«Romanisch zu bringen, ist für mich ein Must»

Früher seien Kinder heimgekommen, wenn sie Hunger hatten, heute, wenn der Akku leer ist, sagt der Kabarettist Flurin Caviezel. Sein Programm «Kurzschluss» blickt auf den Zeitgeist. Mit Wortwitz und Musik unterhält er in Elgg.

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Kabarettist ist kein typischerBeruf für einen Unterengadiner. Wie sind Sie dazu gekommen?
Flurin Caviezel: Ich habe mal studiert, dann bin ich Theatermusiker geworden. Zehn Jahre arbeitete ich als Mittelschullehrer, aber nebenher machte ich schon Kabarett mit Andrea Zogg und Rolf Schmid. Dann war ich Beamter und stand dem Amt für Kultur des Kantons Graubünden vor. Mit 48 habe ich das an den Nagel gehängt und gemacht, was ich schon immer machen wollte: Leute unterhalten. Dabei hat mir die Musik geholfen – ich wusste, das kann ich, das funktioniert. Ohne Musik hätte ich mir das nie zugetraut.

Wie entwickeln Sie Ihre Pointen?
Die kaufe ich mir übers Internet. Nein, aber das gibt es wirklich. Ich habe eine Idee und spreche mit meinem Regisseur darüber. In der Phase 2 schreibe ich diszipliniert von 8 bis 12 Uhr, da ist es mehr Transpiration als Inspiration. Wenn der Text steht, denkt man, das ist jetzt das Beste der Welt. Und dann kommt die Ernüchterung während der Proben, da wird ständig umgeschrieben, vor allem gekürzt. Ich probe es drei Monate, in der Schlussphase täglich. Das Skurrile an diesen Proben: Ich mache Kabarett, aber niemand lacht. Und dann kommt die Premiere und das Stück entwickelt sich beim Spielen weiter.

Vor acht Jahren präsentierten Sie mit «Zmizt im Läba» ein politisch ziemlich unkorrektes Kabarett. Man sah Sie mit einem Küchentuch auf dem Kopf in einer Araber-Persiflage, bei der man über arabische Namen und Minarette lachen konnte. Würden Sie das heute noch machen?
Diese Szene ist sogar viral gegangen. Das würde ich genau gleich machen.

Ich dachte, man wird mit dem Alter milder. Sie werden jetzt, mit Verlaub, 63.
Nein, ich bin noch frecher geworden. Aber ich bin kein böser Mensch, ich nehme die Leute hoch, sodass sie selbst auch ein bisschen schmunzeln können.

Noch frecher?
Auf der Bühne auf jeden Fall. Man ist nicht mehr abhängig. Mit 20 wollte ich noch die Welt erobern. Heute spielt es mir keine Rolle, ob ich in der Carnegie Hall auftrete oder in der Aula in Valbella. Wichtig ist, dass Leute kommen.

So wie im Schulhaussaal in Elgg.
Ja, ich war auch gerade im Theater am Hechtplatz in Zürich oder im Oktober im Casinotheater in Winterthur, aber ich trete lieber auf dem Lande auf.

Warum das?
Wenn man rauskommt auf die Bühne, ist schon eine Stimmung im Saal, weil die Leute sich kennen. Man wird anders empfangen. Manchmal wird man sogar noch angesagt, das ist ein tolles Gefühl, da komme ich gleich nach Elvis Presley. Ich mag die Säle Löwen, Bären und wie sie heissen. In den Städten ist es etwas unpersönlich.

Worum geht es denn in Ihrem Programm «Kurzschluss»?
Es gibt alle möglichen Arten von Kurzschlüssen, zwischen Menschen, Beziehungen oder in der Politik. Aber man kann Kurzschlüsse verhindern: mit Sicherungen oder mit Widerstand.

Sie machen sich darin auch über den grassierenden Zwang, glücklich zu sein, lustig. Gab es dafür ein Schlüsselerlebnis?
In der Tat. Als ich mal – ich weiss nicht mehr wo – bei einem Konzern anrief, wurde ich zehnmal verbunden. Und als ich endlich die Person am Draht hatte, konnte sie mir nicht weiterhelfen. Aber sie sagte: «Kann ich Ihnen sonst noch weiterhelfen?» Und: «Danke, dass Sie uns berücksichtigen.» Da habe ich die Nerven verloren. Man sollte lieber streiten, und dann ist die Sache aus der Welt geräumt.

Der Abend mit Ihnen hat etwas altmodisch Entschleunigtes, auch weil Sie sich in Ruhe auf dem Akkordeon begleiten.
Das Altmodische ist gewollt, ich spreche im Programm viel von Retro und Vintage.

Beispielsweise bezeichnen Sie sich als Retroromanen.
Romanisch zu bringen, ist für mich ein Must. Aber da ich fünf Sprachen, inklusive Englisch, zu Flurinisch vermische, werde ich oft für nationale Anlässe gebucht. Zu 90 Prozent trete ich jedoch in der Deutschschweiz auf. Da kennen mich die Leute von den Morgengeschichten auf SRF 1. Wenn sie die Stimme hören, fragen sie: «Sind Sie nicht . . .?» Ja genau, der bin ich.

Im Sommer, wenn Theaterpause ist, gehen Sie auf grosse Velotouren, zuletzt ans Donaudelta. Haben Sie schon Pläne für 2019?
Da ich nächstes Mal zusammen mit meiner Frau fahre, werden es nur drei Wochen, nicht zwei Monate; ohne Zelt, dafür mit Kreditkarte. Ab Berlin soll es über die Mecklenburgische Seenplatte nach Dänemark gehen. Im Jahr 2020 sind die baltischen Staaten geplant. Ich mache das, weil ich gerne Rad fahre, aber vor allem, weil ich dann frei bin – wir sind sonst so fremdbestimmt. Aber auch auf Reisen habe ich meine Musikinstrumente dabei, das erleichtert sehr den Kontakt zu den anderen Menschen.


«Kurzschluss»: Samstag, 12. Januar, 20 Uhr, Schulhaus Ritschberg, Bahnhofstrasse 39, Elgg. Karten: 25/20 Fr.
www.kulturinelgg.ch
(Der Landbote)

Erstellt: 06.01.2019, 18:04 Uhr

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