Wiesendangen

Römerstrasse neben A1 ausgegraben

Bevor im Norden der A1 bei Wiesendangen die Deponie Ruchegg entsteht, graben Archäologen nach verborgenen Schätzen. In den letzten Monaten kam dabei eine römische Überlandstrasse zum Vorschein.

Über 250 Meter der Römerstrasse können untersucht werden.

Über 250 Meter der Römerstrasse können untersucht werden. Bild: Madeleine Schoder

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die A1 rauscht, die ausgegrabene römische Überlandstrasse piept. Rolf Gamper legt seinen Metalldetektor zur Seite und hält kurz darauf einen fingernagelgrossen Gegenstand in seiner Handfläche, den man auch für ein Steinchen halten könnte. Ist es aber nicht. «Wieder ein Schuhnagel», sagt der 63-jährige Grabungstechniker und technische Leiter über den Vorgänger der heutigen Schuhgummisohle.

Bevor auf dem Gebiet Ruchegg nördlich von Wiesendangen und südlich von Sulz eine Deponie auf insgesamt 10 Hektaren entsteht, suchen Mitarbeiter der Kantonsarchäologie in den verschiedenen Schichten nach Zeugen aus vergangenen Zeiten. Nicht ganz die Hälfte der Fläche im Osten der künftigen Deponie gilt als archäologische Zone:

Wissenschaftlich geleitet wird die Grabung von Adina Wicki. «Wir hatten bereits im Vorfeld vermutet, dass sich in diesem Gebiet eine römische Überlandstrasse befindet», sagt die 34-jährige Archäologin. Tatsächlich ist eine Strasse zwischen den einstigen römischen Siedlungen Vitudurum (Oberwinterthur) und Ad Fines (Pfyn), die nordöstlich verläuft, an mehreren Orten nachgewiesen. Auf einer älteren Luftaufnahme in Wickis Bürocontainer gibt eine klare Linie auf dem Feld zu erkennen, wo die Strasse durchführte. 2009 war dann bei Böschungsarbeiten an der A1 ein Teil der römischen Strasse erstmals bei einem Sondierungsschnitt entdeckt worden. Ein Landwirt hatte die Strasse beim Pflügen seines Feldes ebenfalls bereits bemerkt.

Hoffen auf eine Münze

«Das Besondere an der Römerstrasse in der Ruchegg ist, dass wir sie über ein so langes Stück, rund 250 Meter, untersuchen können», sagt Wicki. Seit Mitte Oktober beschäftigen sich die Archäologen bereits mit der historischen Strasse. «Man muss sie sich wie einen Damm vorstellen. Die Unterlage besteht aus groben Geröllsteinen, darauf liegt ein feiner Kiesbelag, rund 40 Zentimeter dick», sagt Wicki und zeigt auf die von Hand gezeichneten Pläne. «Es sind Unmengen an Material, die hier verteilt wurden.» Mit den groben Steinen im Untergrund hatten die Römer wohl die unregelmässige Unterlage ausgleichen wollen.

Auf der linken Seite haben die Archäologen zudem noch ein schmales, maximal zwei Meter breites Kieswegli entdeckt. «Vielleicht war es ein Trottoir. Es ist ja auch unklar, wer überhaupt die Berechtigung hatte, die breite Strasse zu benutzen.» Links und rechts der Strasse, mit einigen Metern Abstand, kamen zusätzlich zwei Gräben zum Vorschein. «Für eine Entwässerung scheinen sie zu weit von der Strasse entfernt zu sein.» Wicki vermutet, dass diese Linie die Strasse im römischen Staatsbesitz vom Rest des Landes abtrennen sollte. Quasi eine Zonierung. Wann die Römer die Strasse genau bauen liessen, wissen die Forschenden noch nicht. «Wohl während der Besiedlung der Schweiz um das erste Jahrhundert herum», sagt Wicki. Um den Bau exakt datieren zu können, hoffen sie auf Fundstücke in den unteren Kiesschichten oder zwischen den groben Geröllsteinen. «Vielleicht hat ja ein Arbeiter beim Bau eine Münze verloren, die könnten wir zeitlich gut zuordnen.»

Vom Pflug gut abgekratzt

Im weissen, beheizten Zelt trägt Grabungstechniker Gamper Schicht für Schicht ab. Sie sind mit blauen Schildchen markiert. An gewissen Stellen ist gut erkennbar, dass immer wieder Kies und Sand auf die römische Strasse aufgeschüttet wurde, weil sie dort wohl stärker abgenutzt war. Insgesamt legen die Forscher rund 20 Meter der Strasse von Hand frei.

«Wir haben kaum Funde, das liegt aber in der Natur der Strasse», sagt Gamper. Nebst Schuhnägeln haben sie bisher eine Fibel gefunden, quasi der Vorgänger der Sicherheitsnadel. Das könnte ein entscheidender Hinweis werden, denn die Art, wie die Fibel gefertigt wurde, war immer auch ein Ausdruck der jeweiligen Mode und kann deshalb gut datiert werden.

