Tösstal

Neue Schneisen für Schmetterlinge

Im Kanton sind viele Schmetterlingsarten bedroht. Ein Verein investiert mehrere 100 000 Franken, damit im Tösstal einige Lebensräume erhalten bleiben.

Noch ist der Waldboden braun. Doch bald werden hier verschiedenste Pflanzenarten gedeihen, die neue Lebensräume bieten.

Noch ist der Waldboden braun. Doch bald werden hier verschiedenste Pflanzenarten gedeihen, die neue Lebensräume bieten. Bild: Johanna Bossart

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Heinrich Schiess steigt einen steilen Trampelpfad hinunter Richtung Waldrand, sein Feldstecher hängt dabei griffbereit um den Hals. Die Bäume stehen talwärts immer weniger dicht, Föhren und Orchideen tauchen auf. An einer leicht erhöhten Stelle bleibt der Zoologe stehen, um etwas zu zeigen: Auf der einen Seite klafft eine frische Schneise im Wald. Der Boden ist von den kürzlich durchgeführten Baumfällungen noch ganz braun.

Bald soll es hier allerdings ähnlich aussehen wie auf der anderen Seite der Kuppe. Der Wald ist dort zwar genauso licht, doch der Waldboden ist bereits mit allerlei Gräsern überwachsen. Akeleien, Geissblatt oder weiss blühende Rosen gedeihen.

Es ist ein idealer Lebensraum für Schmetterlinge, die im Kanton sonst kaum noch vorkommen. Die beiden Waldstücke werden sich mit der Zeit angleichen und so dazu beitragen, dass sel­tene Arten in der Gegend neue Lebensräume vorfinden.

Der letzte Hotspot im Kanton

Die frische Schneise oberhalb des Baumer Ortsteils Blitterswil ist mit Unterstützung des Vereins Schmetterlingsförderung im Kanton Zürich entstanden, in ­enger Zusammenarbeit mit Landbesitzern und Förstern. Die Massnahme ist Teil eines grösseren Landschaftsprojekts im Tösstal, das vorerst auf fünf Jahre ­ausgelegt ist. Der Verein möchte jährlich rund 200 000 Franken für solche oder ähnliche Projekte einsetzen, die dabei helfen, gefährdete Schmetterlingsbestände zu erhalten. «Das Tösstal ist für mehrere Schmetterlingsarten der letzte Hotspot im Kanton», sagt Projektleiter Schiess. In der hügeligen Landschaft finden die Tagfalter noch Nischen, die es ­anderswo nicht mehr gibt.

Doch auch im Tösstal fehlt es zunehmend an Verbindungen zwischen geeigneten Lebensräumen. Deshalb sollen möglichst viele Stellen zwischen Wila, Bauma, Fischenthal und Bäretswil aufgewertet werden. Dank sogenannter Trittsteine will der Verein artenreiche Wiesen und Wälder wieder besser miteinander vernetzen. Trittsteine sind kleinere Biotope, die bedrohte Arten zeitweise besiedeln können, um später grössere Schutzgebiete zu erreichen. Fehlen solche Zwischenstationen, besteht die Gefahr, dass einzelne Bestände zu klein werden und schliesslich aussterben, was im Kanton schon an diversen Orten geschehen ist.

Zwei Falterarten sind seit einer Zählung 1990 ganz verschwunden: das Grosse Wiesenvögelchen und der Betonien-Dickkopffalter. Bei der letzten In­ventarisierung 2012 stellte der Verein Schmetterlingsförderung zudem fest, dass Verbreitung und Bestand bei mehr als 26 Prozent der Arten zurückgegangen sind, während sie gerade mal bei 16 Prozent der Arten zugenommen haben.

