Mobbing

«Jugendlichen ist oft nicht bewusst, was sie mit ihrem Verhalten anrichten»

Eltern- und Schulberaterin Christelle Schläpfer rät, in Mobbingfällen wie in Wiesendangen die Akteure nicht zu bestrafen.

Mobbing findet heutzutage oft auch digital statt.

Mobbing findet heutzutage oft auch digital statt. Bild: Keystone (Symbolbild)

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Diese Woche wurde berichtet, wie schwer zwei Schülerinnen in Wiesendangen unter Mobbing litten. Warum kommen solche Fälle immer wieder vor?
Die Auseinandersetzung mit konkreten Fällen zeigt, dass die Gründe für Mobbing ganz unterschiedlich sein können. Neid kann eine Rolle spielen, auch Vorurteile oder schlicht Langeweile. Manche Schüler wollen lustig sein und merken nicht, wenn sie andere verletzen. Es fehlt ihnen an Einfühlungsvermögen.

Was geht im Kopf eines ­Schülers vor, der im Klassenchat an eine Mitschülerin schreibt: «Bring di umm»?
Dass es so weit kommt, hängt von vielen Faktoren ab. Da greift es zu kurz, wenn man die Gesamtsituation mit diesem einen Moment zu erklären versucht. Jugendlichen ist oft nicht bewusst, was sie mit ihrem Verhalten anrichten. Darum ist es in der Präventionsarbeit wichtig, die Schüler zu sensibilisieren und nicht nur zu informieren.

«Mobbing wird leider auch oft nicht erkannt – weil es eine sehr subtile Form von Gewalt ist.»

Der zuständige Wiesendanger Schulpfleger warnt vor voreiligen Schlüssen: Fachsprachlich sei das kein Mobbing gewesen.
Den vorliegenden Fall kenne ich nicht. Allgemein kann ich sagen, dass der Begriff oft verkannt wird, und es gibt immer wieder Eltern, die fälschlich Mobbingvorwürfe machen. Andererseits muss man in tatsächlichen Mobbingfällen dringendst eingreifen, weil sie für die Opfer traumatische Folgen haben können. Mobbing wird leider auch oft nicht erkannt – mitunter, weil es eine sehr subtile Form von Gewalt ist.

Was zeichnet Mobbing aus?
Erstens besteht bei Mobbing ein Machtungleichgewicht: eine Gruppe gegen einen Einzelnen, ein Starker gegen einen Schwachen, oder im Berufsleben ein Chef gegen einen Mitarbeiter. Zweitens findet Mobbing systematisch und wiederholt statt, also über einen längeren Zeitraum. Anders als bei einem Konflikt, der sich im Kern um eine Sache dreht, richtet sich Mobbing immer gegen einen Menschen.

Wie geht eine Schule im Verdachtsfall idealerweise vor?
Am Anfang steht die Wahrnehmung. Das ist gar nicht so einfach, weil Mobbing nicht zwingend im Klassenzimmer stattfindet, sondern auch auf dem Mädchen-WC, in der Mensa, auf dem Heimweg...

… oder im nicht moderierten Klassenchat.
Ja. Und da muss die Schule auch reagieren, wenn der Chat nicht unter Kontrolle der Schule steht. Schliesslich hat die Schule die Jugendlichen in dieser Konstellation zusammengebracht.

Und welche Anzeichen gilt es wahrzunehmen?
Beispielsweise Veränderungen an Körpersprache oder im Verhalten. Hier ist der Austausch zwischen Eltern und Schule wichtig, weil erst so ein Gesamtbild entsteht. Hilfreich sind auch Informationen und Hinweise von couragierten Drittpersonen aus dem Klassenverband.

Und wie geht es dann weiter?
Wie man angemessen reagiert, hängt ganz von der Situation ab. Was immer gilt, ist, dass wir weg vom Problem, hin zu Lösungen wollen und die Schüler in diesem Prozess involvieren.

Schulen ziehen Sie bei akuten Mobbingsituationen bei. Wie gehen Sie konkret vor?Ich arbeite gerne mit Metaphern. Dazu nutze ich Filme und Geschichten, in denen die Protagonisten ein ähnliches Problem haben. Indem wir den Fall von den Schülern wegbewegen, fällt es ihnen plötzlich leichter, das Problem zu besprechen und Lösungen zu finden. Das transferieren wir dann auf ihre Situation.

Welche Fehler sind bei der Intervention zu vermeiden?
Keinesfalls dürfen Lehrer Mobbingfälle wie einen Streit behandeln, indem sie die Parteien einander gegenüberstellen. Leider machen das viele Schulen. Auch eine Konfrontation vor der gesamten Klasse ist kontraproduktiv, weil die Schüler in eine unkooperative Abwehrhaltung gehen und das ohnehin schon verängstigte Opfer vor allen ausgestellt wird.

Was halten Sie von Sanktionen?Sanktionen sind gar nicht angebracht. Die Folgen können so weit gehen, dass sich Täter an den Opfern dafür rächen, und in ihrer Sozialkompetenz bringt das die Schüler kein Stück weiter. Letztlich ist das Ziel immer ein stärkerer Klassenzusammenhalt.

Christelle Schläpfer war 14 Jahre lang Gymnasiallehrerin in Winterthur. Seit 2010 berät sie Familien und Schulen: www.edufamily.ch

Erstellt: 01.03.2019, 12:35 Uhr

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