Die Frage, wie lange die Strasse befahren wurde, wird wohl schwieriger zu beantworten sein. In Oberwinterthur hatte man auf einer römischen Strasse noch mittelalterliche Funde entdeckt. Diese oberste Schicht ist in der Ruchegg aber von modernen Pflugspuren bereits gut abgekratzt worden. Funde aus dem Mittelalter sind dadurch unwahrscheinlich geworden.

Scherben aus Bronzezeit?

Gestartet hatte der Kanton die ersten Grabungen bereits im April, bevor der Kreisel bei der Bahnüberführung in Richtung Sulz gebaut werden konnte. «Dort ergaben die acht Sondierungsschnitte aber keine Funde», sagt Wicki. In den südlicheren Parzellen gruben die Archäologen bis im September insgesamt 103 weitere Probegräben, etwa alle 20 Meter einen, zwischen einen halben und zwei Meter tief. Dabei trafen sie auch auf einen rund 100 Meter langen, zwei Meter breiten und 80 Zentimeter tiefen Graben aus der Römerzeit. Aufgrund der Topologie vermutet Wicki einen Entwässerungsgraben. Gefüllt war dieser mit Keramikscherben von Tongefässen und Fragmenten von Dachziegeln.

Ob es rund um die Überlandstrasse vielleicht Gebäude gegeben hat? «Das wissen wir nicht, aber es ist schwierig vorstellbar, dass die Leute ihre Scherben von Oberwinterthur bis hierhin getragen haben.» Auch Eisenschlacke hätten sie bei den Grabungen immer wieder angetroffen. Ein Hinweis, dass in der Nähe der Strasse einst Metall verarbeitet wurde. Ob man bei den Probegrabungen solch kleinere Bauten aber auch entdecke, sei «oft einfach Glück», sagt Wicki. So seien etwa Gräber, die oft ausserhalb der Siedlungen lagen, sehr schwierig zu entdecken.

Archäologin Adina Wicki hat die wissenschaftliche Leitung der Grabung inne.

Bei den Sondierungsschnitten entdeckten die Forscher unterhalb der Geröllsteine, des Fundaments der römischen Strasse, ausserdem Keramikscherben. Diese könnten noch einmal deutlicher älter sein und eventuell aus der Bronze- oder Eisenzeit stammen. Die Grabungsarbeiten dauern voraussichtlich noch bis im April, je nach Wetter. Bis dahin werden die Ergebnisse mittels Funden, Plänen, Zeichnungen und Beschreibungen in einer Datenbank dokumentiert. Am Ende schreibt Wicki einen Abschlussbericht, in dem die Funde interpretiert werden.

Deponiebau beginnt bald

Die Firma Toggenburger wird die Deponie künftig zusammen mit der Luzerner Aregger AG betreiben. Mit dem Bau soll in den nächsten Monaten begonnen werden, sagt Christoph Steiner, Bereichsleiter Steine und Erden bei der Toggenburger AG: «Wenn es trocken bleibt, dann bereits im Februar, bei einer permanenten Feuchtigkeit erst im April oder Mai.» Gestartet wird im Westen. Dort soll beim Betrieb von Hufschmied Urs Teuscher mit Depotmaterial ein Sichtschutz erstellt werden, der begrünt wird. Auf den insgesamt 10 Hektaren wird laut Steiner dann der gesamte Boden abgetragen: «Dieser wird in einem Depot zwischengelagert, damit er später wieder für die Rekultivierung verwendet werden kann.»

Bei den Arbeiten in der archäologischen Zone im Osten wird der Kanton die Baustelle regelmässig besuchen und bei Bedarf weitere Funde dokumentieren und konservieren. Insgesamt soll der Boden bis auf die Gesteinsschicht ausgehoben werden, auf einen bis zwei Meter Tiefe. Die Deponie ist für einen Betrieb von 16 Jahren bewilligt, 810 000 Kubikmeter Schutt werden das Gelände bis zu 18 Meter erhöhen. An der höchsten Stelle wird die Deponie die A1 um zwölf Meter überragen.

Ein weiterer Damm soll das Gebiet Sulz und Hinteregg abschirmen. Während die Deponie mit sogenannten Inertstoffen, also gesteinsähnlichen Materialien wie Beton, Ziegel oder Glas, aufgefüllt wird, findet fortlaufend eine Rekultivierung des Bodens statt, damit er später wieder landwirtschaftlich genutzt werden kann.

Am Ende wird die römische Strasse so oder so zerstört sein, ob vom Kanton oder durch den Bau. «Wir dokumentieren sie vor der Zerstörung einfach noch professionell», sagt die Archäologin.

Der technische Leiter Rolf Gamper findet mit seinem Detektor immer wieder Schuhnägel.

Erstellt: 12.01.2020, 16:16 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Paid Post

Polymechaniker – der Hightech-Handwerker

Sven Pfister absolviert an der Mechatronik Schule Winterthur (MSW) die Ausbildung zum Polymechaniker. Der 20-Jährige erklärt, was ihn an seinem Beruf fasziniert.