Seuzach

«Paul, komm doch kurz auf einen Kafi herein»

Paul Rutishauser war sein Leben lang Pöstler in Seuzach. Am 2. August ist er im Alterszentrum friedlich eingeschlafen. Seine Frau erinnert sich an die Zeit mit dem beliebten Briefträger.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Übers Wochenende lauerte Paul Rutishauser jeweils gern den Fischen auf. Seine Freizeit genoss er am liebsten in der Natur. Dies vor allem mit seinem Boot am Rhein oder seinen Ferien in Norwegen und Alaska. «Das Fischen war seine grösste Leidenschaft», erzählt Rös Rutishauser. An einer Auffahrt habe er einmal drei Hechte mit nach Hause gebracht.


«Er durfte friedlich einschlafen, das ist ein Geschenk»

61 Jahre lang waren der Pöstler aus Seuzach und die fröhliche Bauerstochter aus Gütighausen verheiratet. Zum Eheglück kamen zwei Töchter hinzu. Jetzt ist Paul Rutishauser am 2. August im Alter von knapp 86 Jahren im Alterszentrum im Geeren gestorben.

«Er durfte friedlich einschlafen, das ist ein Geschenk», sagt seine Frau. Ihr Mann habe schon seit längerer Zeit an Herzproblemen gelitten. Vor einer Woche fand die Abdankung statt. «Wir wollten warten, bis Pfarrer Mathes aus den Ferien zurück ist.»

Mit dem Velo Post vertragen

Paul Rutishauser war ein sportlicher junger Pöstler, als er in ihr Leben getreten ist. «Er war damals Kunstturner.» Rös Umiker, wie sie mit Mädchennamen hiess, servierte zeitweise als Aushilfe in der Sonne in Seuzach.

«Zwischen uns hat es schnell gefunkt», erinnert sie sich. Das war 1954. Zwei Jahre später haben die beiden geheiratet. Ihr Mann habe damals in Ober- und Unterohringen die Post vertragen. «Er war bei Wind und Wetter, bei Eis und Schnee, mit dem Velo unterwegs.»

Paul Rutishauser ist als Ältester von vier Kindern in Dinhard zur Welt gekommen. Wenig später zog die Familie nach Seuzach.

«Er war bei Wind und Wetter, bei Eis und Schnee, mit dem Velo unterwegs.» 

Dort ist er aufgewachsen und im Dorf zur Schule gegangen. Nach der Schulzeit trat der junge Mann zunächst eine Schreinerlehre an, was ihn aber nicht sehr glücklich gemacht habe. «Wie es der Zufall wollte, suchte der damalige Posthalter von Seuzach einen Briefträger.» So kam der 15-Jährige zunächst als Hilfskraft zur Post, wo er schliesslich bis zur Pensionieung blieb. In jener Zeit hiess die Post noch PTT, sagt Rös Rutishauser.

Damals war der Beruf als Pöstler mit mehr Körperarbeit verbunden als heute, erinnert sie sich: «Am Morgen mussten die Pöstler die Post jeweils zu Fuss mit einem Handkarren vom Bahnhof abholen.» Dann seien die Briefe und Pakete der Route nach sortiert und schliesslich per Handwagen ausgetragen worden. «Früher zahlte der Pöstler den Leuten auch noch die AHV aus.» Dann habe es öfters geheissen: Paul, komm doch kurz auf einen Kafi herein. «Er hat die damalige Freiheit und den Kontakt zu Menschen sehr genossen.»

Nach 47 Jahren pensioniert

1975 hat das Ehepaar ein Eigenheim an der Bachtobelstrasse erworben. «Hier konnte Paul seine Fähigkeiten als Handwerker voll ausleben.» Renovíeren und Umbauen seien für ihn keine Fremdwörter gewesen. 1993, nach 47 Dienstjahren bei der Post, durfte Paul Rutishauser mit 62 Jahren in Frühpension gehen. Seine letzte Tour mit dem Handwagen war als solche deklariert.

Leider hätten ihn ab diesem Zeitpunkt immer wieder Krankheiten geplagt, die öfters einen Aufenthalt im Spital nötig machten, sagt seine Frau. lm Mai des letzten Jahres musste er deshalb ins Pflegeheim verlegt werden, konnte dann aber dieses Jahr, fünf Wochen vor seinem Tod, ins Altersheim umziehen. «Darüber freute sich Paul sehr.»

Ihr Mann sei in Seuzach sehr beliebt gewesen. «Ich konnte das an der grossen Anteilnahme an der Abdankung spüren.» Mitte September wird Rös Rutishauser selbst ins Alterszentrum umziehen. «Es fällt mir zwar nicht leicht.» Vorher aber will sie mit ihrer Tochter noch dort am Rhein, wo ihr Mann oft zum Fischen war, seine Asche verstreuen. «Er sagte immer, da gehöre ich hin.»

(Der Landbote)

Erstellt: 30.08.2017, 18:22 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben