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Wie eine Betriebsspionage um 1761 endete

Über ein Stoffmusterbuch des Historischen Museums Thurgau entfaltet sich die bewegte Lebensgeschichte des Isliker Unternehmers Bernhard Greuter. Schon vor 250 Jahren hatten Start-ups immer neue Herausforderungen zu bestehen.

Sammlungskuratorin Christine Süry zeigt das seltene Stoffmusterbuch im Depot des Historischen Museums Thurgau in Frauenfeld.
Sammlungskuratorin Christine Süry zeigt das seltene Stoffmusterbuch im Depot des Historischen Museums Thurgau in Frauenfeld.
Melanie Duchene

Ein neues Exponat des Historischen Museums Thurgau macht Sammlungs­kuratorin Christine Süry gerade besonders glücklich: Es handelt sich um ein Stoffmusterbuch aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Man könnte es auch als Kulturschatz von Gachnang bezeichnen, denn es stammt aus der Kattun- und Türkischrotfärberei Greuter, heute bekannt als Greuterhof in Islikon. Christine Süry hat sich weisse Glacéhandschuhe übergezogen und holt das grosse, schwere Buch aus dem Depot. Sie legt es auf einen Tisch: «Vielleicht diente es zu Werbezwecken oder der Archivierung der Stoffmuster», mutmasst sie. Ein Prokurist könnte es nach der Auflösung des Betriebs 1880 gerettet haben. In den Besitz des Museums gelangte es nun über einen Antiquitätenhändler. Den materiellen Wert dieses Musterbuchs stuft sie vorsichtig bei «mehreren Tausend Franken» ein, wobei der historische Wert natürlich unschätzbar sei.

Der Greuterhof ist ein vorindustrielles Bauensemble, das inzwischen als Kulturspielstätte, Restaurant, Hotel und Telefon- Museum genutzt wird. Dabei ist die Anlage Stück für Stück mit dem Erfolg Bernhard Greuters (1745–1822) gewachsen. Er selbst war der Sohn eines Händlers und Reisläufers (Söldner, «der eine Reise macht»), wurde aber zum Waisen. So ging er als Teenager nach Glarus, um das prosperierende Handwerk der Kattun­druckerei zu erlernen. Bunt bedruckte Stoffe standen in Europa hoch im Kurs und das Stoffmusterbuch enthält Proben dieser Exportschlager. «Um 1830 war Rot modern», weiss Christine Süry, «Streublumen und überladene Muster, wie man sie aus dem asiatischen Raum und der Türkei kennt.» In der Schweiz wurden sie jedoch meist dezenter für Kopf- und Schnupftücher eingesetzt.

Greuter wollte also an das Rezept der Blaufärberei kommen, wurde aber erwischt und musste als 16-Jähriger aus seinem Lehrbetrieb in Glarus fliehen. Er wurde steckbrieflich gesucht. Mit 20 gründete er in einem gemieteten Haus in Kefikon seine eigene Lohndruckerei. Unglücklicherweise bekam der Thurgau drei Jahre später einen neuen eidgenössischen Landvogt, nämlich den Glarner Johann Heinrich Streiff, der Greuter schon kannte – und selbst eine Baumwolldruckfabrik besass. Immer noch auf den Fahndungslisten, floh der Jungunternehmer nach Holland. 1770 war die Glarner Herrschaftsepisode wieder beendet und Greuter konnte – um einige Erfahrungen als Färbergeselle reicher – nach Kefikon zurückkehren. Den Betrieb, den sein Bruder mehr schlecht als recht betreut hatte, baute er wieder auf. 1773 heiratete er eine Islikerin und errichtete dort, im «Schatten» seines Schwiegervaters, des Sternenwirts, ein Familienhaus. Bald war auch die Taverne in die wachsende Anlage miteinbezogen.

Mit den Gebrüdern Rieter von Winterthur ging er eine «Handels-Societät» ein, die auf den Export nach Deutschland und Italien ausgelegt war. Nun reichte das Wasser für die Produktion in Islikon nicht mehr aus und Greuter beschloss, an den Murgkanal nach Frauenfeld zu ziehen. Allerdings verweigerten ihm die Frauenfelder das Bürgerrecht. Selfmademan, der er war, liess Greuter über Islikon sieben Weiher ausheben, um das Wasser auf das Riesenwasserrad in seiner Fabrik zu führen. Parallel dazu erwarb er grosse Landflächen, wo seine Arbeiter das Gras kurzhalten mussten, um die Tücher darauf in der Sonne zu bleichen. Und – angesichts seines Erfolgs – bekam er doch noch das Frauenfelder Bürgerrecht angetragen, worauf er auch dort eine Filiale eröffnete. Die Expansion umfasste darüber hinaus einen Betrieb im Elsass und Anteile an Handelsschiffen zur Spedition der Ware; auch seine Söhne beschäftigte er im Unternehmen.

Zum 25-Jahr-Firmenjubiläum gründete Greuter die erste betriebliche Sozialversicherung der Schweiz. Neben der Militärversicherung und der Alterssparkasse konnten sich die Arbeiter auch krankenversichern. Und im Gegensatz zu heute bekamen die Angehörigen im Todesfall zu 100 Prozent zurück, was der Versicherte in diesen Fonds eingezahlt hatte!

Den Niedergang seines Lebenswerks musste Bernhard Greuter nicht mehr erleben. Die Baumwollkrise durch den amerikanischen Bürgerkrieg, das Aufkommen von chemischen Farben und die englische Massenproduktion konnte der Betrieb nicht abwehren. Fast 100 Jahre lang verfiel der Greuterhof zunehmend, wobei er zuletzt noch als Unterkunft für Gastarbeiter diente. Dem Isliker Unternehmer Hans Jossi ist zu verdanken, dass die Anlage durch den Einsatz vieler Beteiligter seit 1978 wieder hergerichtet wurde.

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