Brütten

Lieber Schutzengel als Schuhe

Kurt Linsi taucht auf manchem Parkett auf. Barfuss. Nicht nur zum Tanzen, aber auch, trotz der künstlichen Hüftgelenke. Die hat ihm einer von vielen Unfällen eingebracht. Die und eine grosse Entscheidung: Linsi sagt, er wolle Danke sagen. Und leben.

Einmal Hippie und zurück: Kurt Linsi liebt das Leben in seiner Höhle in Kreta. Aber auch das in Brütten. Hauptsache, er fühlt sich frei.

Einmal Hippie und zurück: Kurt Linsi liebt das Leben in seiner Höhle in Kreta. Aber auch das in Brütten. Hauptsache, er fühlt sich frei. Bild: Johanna Bossart

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Kurt Linsi war betrunken. Er sass am Steuer seines Cabrios mit der Freundin. Zurück vom Dancing in Sihlbrugg, nahm er den Umweg über den Hirzel heimwärts, der Wagen fiel das Loch hinunter, überschlug sich fünfmal, sie schleuderte hinaus, er nicht. Beide überlebten.

Es war das Jahr 1974, Linsi war 21. Ein Metallteil habe sich tief in das Buch gebohrt, sein Kopf prallte dagegen und es rettete sein Leben: «Da war Alexis Sorbas in meinem Nacken», sagt er, «Alexis Sorbas», der Roman des griechischen Schriftstellers Ni­kos Kazantzakis, der für die Insel Kreta steht wie das Hippiedorf Matala.

«Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei»

Matala, hier hat er zu Pink Floyd getanzt und mit Drogen experimentiert, Kreta, hier verbringt er lange Sommer, lebt in einer Höhle, die er liebt. Oder in Brütten im schönen alten Riegelhaus. Oder im Wald im Schlafsack. Oder im Ferienhaus im kleinen Dorf in Graubünden. Oder irgendwo.

Kurt Linsi hat einen Leitsatz. «Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei», zitiert er Kazantzakis, es steht auf dessen Grabstein. «Das stimmt fast perfekt für mich, bloss einen Schutzengel erhoffe ich mir weiterhin», sagt er. Den hatte er nämlich nicht nur einmal bei diesem Unfall, der ihn ein paar Gelenke kostete und sieben Monate ins Spitalbett verschlug.

Auch, als er wieder eine Stelle bekam, obwohl der Alkohol am Steuer ihn einmal für ein halbes Jahr ins Gefängnis brachte und viele der damaligen Freunde die Exzesse nicht überlebten. Er schon. «Ich entschied mich dafür.»

Linsi rannte Marathonstrecken. Keinen Tropfen Alkohol, keine Zigarette, zwanzig Jahre lang. Dafür ein Sohn, der seit zehn Jahren bei ihm in Brütten lebt, jetzt, mit 25, zieht er aus der väter­lichen Wohnung aus. Und eine Anstellung bei der Werbeagentur Publicitas, später beim «Zürcher Unterländer» im Inseratemarkt bis zur Pension vor zwei Jahren.

Heute ist Linsi nicht mehr so streng mit sich, wie er sagt. Und dankbar, er geniesst seine Tage auf Pilzsuche und bei alten Menschen, die er betreut, bei Kindern unten im Chrüsimüsi, der Krippe, und erzählt Geschichten.

Linsi steht mitten drin. Rund um ihn das volle Leben: eine Freundin, die in Brasilien Model war, und eine mit zwei Kindern. Das Leben mit ihr ist sein eigentlicher Traum. Und ständig ist etwas los: Linsi ist selbst ernannter Zappelphilipp. Man kennt ihn rundum, den überaus kommunikativen Barfussgänger. Und Steinmännerbauer. Und Katzenlaufradvermarkter. Den Tausendsassa.

(Der Landbote)

Erstellt: 11.10.2017, 10:43 Uhr

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