Neftenbach

Seine Fotos begeistern die Facebook-Gemeinde

Er ist am liebsten mit dem Stativ in der Stadt unterwegs. Oder mit seiner Frau und den drei Buben. Georg Holubec hat dem Schicksal irgendwie ein Schnippchen geschlagen.

Das Hexengässli am Obertor hat Georg Holubec für den Städteführer «111 Orte in Winterthur, die man gesehen haben muss» fotografiert.

Das Hexengässli am Obertor hat Georg Holubec für den Städteführer «111 Orte in Winterthur, die man gesehen haben muss» fotografiert. Bild: Madeleine Schoder

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Etwas unheimlich ist es schon in der engen Passage beim Obertor 29. Vor allem dort, wo sie nicht beleuchtet ist. Daran vermögen auch die Tafel «Öffentlicher Durchgang» oder die bunten Friedensvögel auf den Wänden nichts zu ändern. «Durch das Hexengässli durchzugehen, galt früher als Mutprobe», sagt Georg Holubec und lacht.

Die ihm bislang unbekannte Passage lernte er kennen, als er für den neuen Stadtführer «111 Orte in Winterthur, die man gesehen haben muss» Fotos schoss. «Die Autorin Corinne Päper hat mich als Fotografen angefragt.» Der Auftrag für den Reiseführer, der am 24. August erscheint, sei etwas Neues für ihn gewesen.

Der gebürtige Winterthurer, der im Birchermüesli-Quartier in Oberi aufgewachsen ist und mit seiner Frau und drei Kindern in Neftenbach lebt, hat sich die Fotografie im Selbststudium beigebracht. «Eigentlich habe ich eine Kamera gekauft, um meine Buben fotografieren zu können», erinnert er sich.

Doch dann wurde mehr daraus. Schon bald knipste Georg Holubec nicht mehr nur seine Knirpse. Er streifte durch Winterthur, um seine Heimatstadt aus allen möglichen Perspektiven fotografisch festzuhalten. «Ich bin der langsame Fotograf, der am liebsten mit dem Stativ unterwegs ist», sagt er von sich. Besonders Nachtaufnahmen reizen ihn. Es ist nicht das pure, unbearbeitete Bild, das Georg Holubec sucht. «Meine Fotos sind oft mehrfach belichtet.» Die Bilder speichere er im «Rawfile» ab, um sie dann zu bearbeiten. Auf seinen Nachtfotos sind bisweilen blitzende Sterne zu sehen. Ein Effekt, der bei geschlossener Blende entstehe, wie er erklärt.

Das Fotografieren ist für den Dreissigjährigen, der seit Geburt unter einem schweren Sehfehler leidet, keine Selbstverständlichkeit. Sein Sehnerv leite die Information nicht richtig ans Gehirn weiter, erklärt er. «Darum nehme ich nur sehr verschwommen wahr.» Auf dem Gebiet dieser seltenen Erbkrankheit werde leider nicht viel geforscht.

So war er bisweilen gezwungen, sein Leben rund um die Krankheit zu gruppieren. Das Ziel, eine Lehre zu absolvieren, musste er aufgeben. «Zuerst wollte ich Automatiker lernen, und als dies nicht klappte, Informatiker.» Doch es kam bei beiden Lehrstellen so weit, dass ihn die fehlende Sehkraft zum Aufhören zwang. Entmutigen liess er sich dadurch nicht. Holubec bekleidete Stellen im Bereich Facility Management und Informatik.

Seine Streifzüge sind bisweilen fotografische Kunst, so etwa die Nachtaufnahme vom Kesselhaus, die durch die faszinierende Geometrie von Linien besticht. Selbst das Einkaufszentrum Rosenberg oder der Treppenabgang zu den Archhöfen werden vor seiner Linse zur Kunst. «Täglich laufe ich als Buschauffeur diese Treppe runter zu unseren Sozialräumen. Doch so habe ich sie noch nie im Blick gehabt . . . Super!», heisst es auf Facebook.

Holubecs Bilder sind oft in speziellem Licht aufgenommen. Das gefällt vielleicht nicht allen, aber vielen. Er gewann mit seiner Facebook-Seite «Winterthur in Pictures» innerhalb kurzer Zeit viele Fans. Nun, nach etwas mehr als einem Jahr, hat er rund 3500 Followers. Doch wie peilt er seine Motive überhaupt an? Wie stellt er die Kamera scharf? «Wenn ich etwas bis zehn Zentimeter vor die Augen halte, sehe ich 80 Prozent.» Mit der Kontrolle übers Display funktioniere das. So wird er Winterthur auch künftig ästhetisch, pur, verspielt und bisweilen pittoresk ins Bild setzen und dabei lieber Landschaften und Gebäude als Menschen fotografieren. Seine Bilder werden weiterhin an Architekturfotografie erinnern, weil sich Holubec ihnen aus speziellen Blickwinkeln nähert.

Seine Frau ist Thailänderin. «Wir haben uns in einem Resort in Bangkok kennen gelernt.» Wenig später ist Georg Holubec nach Thailand ausgewandert. «Doch nach 15 Monaten waren wir wieder da, weil dort gute Schulbildung sehr teuer ist.» Seit 2014 lebt das Ehepaar nun mit den drei Buben im Alter von zweieinhalb, acht und neun Jahren in Neftenbach. Jumnien Holubec ist Sushi-Köchin. «Und ich bin der fotografierende Hausmann.»

Inzwischen ist Georg Holubec in der Winterthurer Fotografenszene angekommen. «Vor circa eineinhalb Jahren lernte ich Roger Szilagyi kennen.» Beide wollten sie den Rosengarten auf dem Heiligberg bei Sonnenaufgang fotografieren. «Heute sind wir Freunde.» Mit dem Erfolg von Szilagys Facebook-Seite Wintipix will Holubec sein Portal aber nicht vergleichen. Trotz Onlinepräsenz setzt er indessen auch auf alte Kanäle. «Auf Anregung von Roger liess ich Postkarten drucken.» Diese seien nun bei Wachter und Schoch ausgestellt, freut er sich. «Denn irgendwann möchte ich vom Fotografieren leben können.» (Landbote)

Erstellt: 15.08.2017, 08:30 Uhr

Persönlich

Georg Holubec

Er fotografiert für sein Leben gern, obwohl er schlecht sieht.

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