Illnau-Effretikon

Pionierin in einer Männerdomäne

Als die Illnauerin Barbara Leuthold ihre Bergführerausbildung begann, war sie eine von drei Frauen. Noch heute sind sie im Beruf stark in der Minderheit. Sie werde aber meist für voll genommen, sagt sie.

Barbara Leuthold wird oft nicht für das gehalten, was sie ist: eine Bergführerin. Befindet sich in der Gruppe, die sie gerade anführt, ein Mann, dann wird dieser automatisch für den Spezialisten gehalten. «Das stört mich aber nicht», sagt die 53-Jährige lachend. «Ich finde das eher lustig.»

Solche und ähnliche Geschichten hat die Illnauerin schon viele erlebt. Von ihren Kollegen werde sie aber im Grossen und Ganzen für voll genommen, sagt sie. Auch damals, als die Bergführerei praktisch eine reine Männerdomäne war. Vor 40 Jahren bildete der Schweizer Bergführerverband (SBV) noch keine Frauen aus.

Bergführer müssten militärdiensttauglich sein, lautete die Begründung.Und der Schweizer Alpen-Club SAC nahm keine weiblichen Mitglieder auf. Das hat sich Anfang der 80er-Jahre geändert. Seitdem sind Frauen in beiden Organisationen willkommen.

Unter 75 Männern

Als Leuthold 1996 mit der Ausbildung begann, fand sie sich mit zwei Frauen und 75 Männern im Kurs wieder. Mindestens drei Jahre dauert es, bis Anwärterinnen und Anwärter ihr Diplom erhalten. Sie schloss schweizweit als 15. Frau ab. Heute sind von den 1300 Bergführern nur knapp 40 Frauen.

Die einzelnen Module fordern die angehenden Bergprofis vor allem auch körperlich, weil sie hauptsächlich draussen stattfinden. Dazu gehören etwa alpine Touren, Felsklettern, Skitechnik und Lawinenkunde. Wer die Module auf sich nimmt, bringt ausserdem schon einiges an Erfahrung mit.

«Ich habe lange überlegt, ob ich mitmachen soll, denn ich stehe nicht gerne in der Öffentlichkeit.»

Sie habe während der Ausbildung selten das Gefühl gehabt, dass sie sich besonders anstrengen müsse, weil sie eine Frau sei, sagt Leuthold. «Es gab vielleicht den einen oder anderen Ausbilder, bei dem ich meinte, ich müsse zackiger laufen oder schneller entscheiden.»

Es habe aber auch jene Kursleiter gegeben, die ihr grosse Anerkennung entgegengebracht hätten und es gut fanden, dass sich Frauen für den Beruf interessierten. Die 53-Jährige ist in Andelfingen aufgewachsen und verbrachte schon als Kind viel Zeit in den Bergen, mit ihrem Vater und vor allem einem ihrer zwei Brüder.

Als Vierjährige machte sie ihre erste Skitour, die einen ganzen Tag dauerte. Sie führte auf den Tanzboden im Tösstal. «Die Strecke kam mir unendlich weit vor», erinnert sie sich. Dafür durfte sie auf dem Gipfel Schneehütten bauen. Das habe sie dann mehr als entschädigt.

Bevor Leuthold Bergführerin wurde, studierte sie Biologie an der ETH und spezialisierte sich auf Pflanzen und Ökologie.

Ihre Freizeit verbrachte sie vor allem in den Bergen, auch nach dem Studium. Auf ihren «Natouren», wie sie sie nennt, verbindet sie heute beides: Sie beobachtet mit ihren Gästen Pflanzen und Tiere. Das hat wiederum den Nebeneffekt, dass Frauen in ihren Gruppen oft in der Überzahl sind. «Denn Männer wollen eher einen berühmten Gipfel besteigen», sagt sie. Doch das biete sie nur selten an.

Demokratische Führung

Mit ihrem Mann habe sie abgemacht, dass sie nicht mehr als 50 Tage im Jahr unterwegs sei. Die beiden müssen ihre gemeinsame Zeit planen. Ihr Mann Andreas Hasler engagiert sich neben dem Beruf als Geschäftsführer von Pro Natura Zürich auch in der Politik. Bis vor Kurzem sass er für die GLP im Illnau-Effretiker Parlament. Seit Mai ist er Mitglied des Kantonsrates.

Wenn Leuthold keine Gäste in der Natur herumführt, dann betreut sie auf Mandatsbasis Naturschutzgebiete von Gemeinden oder kartiert die Vegetation, vor allem in Mooren. Und schliesslich schreibt sie über Naturthemen im Wandermagazin Schweiz, das früher in den Zügen auflag und heute am Kiosk erhältlich ist. Die Illnauerin ist eine zierliche Person, die in der Gruppe einen demokratischen Führungsstil pflegt, wie sie sagt. Doch bei einem Thema macht sie keine Kompromisse: bei der Sicherheit.

Ende Juli ist das Buch «Himmelwärts» von Autorin und Journalistin Daniela Schwegler aus Wald im Zürcher Oberland erschienen. Es porträtiert zwölf Bergführerinnen der Schweiz, darunter auch Barbara Leuthold. Sie habe sich lange überlegt, ob sie mitmachen solle, gesteht sie. «Denn ich stehe nicht gerne in der Öffentlichkeit.» Als sie dann aber ein anderes Buch von Schwegler über Hüttenwartinnen gelesen habe, sagte sie zu. Über sich selbst in der Ich-Form zu lesen, «ist schon speziell».

«Himmelwärts», Bergführerinnen im Porträt von Daniela Schwegler; Rotpunktverlag, Zürich. Internet: www.rotpunktverlag.ch

Erstellt: 04.10.2019, 23:26 Uhr

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