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Kanton entschädigt die gewollte Zerstörung

In der Region fressen sich Biber und renaturierte Gewässer durch die Landschaft. Doch was Besitzer von Wald und Ackerland als Zerstörung empfinden, schafft aus Sicht des Naturschutzes wertvolle Lebensräume mit grosser Artenvielfalt.

Das Thurufer bei der Altemer Brücke kommt wegen Hochwasser immer wieder ins Rutschen.
Das Thurufer bei der Altemer Brücke kommt wegen Hochwasser immer wieder ins Rutschen.
Marc Dahinden

Besonders im Weinland ist seit einigen Jahren ein Muster erkennbar: Gemeinden lassen am Ufer nagende Gewässer und an Bäumen nagende Biber so lange gewähren, bis ihnen wegen der Schäden gleichsam der Geduldsfaden reisst. Dann steht der Kanton bereit und kauft ihnen das betroffene Gebiet ab, entschädigt sie mit Geld, Ersatzland oder richtet Reservate ein.

Zu beobachten war das Schema etwa im Ellikerfeld am Rhein, am Bibersee bei Marthalen, beim Eggrank an der Thur bei Andelfingen, im Schäffäuli an der Thur bei Niederneunforn, beim Mädlestenried zwischen Henggart und Hettlingen oder in der Waldlichtung Witteri bei Henggart (siehe Karte unten). Das jüngste Beispiel ist das Waldstück Inseln an der Thur, das die Gemeinde Andelfingen dem Kanton verkauft hat.

«Ende nicht abzusehen»

Steht hinter dem Zukauf solcher Flächen eine Strategie oder sind das bloss Einzelfälle? Der Kanton strebe bei Interessenskonflikten stets «die für alle Seiten beste Lösung an», antwortet Baudirektionssprecher Wolfgang Bollack. Wie eine solche Lösung aussehe – ob Landkauf oder Reservatsvertrag – «sieht von Fall zu Fall unterschiedlich aus».

«Die Thur wird weiter stetig am Ufer nagen und sich ihr Bett verbreitern»

Gemeinderat Andelfingen

Vom Andelfinger Gemeindewald Inseln (Nr. 1 auf Karte) hat der Kanton kürzlich rund 1430 Aren für 355 000 Franken aufgekauft. Thurhochwasser der letzten Jahre unterspülten dort das Ufer immer wieder und zerstörten Land und Wege. Nach dem Hochwasser letzten Sommer musste sogar der Wanderweg weiter weg vom Fluss in den Wald verlegt werden. «Und ein Ende ist nicht abzusehen: Die Thur wird weiterhin stetig am Ufer nagen und sich ihr Bett verbreitern», schreibt der Andelfinger Gemeinderat in einer Mitteilung.

Zwar kam jeweils der Kanton für den Landverlust auf. Doch die sich ständig wiederholende Bestimmung der Schäden vor Ort war aufwendig. «Statt diese Übung alle Jahre zu wiederholen, einigten wir uns nach dem letzten Hochwasser auf eine grossflächige Landabtretung», sagt Gemeindepräsident Hansruedi Jucker auf Anfrage. Und mit dem Kanton sei man «schnell einig geworden».

Entwicklung «voraussehbar»

Zwar liegt der betroffene Uferabschnitt oberhalb des Thurauengebiets. Doch auch hier sind laut Auskunft der Baudirektion Uferverbauungen entfernt worden, «um dem Fluss mehr Platz und Bewegungsspielraum zurückzugeben», so Bollack. Und dabei habe man die nun erfolgte Abtretung des Waldstücks an den Kanton bereits vorgesehen. «Die Entwicklung war also voraussehbar und ist gewollt.» Der Kanton hat die Erosion des ungeschützten Ufers also in Kauf genommen.

Keine Nutzung, dafür Geld

Etwas weiter flussabwärts beim Eggrank liegt das Waldstück Wehri, das der Biber unter Wasser gesetzt hat (Nr. 2). Auch dort traf der Kanton mit der Gemeinde Andelfingen eine Vereinbarung: Das Gebiet gehört zwar noch der Gemeinde, doch 2014 wurde ein Reservat eingerichtet und eine einmalige Entschädigung bezahlt. Das Gleiche geschah 2012 beim Bibersee bei Marthalen (Nr. 3): Das Gebiet wurde unter Schutz gestellt und die Gemeinde dafür bezahlt, dass sie den Wald künftig nicht mehr nutzt.

Auch beim Mädlestenried zwischen Henggart und Hettlingen (Nr. 4) verkaufte die Gemeinde Hettlingen dem Kanton Gemeindewald, in dem Biber Bäume fällten. Das ständige Rapportieren der Schäden an den Kanton sei zu aufwendig, hiess es damals aus Hettlingen. Auch an der Thur bei Niederneunforn (Nr. 6) erwarb der Kanton Thurgau Land, um es der Erosion der Thur zu überlassen. In der Waldlichtung Witteri bei Henggart (Nr. 5) schliesslich wollten die Landbesitzer eigentlich das oft vernässende Stück Ackerland aufwerten. Doch dann wurde auf Anregung des Kantons das Land in ein Flachmoor zurückverwandelt.

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