Aufgefallen

Wie man sich diplomatisch verspätet

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Der Parkplatz vor dem Gemeindehaus in Elgg war ab 15.30 Uhr für den Schweizer Botschafter aus Ghana reserviert. Philipp Stalder, der seit Mai diesen Jahres als Botschafter in der ghanaischen Hauptstadt Accra lebt, sollte Elgg wegen ihres Engagements im afrikanischen Land besuchen. Doch der Diplomat liess auf sich warten.

Vor knapp zwei Wochen feierte die Gemeinde die 30-jährige Partnerschaft mit dem ghanaischen Dorf Mafi Kumase. Dort hat Elgg mit finanzieller Unterstützung zu einer Wasserstelle mit sauberem Trinkwasser beigetragen («Der Landbote» berichtete). Die Initianten des Projekts Martin Wegelin und Kolly Dorcoo sind am Montag extra nach Elgg gekommen, um dem Botschafter die Aktion und die aktuelle Situation in Mafi Kumase vorzustellen.

Gemeinsam standen Initianten, Gemeindeschreiberin und Presse auf dem Lindenplatz vor dem Gemeindehaus in Elgg. Alle warteten auf Botschafter Stalder. Eine Parkverbotstafel signalisierte den Autofahrern, dass sie ihr Gefährt hier nicht abstellen konnten. Enttäuschte und genervte Gesichter machten in ihren Vierrädern kehrt und parkierten kurzerhand vor der Zürcher Landbank schräg gegenüber.

«Vermutlich hat er eine Thurgauernummer»Martin Wegelin mutmasst über das Kennzeichen des Diplomaten

Gemeindeschreiberin Sonja Lambrigger und Martin Wegelin schauten immer wieder auf ihre Armbanduhren. Es war 16.45 Uhr, um 16.30 Uhr hätten sie Botschafter Stalder erwartet. Wegen einer Viertelstunde Verspätung war man erst mässig nervös. «Vermutlich hat er eine Thurgauernummer», sagte Wegelin. Da Stalder gebürtiger Matzinger ist, lag diese Vermutung nahe.

So erhöhte sich der Puls aller Anwesenden jeweils für einen kurzen Moment, wenn sich ein Auto mit Thurgauer Nummernschild näherte. Weil Elgg dicht an der Kantonsgrenze zum Thurgau liegt, wurde man gefühlt alle zehn Sekunden erneut enttäuscht, wenn das Auto entweder vorbeifuhr, abbog oder eine Frau hinter dem Steuer sass.

Die Kirchenuhr verdeutlichte die Verspätung mit ihren Glockenschlägen. Inzwischen war es 17 Uhr und vom Botschafter keine Spur. Die Gemeindeschreiberin beschloss, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Das sollte sich aber als schwieriger herausstellen als gedacht. Denn niemand verfügte über Stalders Schweizer Nummer, lediglich die seines ghanaischen Handys war bekannt.

Auch im Telefonbuch wurde die Gemeindeschreiberin nicht fündig. Keines von Stalders Familienmitgliedern schien noch im Matzingen zu wohnen. So ging das Warten weiter. «Vielleicht ist er nach Egg statt Elgg gefahren», sagte Wegelin halb scherzend. Die Gemeinde liegt zwar ebenfalls im Kanton Zürich, doch in der Nähe des Pfannenstiels.

Vielleicht lief die Uhr des Botschafters noch nach ghanaischer Zeit? Dann hätte man ganze zwei Stunden auf Stalder warten müssen. So viel beträgt die Zeitverschiebung von Zürich zu Ghana. Nach eineinhalb Stunden wurde der Termin abgeblasen. Man gab den Parkplatz frei und die Anwesenden zogen von dannen.

Einen Tag später ist das Mysterium um den verschollenen Botschafter einfach zu erklären. Stalder habe sich den Termin am falschen Tag eingetragen. Nachdem die Gemeinde Elgg Kontakt zum Amt für auswärtige Angelegenheiten in Bern Kontakt aufgenommen hatte, konnten sie Stalder dann doch noch telefonisch erreichen. «Wir haben einen neuen Termin vereinbart», sagt die Elgger Gemeindeschreiberin.

Schon diesen Donnerstag wird Stalder erneut im Gemeindehaus von Elgg erwartet. Bleibt zu hoffen, dass seine Uhr auch wirklich nach Schweizer Zeit läuft.

Erstellt: 09.07.2019, 14:48 Uhr

Philipp Stalder ist Schweizer Botschafter in Ghana. (Bild: PD)

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