Illnau-Effretikon

«Sexualität gehört zum Menschsein»

Rund 40 Vertreter der katholischen Kirche Illnau-Effretikon kritisieren in einem offenen Brief ihre eigene Kirche. Sie müsse wieder glaubwürdig werden, fordern sie. Dazu gehöre auch die Überarbeitung der kirchlichen Sexualmoral.

In der katholischen Kirche applaudierten die Mitglieder ihrer Gemeindeleiterin, die das liturgische Gewand nicht trug.

In der katholischen Kirche applaudierten die Mitglieder ihrer Gemeindeleiterin, die das liturgische Gewand nicht trug. Bild: Madeleine Schoder

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«Wir sind erschüttert, wütend, traurig. Wir haben keine Worte mehr für den vielfachen Missbrauch in unserer Kirche an Kindern, Jugendlichen, Ordensfrauen und Schutzbefohlenen.»

So beginnt ein offener Brief, der heute in allen Ausgaben der Lokalzeitung «regio» erscheint. Rund 40 Mitglieder der katholischen Kirche Illnau-Effretikon, zu der auch die Gemeinden Brütten und Lindau gehören, haben ihn angeregt und mitverfasst, darunter auch Gemeindeleiterin Monika Schmid.

«Wir wollten damit klar machen, wo wir stehen», sagt die Theologin. Und so auch jene Menschen erreichen, die zwar Steuern zahlten, selbst aber nie in die Kirche kämen. Ein ähnlicher Brief erschien Anfang April bereits in vielen Tageszeitungen.

Verfasst hatten ihn die Zürcher Katholiken. Sie forderten darin den Papst auf, Massnahmen gegen sexuellen Missbrauch zu ergreifen. «Es ist klar, dass wir nichts Neues fordern», räumt Schmid ein. «Trotzdem wollten wir nicht schweigen.»

In Alltagskleidern an Messe

Sie selbst sei am vergangenen Sonntag während des Gottesdienstes in Alltagskleidern vor die Kirchgänger getreten. «Ich konnte nach dem Beitrag in der Rundschau zum Missbrauch von gehörlosen Kindern das liturgische Gewand nicht mehr tragen», sagt sie. «Ich musste ein Zeichen setzen.» Sie habe das am Ende der Messe auch erklärt – und von den rund 600 Anwesenden tosenden Applaus erhalten.

«Ich habe mich aus der Komfortzone begeben, da gibt es kein Zurück.»Monika Schmid,
Gemeindeleiterin Pfarreiamt St. Martin

Die Illnau-Effretiker Katholiken fordern in ihrem Brief nicht nur Massnahmen gegen den Missbrauch wie etwa die finanzielle Unterstützung von unabhängigen Anlaufstellen. Also solchen, die nicht von der Kirche geführt werden. Sondern auch einen Systemwechsel innerhalb der Kirche sowie die Gleichstellung von Mann und Frau.

«Die Kirche soll sich weg von ihrer patriarchalen hin zu einer synodalen Struktur wandeln», sagt Schmid. Anders gesagt: Das Volk müsse bei wichtigen Entscheiden einbezogen werden, also etwa auch bei der Ernennung von Bischöfen oder Besetzung von Generalvikariaten.

Und die Frauen müssten alle kirchlichen Ämter ausüben können, so auch das Priesteramt. «Es gibt keine theologische Begründung, weshalb das nicht so sein sollte», sagt Schmid. Damit die Kirche wieder glaubwürdig werde, fordern die Katholiken auch eine Überarbeitung der kirchlichen Sexualmoral. «Sexualität gehört zum Menschsein», sagt Schmid. «Sie ist ein Geschenk Gottes.» Deshalb gehöre auch das Zölibat abgeschafft.

Schmid äussert sich nicht zum ersten Mal kritisch gegenüber der katholischen Kirche und ihren Würdenträgern. Im vergangenen Frühling verlängerte Bischof Vitus Huonder ihren Berufsauftrag deshalb nicht. Der Generalvikar stellte ihr eine einjährige Beauftragung aus. Sie hatte sich in einer «Landbote»-Kolumne zum Umgang ihrer Kirche mit der Homosexualität geäussert.

In der Zwischenzeit hat Huonder die Missio zwar verlängert, aber wieder nur um ein Jahr und nicht wie üblich um sechs Jahre. Auf eine schriftliche Begründung wartet sie noch heute. Den weiteren Entscheid hat der Bischof nun an seinen Nachfolger delegiert, der um Ostern von den Priestern des Churer Domkapitels gewählt wird.

Angst, dass man sie nun gänzlich aus der Kirche ausschliessen könnte, hat Schmid nicht. «Dazu bräuchte es schon mehr.» In Zukunft schweigen, das könne sie nicht. «Ich habe mich aus der Komfortzone begeben, da gibt es kein Zurück.»

Erstellt: 17.04.2019, 17:41 Uhr

Monika Schmid ist Gemeindeleiterin des Pfarreiamtes St. Martin.

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