Wiesendangen

Mit Feuer und Wasser die Räder eines Feuerwehrautos repariert

Ein dampfbetriebenes Basler Feuerwehrauto von 1905 wird derzeit restauriert. Am Dienstag hat der Wiesendanger Schmied Urs Teuscher den Stahlreifen an seinen Platz gehämmert.

Dieses Feuerwehrauto wird in Wiesendangen auf traditionelle Art restauriert.
Video: Marc Dahinden

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Feuer und Wasser scheinen Todfeinde zu sein, die sich auszulöschen oder zu verdampfen versuchen. Doch an diesem Dienstagvormittag zwingt der Wiesendanger Schmied Urs Teuscher die beiden Elemente zur Zusammenarbeit.

Seine Werkstatt befindet sich zwischen Wiesendangen und Sulz, im Hintergrund ist leise das Rauschen der A1 zu hören. Vier rote Holzräder lehnen an der Hauswand. Teuscher und sein Team haben die Aufgabe, den Rädern einen Stahlreifen überzustülpen. Dieser schont nicht nur die Felgen, er hält auch Radkranz, Speichen und Nabe zusammen. Teuscher ist einer von wenigen Schmieden, die dieses Handwerk noch beherrschen.

«Letzte ihrer Art»

Die Räder stammen von einer sogenannten Automobildampfspritze aus dem Jahr 1905. Das dampfbetriebene Feuerwehrauto, gebaut in Hamburg von der Waggon- und Maschinenfabrik Aktiengesellschaft, gehört seit 114 Jahren dem Kanton Basel-Stadt. Der Dampfantrieb hatte die Pferdekutsche abgelöst, durch den Druck im 70 Liter fassenden Dampfkessel konnten die Feuerwehrmänner zusätzlich Wasser ins lodernde Feuer spritzen. Das Anheizen dauerte jeweils zehn Minuten, Maximalgeschwindigkeit: 30 Stundenkilometer. Seinen letzten Notfalleinsatz hatte das Gefährt 1925.

Danach war es nur noch sporadisch im Einsatz, etwa während der grossen Dürre im Sommer 1947, um die Basler Pärke zu bewässern. «Es ist weltweit die letzte funktionierende Automobildampfspritze ihrer Art», sagt Pascal Troller, den man in Winterthur vor allem von seinem Einsatz für den Erhalt der Nagelfabrik kennt. Auch bei diesem Projekt hat der Fundraiser die nötigen 205000 Franken für die Restauration aufgetrieben. So tragen etwa die Kantone Basel-Stadt (50000 Franken) und Basel-Land (30000 Franken) einen Teil der Kosten. Alleine die Restauration der Räder ist mit rund 35000 Franken budgetiert.

Extra einen Ofen geschweisst

Bevor die Räder in Wiesendangen gelandet sind, hat sie Wagner Thomas Koch in seiner Werkstatt in Glattfelden auseinandergenommen, getrocknet und neu verzapft. «Das Trocknen war besonders wichtig. Dadurch zieht sich das Holz zusammen», sagt Koch.

Um die breiten Stahlreifen überall gleichmässig erhitzen zu können, haben Teuscher und sein Team am letzten Wochenende extra einen Ofen zusammengeschweisst. «Sonst besteht die Gefahr, dass sich der Stahl nicht gleichmässig ausdehnt», sagt Teuschers Sohn Paul, der mit dem Gabelstapler den Kamin auf den Ofen setzt. Zuvor wurde der Stahlreif in den brennenden Ofen gelegt und unter zig Holzscheiten begraben. Normalerweise wird der Stahl aus einem Gemisch von verschiedenen Kohlearten erwärmt.

«Es ist weltweit die letzte Dampfspritze dieser Art.»Pascal Troller, Fundraiser

Fast eine Stunde lang sind die zwei eineinhalb Zentimeter dicken Stahlreifen im Ofen. Gleich werden Teuscher und sein Team das erhitzte Metall auf das antike Holz legen. Neben dem nackten Holzrad stehen Wasserkessel bereit, zwischen die Speichen legen die Schmiede nasse Tücher, Wagner Koch befeuchtet mit einem Wasserschlauch noch rasch die Felge.

«Kühlen, kühlen, kühlen»

Nun folgt der entscheidende Moment: Der ausgedehnte Stahlreifen wird mit einer Kette am Gabelstapler befestigt und langsam auf das Holzrad heruntergelassen. Erste Dampfschwaden steigen auf. Mit Metallstangen bringen vier Personen den Reifen in Position. Urs Teuscher schlägt mit einem Hammer auf den Stahl. An einer Stelle beginnt das Rad bereits zu brennen, eine Flamme lodert auf. Doch alle bewahren Ruhe, nur ein «kühlen, kühlen, kühlen» ertönt. Als der Reif am richtigen Ort ist und das Wasser aus Eimern und Schlauch auf den heissen Stahl trifft, wird die Hitze hörbar: Der Stahl quietscht. Über eine Minute lang dampft das Rad vor sich hin, ein bisschen wie ein Geysir. Gleichzeitig dehnt sich das Holz durch das Wasser wieder aus. Als sich der Dampf verzieht, ist das Werk vollendet: Der Stahlreifen passt.

So sieht das Handwerk im Video aus. Video: far/gab

Die Reise für die Räder geht nun weiter nach Deutschland. Im Original besass die Automobildampfspritze Vollgummireifen der Firma Continental. Die heute noch existierende Reifenfirma wird die historischen Räder gratis neu bereifen. Zudem muss auch noch der Kessel des Dampffahrzeugs repariert werden. Fundraiser Troller schätzt, dass die gesamte Revision wohl bis Ende Jahr dauern wird: «Ziel ist, dass die Dampfspritze an der Basler Museumsnacht vom 17. Januar 2020 präsentiert werden kann.» (Der Landbote)

Erstellt: 15.05.2019, 16:16 Uhr

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