Wiesendangen

Mit sieben Geissen gegen die Perfektion

Sehr perfekt sei Zürich, sagt Julia Hofstetter. Mit dem Projekt Stadtgeiss versucht sie, etwas dagegenzuhalten.

Sieben Stiefelgeissen leben mitten in Zürich-Seebach. Julia Hofstetter aus Wiesendangen hat mit ihnen das Projekt Stadtgeiss gegründet.

Sieben Stiefelgeissen leben mitten in Zürich-Seebach. Julia Hofstetter aus Wiesendangen hat mit ihnen das Projekt Stadtgeiss gegründet. Bild: Nathalie Guinand

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In einer ehemaligen Kiesgrube, links vom «Todeshang» und gleich hinter dem «nervigsten Bahnübergang Zürichs», sind sieben Stiefelgeissen zuhause: Vaniglia, Ginny da Clünas, Bounty, Emilia, Silbermänteli, Reginald van Hoobie Doobie und Monja.

Sie gehören Julia Hofstetter, die in Wiesendangen aufgewachsen ist und mit ihrer Familie nun in Neu-Oerlikon lebt. Mitten in Seebach hat sie ein Stück Wiese gepachtet.

Vom Bahnübergang her hört man in unregelmässigen Abständen das Quietschen ein- und ausfahrender Züge. «An der Barriere wartet man schnell mal 15 Minuten», sagt Hofstetter, das habe dieser einen eigenen Artikel im «Tages-Anzeiger» und den Superlativ «nervigst» eingehandelt.

Bis zur Ziegenwiese reicht die Genervtheit wartender Autofahrer und Passanten aber nicht. Sie präsentiert sich als kleiner Abenteuerspielplatz mit Puppentheater, Picknicktischen, einem Zirkuswagen, vielen bunt bemalten Basteleien aus Paletten und nicht sehr ordentlichen Beeten.

Das Törchen im Zaun, der die Wiese umschliesst, ist zwar zu, damit die fünf Hühner nicht entwischen, aber nicht abgeschlossen: Alle sind willkommen, alle dürfen mitmachen und mitgestalten.

Den Mut kitzeln

Das sei nicht immer einfach, sagt Hofstetter: «Es gibt natürlich Sachen, die wir gemeinsam aushandeln müssen. Das Miteinander ist ein Prozess.» Das Projekt Stadtgeiss laufe nun seit fünf Jahren, der Verein habe rund 100 Mitglieder und ein etwa zehnköpfiges Kernteam kümmere sich um Wiese und Tiere.

Die 47-Jährige ist studierte Biologin, arbeitete in der Umweltbildung und startet im September als Kommunikationsverantwortliche für Umwelt der Stadt Winterthur.

«Mir ist es wichtig, dass Kinder Sachen ausprobieren, die nicht komplett sicher sind»

Es geht Julia Hofstetter auch darum, mitzuprägen: «Zürich ist sehr perfekt. Ich wollte ausprobieren, wie man als Laie einen Teil der Stadt in Beschlag nehmen kann.» – Mit Bewusstsein und Verantwortung. Das wolle sie in den Workshops vermitteln, die das Projekt Stadtgeiss anbietet.

Schulklassen hole sie jeweils mit den Ziegen in der Schule ab: «Es braucht nämlich etwas Mut, mit den Geissen zu laufen.» Die Tiere sind kräftig und reichen einem mit den Hörnern gut und gerne bis zur Brust. «Mir ist es wichtig, dass Kinder Sachen ausprobieren, die nicht komplett sicher sind», sagt Hofstetter. Sie sollen sich spüren und dadurch Selbstvertrauen bekommen.

So ist es auch eine Tradition, dass die Schüler den sogenannten Todeshang hinaufrennen. Ein besonders steiles Stück der Wiese. Es ist im Quartier bekannt und verlangt Schlittlern im Winter einiges an Wagemut ab.

Ein Güggel musste sterben

Auch ihre eigenen Grenzen bekommt Hofstetter manchmal zu spüren. Etwa als sich der Hahn, den sie zusammen mit den fünf Hühnern vor dem Schlachthof gerettet hat, als aggressiv herausstellte: «Er war richtig hinterhältig und hackte einem von hinten in die Waden.» Sie trage die Verantwortung und habe sich um die kleinen Kinder gesorgt, die oft hier spielten.

 «Ich habe gegoogelt wie man das macht, dann habe ich im Coop eine Axt gekauft»

Irgendwann fiel die Entscheidung: Der Güggel muss sterben. Und ebenso klar war für Hofstetter, dass sie das Urteil selbst vollstrecken würde. «Ich habe im Coop eine Axt gekauft und dann bin ich noch lange neben dem Güggel gesessen.»

Wie man einen Hahn tötet, habe sie zuvor gegoogelt und sich mit einer Wildhüterin abgesprochen. Den Vogel habe sie danach auch selbst ausgenommen und zur Suppe verkocht. «Obwohl sich meine Familie eigentlich vegetarisch ernährt. Aber ich hatte das Gefühl, ich muss das tun.»

Geschichten dieser Art teilt Hofstetter oft auf Facebook, wo sie eine Art Blog für das Projekt Stadtgeiss betreibt: «Ich wusste, dass die Güggel-Sache polarisieren würde.» Aber den Austausch mit der Community finde sie spannend, auch wenn sie viele der Leute, die sich aktiv einbrächten, nicht persönlich kennen würde.

Auch zuhause würden Diskussionen geführt über Tierhaltung und Werte. Einige Federn des toten Güggels habe sie einer Puppe aus dem Puppentheater angeheftet: «Das fand eine meiner Töchter abartig. Sie hat mir mitgeteilt, dass sie das Foto davon auf Instagram nicht geliked habe», sagt Hofstetter.

Fehlschläge nicht verstecken

Online wirke es wohl manchmal so, als verbringe sie ihre Tage nur auf der Wiese: «Das ist natürlich schon nicht so. Von diesem Engagement leben kann niemand von uns.» Im Blog sei ihr wichtig, die glänzende digitale Selbstdarstellung etwas aufzubrechen und über schwierige Themen und Fehlschläge zu schreiben. Ihre Online-Gemeinschaft scheint das zu schätzen: «Ich bin immer wieder erstaunt, dass auch längere Texte gut gelesen werden.»

Als nächstes stehe nun ein Umzug – ein «Alpaufzug», wie Hofstetter es nennt – an. Eine Genosschaft habe bei den Stadtgeissen angefragt, weil eine Wiese komplett von Brombeeren überwuchert sei. «Win-win, die Geissen lieben das», sagt Hofstetter.

(Der Landbote)

Erstellt: 31.08.2018, 17:27 Uhr

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