Analyse

Natalie Rickli und der Posträuber

Eine SVP-Nationalrätin macht mit einem «Landbote»-Artikel über den Posträuber von Kollbrunn Stimmung für härtere Strafen gegen Ausländer. Die Kommentare dazu auf Facebook sind bedenklich. Viele fordern die sofortige Ausschaffung und attackieren den Richter. Doch so einfach ist der Fall nicht.

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Natalie Rickli hat auf Facebook einen Textausschnitt des «Landboten» vom 1. Februar über den Posträuber von Kollbrunn geteilt: «Dieser kriminelle Ausländer wird nicht ausgewiesen mit Verweis auf Personenfreizügigkeitsabkommen!!!», schreibt sie dazu.

Darunter platziert die Nationalrätin einen Link zur Begrenzungsinitiative der SVP, man soll «heute noch» unterschreiben. Die Winterthurerin löst damit über 500 Reaktionen aus. Ihre Veröffentlichung wird über 100-mal kommentiert.

«Unfassbare Schweinerei!!», heisst es da etwa über das Urteil des Bezirksgerichts Winterthur. Oder: «Wir Eidgenossen sind die Dümmsten und bald nur noch Gäste im eigenen Land!» Die Debatte auf der Facebook-Seite der SVP-Politikerin ist emotional: Es wird in Grossbuchstaben geflucht, ausgerufen, und immer wieder tauchen kotzende Emojis auf. Hart ­attackiert wird auch der Richter. Zwei fordern seinen Namen.

Beim Lesen der Wutkommentare fällt noch etwas anderes auf. Viele kennen offen­sichtlich die Hintergründe des Falls nicht. Wie sollen sie auch? Medienpolitikerin Natalie Rickli hat weder die Quelle ihrer Information benannt noch den ganzen Inhalt geteilt. Auf Facebook geistert deshalb – wie so oft – nur eine Kurzform der Berichterstattung herum.

Den Kommentatoren fehlen damit nicht nur Informationen zur Tat und zum ­Täter, sondern auch der Hinweis darauf, dass das Urteil noch nicht endgültig ist.In diesem Fall wäre das zumindest erwähnenswert gewesen, denn die Staatsanwaltschaft hat nur wenige Tage später Berufung eingelegt. Das Bezirksgericht muss seinen Entscheid schriftlich begründen, und der Fall wird womöglich vor Ober­gericht verhandelt.

Als Autor des geteilten Ausschnitts stört mich jedoch vor allem ein anderer Punkt: die eisige Gefühlskälte, die einem beim Lesen der Facebook-Kommentare entgegenschlägt. Der angeklagte Portugiese mutiert in dieser Runde rasch vom Menschen zum Monster. Es sei doch egal, wenn es ihm und seiner Familie schlecht gehe, schreibt jemand. Eine Frau kommentiert hämisch: «Jöö . . . hät er müessä brüälä.» Verstärkt wird das Ganze durch Falschbehauptungen, die unwidersprochen bleiben. So sind mehrere der Ansicht, dass Schweizer bei einem ähnlichen Vergehen härter bestraft würden.

Wer den Bauarbeiter aber in seiner Verzweiflung vor Gericht gesehen hat, der erhält ein anderes Bild. Kein Mensch würde nach einem solchen Prozess auf die Idee kommen, dass der Angeklagte seine Taten auf die leichte Schulter nimmt. Je länger man dem Portugiesen und seinem Verteidiger zuhörte, desto schwieriger wurde es, sich eine Meinung zu bilden. Das Strafverfahren und die 36 Tage Haft, die er ­bereits verbüsst hatte, haben bei ihm offen­sichtlich tiefe Spuren hinterlassen. Nach dem Plädoyer des Staatsanwalts, der sechs Jahre Landesverweis forderte, veränderte sich das Bild erneut. Es gibt nicht einfach Schwarz und Weiss, Gut oder ­Böse, die Grenzen sind fliessend.

Der Richter ist um seine Aufgabe deshalb nicht zu beneiden: Er musste zwischen den Seiten abwägen, das Völkerrecht berücksichtigen und dann über die Zukunft eines Mannes entscheiden, der mit allen Mitteln um die Existenzgrundlage seiner Familie kämpft. Das lässt niemanden kalt. Keiner will die Tat bagatellisieren. Zweifellos ist es ein schweres Vergehen, wenn einer mit einer echt wirkenden Spielzeugpistole eine Angestellte bedroht und Geld aus der Kasse klaut. Dennoch sind selbst in diesem Fall die Hintergründe – wie sie in Zeitungen mitgeliefert werden – eben komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Das sollte auch eine National­rätin beim Teilen von Artikeln auf Facebook nicht vergessen. (Landbote)

Erstellt: 19.02.2018, 16:24 Uhr

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