Frostfolgen

Leere Kirschbäume und tote Knospen

Die kalten Nächte im April haben Obst- und Beerenbauern der Region die ganze oder Teile der Ernte genommen. Wer kein weiteres Einkommen hat, dem stehen schwierige Monate ins Haus.

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Die beiden Bauern jammern nicht, aber sie sind Realisten. Die Ernte in der Kirschenplantage von Marc und Heinrich Peter in Wiesendangen fällt komplett aus, die Ernte in den Beerenanlagen von Tobias Martins Betrieb in Hettlingen spürbar kleiner.

Der Frost in der dritten Aprilwoche hat sie hart getroffen. Mit den Erdbeeren allerdings hat Martin Glück gehabt. Er hat sie mehrfach mit Vlies zu- und wieder abgedeckt. Und während frühe Sorten trotz diesem Schutz teilweise erfroren sind, hat Martins späte Erdbeersorte den Frost überlebt, weil ihre Triebe und Knospen noch in der Erde steckten. Frühe Sorten würden höhere Preise erzielen. Martin aber setzt auf späte Erdbeeren, weil er seine Ernte vor allem an Selbstpflücker und im Hofladen verkauft.

«Äpfel, Birnen und Aprikosen gibt es keine»

Mit einem Ertrag bei den Erdbeeren darf Martin also rechnen, auch wenn unter den noch grünen Früchten auf dem Feld an der Schaffhauserstrasse einige missgebildete sind. Auf dem Betrieb wachsen aber auch Himbeeren, Brombeeren und Aprikosen. Und etwas entfernt in Dorf Kirschen-, Zwetschgen-, Apfel- und Birnbäume.

«Das Kernobst hat es am Schlimmsten getroffen», sagt Martin. Wunderschön hätten die Bäume geblüht Anfang April. In der ersten Frostnacht hat er die Steinobstbäume mit Paraffinkerzen und Feuerholz geheizt, mit unterschiedlichem Erfolg. «Äpfel, Birnen und Aprikosen gibt es keine», sagt Martin. Unter den Bäumen verrotten die abgestorbenen Blüten tausendfach.

Aussen grün, innen braun

Bei den Sommerhimbeeren und Brombeeren hingegen sah auch das geübte Auge bis vor einigen Tagen nicht, wie viel Schaden Knospen und Trie­be genommen haben. Martin greift zum Mes­ser und schneidet eine Brombeer-Knospe und einen Stängel auf. Beide sind im Innern braun. «Die werden mit grosser Wahrscheinlichkeit absterben», sagt er. Und wenn nicht, werden die Stängel zu wenig stabil sein, um Früchte zu tragen.

Wobei – werdende Früchte sind an Himbeeren und Brombeeren kaum auszumachen. Selbst die Herbst­himbeeren, deren Ruten erst im Frühling aus dem Boden schiessen, wurden vom Frost geschädigt. Ihre Haupttriebe sind kaputt, nun wachsen besengleich die Nebentriebe wei­ter. Obs noch Erträge gibt, ist fraglich. «Wir haben wegen dem Frost zwei Monate verloren», sagt Martin. Die Zeit bis zum Herbst ist kurz.

Braun kleben die erfrorenen Blüten zwischen den Blättern, da und dort sickert Harz aus Verletzungen an den Trieben.

Seit 15 Jahren baut der Quereinsteiger zusammen mit der Lebenspartnerin und der Mutter den Betrieb bei Hettlingen auf. «Der Traum wäre es, irgendwann davon leben zu können», sagt Martin. Vorläufig arbeiten er und seine Partnerin aber Teilzeit auswärts. Das zweite Frostjahr hintereinander wirft den Betrieb darum nicht um, aber zurück. Die Investition in Netze gegen die Kirschessigfliege wird sich frühestens nächstes Jahr lohnen.

Eine Mitarbeiterin, die gekündigt hat, wird vorläufig nicht ersetzt, was unter dem Strich viel Mehrarbeit im eigenen Betrieb bedeutet. Trotzdem ist Martin froh, um den Nebenwererb. Andere habe es viel härter getroffen. Ein befreundeter Winzer kämpfe ums Überleben, suche dringend auswärts Ar­beit, um die Betriebskosten und den Lehrling zahlen zu können.

Die Arbeit bleibt gleich viel

Etwas über eine Hektare Fläche hat Marc Peter vor zehn Jahren bei Wiesendangen mit Kirschbäumen bepflanzt. Ihre Blätter sind grün, wie die Felder ringsum auch. Grüne Kirschen allerdings sucht man in der Anlage unterhalb vom Orbüel vergebens. Braun kleben die erfrorenen Blüten zwischen den Blättern, da und dort sickert Harz aus Verletzungen an den Trieben.

Nach dem Frost von Mitte April sei er einige Tage mit hängendem Kopf um den Hof geschlichen, erzählt Peter mit bloss einem halben Lächeln. Er habe kein Bedürfnis verspürt, in die Kirschen zu gehen und nach den Schäden zu sehen. Geheizt hatte Peter zwischen den Baumreihen mit einer mobilen Gasheizung. Gehofft hat er. Genützt hat es nichts. Die Temperaturen lagen zu lange zu tief.

