Bauma

Nach der Pension fuhr der Wirt ans Nordkap

Albert Keller pedalte mit dem Velo von Bauma bis ans Nordpolarmeer. In 45 Fahrtagen legte er 4500 Kilometer zurück. Während der Reise hat der 67-Jährige acht Kilo abgenommen. Jeden Morgen freute er sich auf die nächste Etappe.

Albert Keller wirtete 37 Jahre lang im Restaurant Schwendi in Bauma. Von hier aus fährt er mit dem Velo durch halb Europa.

Albert Keller wirtete 37 Jahre lang im Restaurant Schwendi in Bauma. Von hier aus fährt er mit dem Velo durch halb Europa. Bild: Marc Dahinden

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Die ersten Meter waren für Albert Keller gewöhnungsbedürftig. Er hatte das Velo mit rund 25 Kilogramm Gepäck beladen. Der Lenker schlotterte, das Gefährt war instabil. Vielleicht wäre ein Anhänger besser gewesen? Albert Keller fuhr einfach weiter. Zuerst einmal das Tösstal hinunter Richtung Winterthur. Mal schauen, wie lange es gut geht.

Es ging bestens: In weniger als 50 Tagen erreichte der pensionierte «Schwendi»-Wirt das Nordkap. Während der Reise im Sommer 2018 legte er durchschnittlich 100 Kilometer pro Fahr-Tag zurück, insgesamt waren es 4500 Kilometer mit dem Velo. Für einen Teil der Strecke, circa 500 Kilometer, nahm er die Fähre.

Geschafft: Albert Keller hat das Nordkap am 17. Juni 2018 erreicht. Losgefahren ist er am 1. Mai 2018.

Man könnte denken, dass nach so einer Velofahrt alles wehtut, vor allem das Gesäss. Albert Keller erzählt beim Treffen im Restaurant Schwendi in Bauma, wo er 37 Jahre lang wirtete, jedoch nicht von Schmerzen. «Ich hatte kein Kopfweh, nichts.» Und sollte es ihn doch mal irgendwo gezwickt haben, so war es offenbar nicht der Rede wert. Die Taschenapotheke, die er mitgenommen hatte, brauchte er nie.

«Es war fantastisch», sagt Keller mehrmals. «Ich würde es sofort wiedermachen.» Beim Frühstück habe er sich öfter sogar beeilt, damit er bald weiterfahren könne. «Jeden Morgen freute ich mich auf die nächste Etappe.» Das heisst nicht, dass es keine Schwierigkeiten gab. In einem Wassergraben brach sein Hinterrad, Kopfzerbrechen bereiteten ihm die Sprachen. Auf Englisch konnte er vielleicht ein Hotelzimmer reservieren oder etwas zu essen bestellen, nicht aber längere Gespräche führen.

Der Tösstaler wusste sich zu helfen. Es falle ihm nicht schwer, fremde Leute anzuquatschen und sich mit Händen und Füssen zu verständigen. Wenn das nicht weiterhalf, rief er seine Tochter an und überreichte seinem Gegenüber den Hörer, damit sie für ihn übersetzen konnte.

Eindrücklicher Ausblick auf einen Fjord in Norwegen.

Keller ist ein geselliger Mensch. Einer, mit dem man gerne einen Schwatz hält. Gäste begrüsst er mit grossem Hallo. Seine Familie führt das Restaurant Schwendi seit über 140 Jahren. Nach der Pension hat er den Betrieb an seinen Sohn weitergegeben. Dieser führt die «Schwendi» mit seiner Frau in fünfter Generation.

Ein besonders schöner Abschnitt war für Albert Keller eine Strasse, die durch einen Wald in Mittelschweden führte.

In Schweden oder Norwegen sind die Landschaften weit. Das bedeutet stundenlanges, einsames Strampeln. Für Albert Keller kein Problem: «Ich habe die Landschaft so richtig in mich hinein gesogen.» Insbesondere Norwegen hat ihn beeindruckt, «mit diesen Fjorden, den Felsen und Schluchten.» Allein unterwegs zu sein, sei etwas Spezielles, ein Abenteuer. Man nehme die Umgebung intensiver war, sei weniger abgelenkt. «Ich würde jedem empfehlen, das einmal auszuprobieren.»

Eine der schönsten Etappen auf der Reise: Die legendäre Küstenstrasse FV17 in Norwegen.

Unterwegs geholfen habe ihm wohl, dass er viel geschlafen habe. Selbst erstaunt habe ihn, wie fit er sich gefühlt habe. «Im Winter arbeite ich jeweils viel im Holz.» Zudem macht er seit jeher viel Sport: Turnen, Langlauf und Bergsteigen. Mit dem Velofahren habe er aus gesundheitlichen Gründen angefangen, als die Knie nicht mehr so wollten. Erst fuhr er kleinere Touren, dann eines Tages bis nach Sizilien. «Im Sport war ich schon immer ehrgeizig», sagt Keller.

Schub verliehen für die Fahrt ans Nordkap habe ihm vor allem auch der Abschied in Bauma. Rund 30 Personen waren gekommen, seine Frau Maya und Kollegen begleiteten ihn auf den ersten Kilometern. Auch später wusste er, dass alle hinter dem Vorhaben stehen. «Ohne das wäre es nicht gegangen. Man muss den Kopf frei haben.»

Albert Keller nutzte ein gewöhnliches Tourenvelo, es leistete ihm gute Dienste.

In Bauma hielt Albert Keller im Frühling einen Vortrag über seine Tour und spendete die Kollekte, 1800 Franken, an den Verein Win-Win, der handicapierten Menschen Ausfahrten mit dem Velo ermöglicht. Im Gegenzug veranstaltet der Verein am 28. November einen Vortragsagend in der Grosshalle in Turbenthal.

Erstellt: 14.11.2019, 18:44 Uhr

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