen Steuerfuss und entsprechend hohe Landpreise. «Wer sich einen Hauskauf in dieser Boomzeit leisten konnte, gehört nicht zu den sozial Schwachen», sagt Nef. Hinzu kommt die mit acht Prozent unterdurchschnittliche Ausländerquote. Diese beträgt in Seuzach und in Neftenbach rund 12 Prozent.

In der Primarschule Hettlingen lege man grossen Wert auf ein stabiles und und ausgewogenes Lehrerteam, sagt Nef. Im Bereich Sonderpädagogik würden alle vor Ort arbeiten und sie würden nicht «von fernen, zentralen und fast anonym geführten Stellen» abdelegiert, was sicher zur Qualität der Ausbildung beitrage. Zudem habe man in den letzten Jahren am Konzept für Sonderpädagogik gearbeitet. «Wir warten nicht, bis die Situation für ein Kind oder eine Familie unerträglich wird, sondern gehen Defizite aktiv, früh und gezielt an», sagt Nef. Diese Massnahme betreffe aber eher nicht die typischen Gymi-Kandidaten.

Idealbild trifft auf viele Kinder zu

«Sprunghaft, auf einem recht hohen Niveau» beschreibt Leo Eisenring die Gymiquote der Hettlinger Schüler. Seit 17 Jahren unterrichtet er an der Primarschule Hettlingen. «Ich selber erlebte vor Jahren einen Klassenzug, in dem die Hälfte der Klasse die Prüfung bestand, hatte im letzten Klassenzug jedoch nur ein Kind, das die Aufnahme ins Langzeitgymnasium schaffte.»

Eisenring sieht den Grund nicht in schulischen Massnahmen, sondern «einfach in natürlichen Schwankungen, wie sie in einem freien Umfeld entstehen können». Gleichzeitig stellen Eisenring und seine Kollegen fest, dass «viele Kinder ans Gymi wollen und auch freiwillig viel dafür arbeiten», was dem allgemeinen Lernklima an der Schule zugute komme.

Nicht von der Hand zu weisen ist, dass viele Kinder aus privilegierten Familien kommen und wenige einen Migrationshintergrund haben. Besonders an Hettlingen sei auch der Umstand, dass viele Neuzuzüger aus bildungsnahen Kreisen ihre Kinder auf dem Land und doch stadtnah aufwachsen lassen wollten, sagt Eisenring.

«So ergibt sich, dass im Speckgürtel von Winterthur Lernen und Leisten zum Alltag gehört, viele Kinder sich gerne und selbstverständlich um ihr eigenes Lernen kümmern und dennoch noch Kind sein dürfen.» Das sei natürlich ein Idealbild, das nicht für alle Kinder zutreffe, aber auf viele.

Gegenüber Eisenring erklärten vier aktuelle Sechstklässler, die dieses Jahr an die Gymiprüfung gehen, ihre Beweggründe. Für alle war das Langzeitgymnasium schon früh, zum Teil seit der zweiten Klasse, ein Ziel.

Sie begründen ihr Interesse mit dem interessanten Stoff, zum Beispiel Latein und vielen positiven Rückmeldungen von älteren Geschwistern, Nachbarskindern oder Leiterinnen und Leitern in der CEVI oder Pfadi. Druck von den Eltern spürten sie keinen, sagen die Kinder. Die Eltern wollten nur das Beste für sie und würden entsprechend ein allfälliges Versagen an der Prüfung akzeptieren.

Übertritte an Langzeitgymnasien im Jahr 2017 aus den Gemeinden der Region Winterthur. Quelle: Bildungsstatistik Kanton Zürich

Eltern mit übertriebenen Anforderungen

Dass Lehrer teils von Eltern unter Druck gesetzt werden, was die Vornoten ihrer Kinder betrifft, das bestätigen Bildungsforscher und Rektoren von Zürcher Kantonsschulen. Im Zusammenhang mit einem Artikel über die Aufnahmequote an Gymnasien des Kantons (siehe «Landbote» vom 28. Januar), haben sie sich entsprechend geäussert.

In Hettlingen kennt man gemäss Eisenring solche Druckversuche nicht. «Eltern sind noch nie mit dem offenen oder versteckten Wunsch nach gerundeten Vornoten an mich herangetreten.» Einmal habe ihm aber ein enttäuschter Vater vorgeworfen, als einziger Lehrer im ganzen Bezirk die Vornote nicht zu beschönigen. «Das ist natürlich Quatsch, niemand setzt unbegründet eine bessere Note ins Zeugnis.»

Er habe schon oft erlebt, dass die Noten im Verlauf der sechsten Klasse besser wurden. Das sei verständlich. «Wenn ein Kind in den unteren Klassen etwas lustlos vor sich hin dümpelt und dann plötzlich für sich entscheidet: So, das pack ich jetzt!» Wenn das Kind dann noch in der Freizeit einen Förderkurs besuche, dann wirke sich das zwangsläufig auch auf den Regelklassenunterricht aus. Bessere Noten in der sechsten Klasse hätten also nichts mit «geschmierten Noten» zu tun.

Eisenring selbst befürwortet eine leistungsorientierte Schule. Für ihn sei es selbstverständlich, dass er vollen Einsatz gibt für seine Aufgabe und versucht, das bestmögliche Resultat zu erzielen. Das erfülle ihn mit Befriedigung und das möchte er auch den Kindern vorleben und als Grundhaltung vermitteln.

Mit motivierenden offenen Lern- und Lehrformen schaffe er es häufig, in den Kindern Lust auf die Schule zu wecken. So habe er selten mit übertriebenen Anforderungen vonseiten der Eltern zu tun. Falls ihm so etwas auffalle, spreche er das mit den Eltern offen an und versuche eine Lösung zu finden. «Leider gelingt einem aber nicht alles nach Wunsch.» (Der Landbote)

Erstellt: 08.02.2019, 16:05 Uhr

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