Wiesen verschwinden

Bedroht sind laut Schiess vor allem jene Arten, die auf bestimmte Lebensräume spezialisiert sind. Eine davon ist etwa der Wald­teufel mit seinen rötlichen Augen auf den Flügeln (siehe Artikel rechts). Aber auch der Rundaugen-Mohrenfalter oder der Frühlingsscheckenfalter kommen nur noch an wenigen Orten vor. Eine der Ursachen ist, dass es immer weniger magere Wiesen an Waldrändern gibt, auf welche diese und andere Arten angewiesen sind. Oft wachsen diese Flächen zu und verwalden, da es sich für Landwirte nicht mehr lohnt, dort zu heuen. Oder die Flächen werden im Gegenteil intensiver bewirtschaftet, sodass Schmetterlinge ebenfalls nicht überleben können. Anders ist die Lage im Wald oberhalb von Blitterswil.

Mit seinem Feldstecher entdeckt Heinrich Schiess in einer Lichtung einen Himmelblauen Bläuling, der erst durch die Luft tanzt und sich dann auf einen Hufeisenklee setzt. «Der Wald hat früher ganz anders ausgesehen als heute», sagt Schiess. «Er war an vielen Orten viel lichter.» Man liess früher Nutztiere im Wald weiden. Zudem habe man viel mehr Bäume rausgeholt, etwa um zu bauen oder um zu heizen. «Für die Artenvielfalt war das förderlich.» Heute sei die Grenze zwischen Landwirtschaftsgebiet und Wald nicht mehr fliessend, sondern im Gegenteil scharf getrennt.

Damit im oberen Tösstal solche Lebensräume wieder vermehrt entstehen können, befreien Landwirte, Zivildienstleistende oder Forstunternehmen im Auftrag des Vereins zugewachsene Waldränder von Neophyten oder Büschen. Nach einiger Zeit wachsen so Magerwiesen, von denen nicht nur Schmetterlinge und Pflanzen profitieren. Auch das Wild äst gern auf solchen Flächen und nagt dadurch weniger Jungtriebe von den Bäumen des Wirtschaftswaldes ab.

Durch Spenden finanziert

Finanziert wird das Landschaftsprojekt im Tösstal von Stiftungen. Einen Beitrag leistet auch der Fonds Landschaft Schweiz, der Massnahmen zur Erhaltung naturnaher Kulturlandschaften unterstützt. Entscheidend unterstützt werde der Verein Schmetterlingsförderung aber von den Förstern, sagt Schiess weiter. Auch Grundeigentümer seien oft gerne bereit, auf ihrem Land Massnahmen zur Artenförderung zuzulassen.

Auf dem Rückweg aus dem Wald zeigt Heinrich Schiess überall auf Pflanzen, die in lichteren Waldgebieten gedeihen, etwa auf junge Eiben, Spitz- und Feldahorn oder Mehlbeeren. «Es gibt einen richtigen Wachstums- und Vielfaltsschub, wenn die dominierenden Bäume mit ihrem Schattenwurf weg sind», sagt der Zoologe. «Es ist grossartig.»

(Der Landbote)

Erstellt: 17.06.2018, 15:02 Uhr

Frühlingsscheckenfalter und Waldteufel

Rund 90 Arten

Der Verein Schmetterlingsförderung Kanton Zürich zählte bei der neusten Inventarisierung 2011 und 2012 insgesamt 82 Tagfalterarten. Der Verein geht davon aus, dass rund 90 Arten im Kanton leben. Die Bestände vieler Arten seien seit der letzten Zählung von 1990/1992 geschrumpft, teilte der Verein mit. Die Gesamtsituation der Tagfalter habe sich verschlechtert – trotz erfolgreicher Fördermassnahmen. Vereinzelt tauchen aber auch neue Arten auf. 2017 wurde ein Natterwurz-Perlmutterfalter entdeckt. Der letzte Nachweis im Kanton dieser Art stamme aus dem Jahr 1920. Ebenfalls neu gesichtet wurde 2017 ein Weisser Waldportier.
Weitere Informationen dazu im Internet auf: www.schmetterlingsförderung.ch. roh

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