«Arbeit und Kosten habe ich nicht weniger als in normalen Jahren», sagt Peter, während er die Blütenreste abliest. Diese müssen weg und die Bäume gespritzt werden, ansonsten drohen Krankheiten. Weniger Arbeit hätten wegen dem Frost bloss die Erntehelfer, sagt Peter, für die es in diesem Sommer auf Schweizer Höfen wenig zu pflücken gibt.

Erntehelfer auf der Suche

Der Wiesendanger Bauer hat einige Mails erhalten, von Arbeitsuchenden aus dem Osten, die wegen der Ernteausfälle an ihren gewohnten Orten keine Anstellung finden.

«Ich werde gratis arbeiten müssen»

Er selbst kann auf Helferinnen und Helfer aus der Familie und dem Dorf zählen. Aber auch für sie gibt es nichts zu tun. Und für Peter keinen Lohn. «Ich werde gratis arbeiten müssen», sagt er. Zum zweiten Mal hintereinander, denn schon im vergangenen Jahr fiel die Ernte von ungefähr 12 000 Kilogramm wegen Frost aus. Ein spürbarer Verlust, rund 60 000 Franken Einnahmen fallen weg.

In Peters Hofladen wird es erneut keine Kirschen geben. Die Konsumenten werden vom Ernteausfall in Wiesendangen aber nichts merken. Die Kirschen kommen stattdessen aus dem Tirol und Spanien. «Das ist schon etwas frustrierend», sagt Peter. Zum Glück gehe es seinen Hühnern gut. Ihre Eier sind neben den Kirschen und Feldfrüchten das dritte Bein des Familienbetriebs. Sie werden in Migrosfilialen der Region verkauft.

(Der Landbote)

Erstellt: 23.05.2017, 16:11 Uhr

Kanton will Hilfegesuche prüfen

Frost und Schnee haben insbesondere die Obst- und Wein­bauern schwer getroffen. Fast schweizweit wurden teils massive Schäden registriert. Einige Landwirte sehen sich deshalb mit ernsthaften Liquiditäts- und Existenzproblemen konfrontiert.

Die Regierungen der Kantone Aargau und Baselland haben auf diesen Umstand reagiert und Staatshilfen in Aussicht gestellt. Man wolle den betroffenen Bauern möglichst rasch und un­bürokratisch helfen, hiess es. So gewährte ihnen der Kanton un- ter anderem zinslose Überbrückungskredite, um die finanzielle Notlage etwas zu lindern.

Durchaus denkbar, dass auch der Kanton Zürich besonders arg gebeutelten Bauern unter die Arme greifen wird, sicher ist dies ­jedoch nicht. Die Regierung reagiert auf Anfrage vorerst zurückhaltend. Es bleibe «derzeit offen», ob hiesige Bauern eine ähnliche Unterstützung erfahren wie in anderen Kantonen, sagt Wolfgang Bollack, Sprecher der Baudirektion. Klar sei auf jeden Fall, dass der Kanton bis heute keine entsprechenden Hilfegesuche von Bauern erhalten habe. Er sichert aber zu: «Falls solche Gesuche eintreffen sollten, so würden wir diese sicher prüfen.»

Gesicherte Zahlen fehlen

Während andere Kantone die Schäden der Frostnächte bereits beziffern können, fehlen im Kanton Zürich vorerst entsprechende Zahlen. «Wir sind nach wie vor daran, uns einen Überblick über die Frostschäden beziehungsweise über die Ernteausfälle im Kanton Zürich zu verschaffen», sagt Bollack. Man habe bis jetzt keine gesicherten Angaben, um die Schäden in ihrer Gesamtheit beziffern zu können. «Wir stehen aber in Kontakt mit dem Zürcher Bauernverband und den Branchenorganisationen – in ein paar Wochen wissen wir sicher mehr.»

Dem Zürcher Bauernverband liegen bereits erste Schätzungen zum zu erwartenden Schadensausmass vor. So wird beispielsweise der Ernteausfall bei den Kirschen derzeit auf 50 bis 70 Prozent geschätzt. Das bestätigt Ferdi Hodel, Geschäftsführer des Bauernverbandes. Bei den Erdbeeren beläuft sich der Ausfall zwischen 30 bis 50 Prozent und bei den Äpfeln und Birnen zwischen 30 und 35 Prozent. Und: «Nicht weniger als 80 Prozent aller Reben im Kanton Zürich sind von Frostschäden betroffen», sagt Hodel. Wobei dies nicht heissen müsse, dass später tatsächlich mit Ernteausfällen in dieser Grössenordnung zu rechnen sei. Denn im Gegensatz zum Obst, können bei den Reben nach dem Absterben der Haupttriebe Ne­benaugen austreiben. «Diese tragen zwar später kleinere und ­weniger Trauben, aber je nach Witterung kann so vielleicht doch noch einiges wettgemacht werden», hofft Hodel.

Der Geschäftsführer des Bauernverbandes verhehlt aber nicht, dass auch im Kanton Zürich einzelne Bauern Totalausfälle zu verzeichnen haben. Für einige von ihnen seien die Frostschä- den «tatsächlich existenzbedrohend». Vor diesem Hintergrund begrüsst der Bauernverband das Vorgehen des Kantons mit Blick auf allfällige Hilfeleistungen. Aus Sicht von Hans Frei, Präsident des Zürcher Bauernverbandes, ist es sinnvoll, wenn besonders stark betroffene Landwirte «beim Kanton Unterstützung einfordern können». tm

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