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«Soll ich das Klatschgeräusch der Torte nachahmen?»

Am Wochenende konnten Besucherinnen und Besucher des Friedaukellers den Stummfilm «Das Mädchen mit der Hutschachtel» live vertont erleben. Am Klavier: André Desponds. Ein Gespräch über Klang und Film.

Pianist André Desponds vermag Stummfilmen zu Klang verhelfen.
Pianist André Desponds vermag Stummfilmen zu Klang verhelfen.
PD

Wie tönt Russland im Winterin den 20er-Jahren?André Desponds:Das kann ich im Voraus nicht so genau sagen. Ich improvisiere die Musik immer, wenn ich Filme vertone. So wie das früher bei Stummfilmen auch gemacht wurde. Ich übe vorher auch nicht, komponiere keine Sequenzen. Ich schaue den Film vorher einmal an und überlege dann gar nicht viel, sondern lasse am Aufführungstag die Musik ganz spontan entstehen. So entsteht eine ganz spezielle Spannung. Und keine Aufführung ist gleich wie die andere.

Was ist der Reiz, einen Film live zu vertonen?Ich liebe praktisch alles, was mit Musik zu tun hat, Tänze, Filme, Werbefilme, Musik mit Schauspieler oder Malerei, Barmusik. Musik für diese verschiedenen Settings und Medien zu kreieren, hat für mich immer einen Reiz. Am Stummfilm gefällt mir die Unmittelbarkeit. Der Film läuft, er gibt den Takt vor und ich muss ad hoc mitspielen. Und es hat natürlich auch seinen Reiz, das Filmerlebnis der Zuschauer beeinflussen zu können. Wenn zum Beispiel einem Darsteller eine Torte ins Gesicht geklatscht wird: Soll ich dann das Klatschgeräusch mit dem Klavier nachahmen? Soll ich eine fröhliche, lustige Melodie spielen? Oder eine traurige, weil der Hintergrund der Szene ein trauriger ist? Das schönste Kompliment für mich ist, wenn die Zuschauer die Musik vergessen respektive sie als Einheit mit dem Film wahrnehmen.

Die Filme begleiten Sie demnach schon länger in Ihrer Karriere?Ich mache das jetzt seit vierzig Jahren, angefangen habe ich als 20-Jähriger beim Filmfestival in Locarno. Damals habe ich die Filme jeweils kein einziges Mal geschaut und einfach direkt livelosgelegt. Das war rückblickend wohl etwas überheblich und ist einige Male auch recht schiefgegangen ist. Seither schaue ich mir jeden Film an vor der Livevertonung. Andererseits gab es damals aber auch grossartige Momente: Als der berühmte Filmkomponist Ennio Morricone mir nach einer Vertonung Komplimente für meine Musik machte – und ich Banause damals nicht einmal wusste, wer er war.

Welche Filmvertonung war die grösste Herausforderung?Charlie-Chaplin-Filme live zu vertonen, ist schwierig. Die ursprüngliche Musik der Filme ist schon hervorragend, man kann es also eigentlich nur schlechter machen. Und einmal habe ich auftragsmässig die Musik für einen früheren Werbefilm gegen Abtreibung einspielen müssen. Bei diesem Thema den richtigen Ton zu treffen, war nicht einfach.

Als Pianist ist man häufig in der Hauptrolle auf der Bühne. Sie spielen als Musiker bei einer Filmvertonung aber eher eine Nebenrolle. Wie gehen Sie damit um?Das ist kein Problem für mich. Ich spiele selbst nach vierzig Jahren Musikerkarriere immer noch manchmal als Solist in grossen Sälen und dann wieder als Barmusiker einen Abend lang wenig beachtet im Hintergrund. Für mich ist einfach wichtig, dass der Ort, der Anlass stimmig und interessant sind. Und ich spiele eigentlich noch gerne im Dunkeln, ohne Scheinwerfer, die auf mich gerichtet sind. Ideal also, um einen Film zu vertonen.

Am Wochenende waren Sie in Kleinandelfingen. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Kultur Fridaukeller?Ueli Landolt, der den Friedaukeller betreibt, hat mich, wenn ich mich recht erinnere, irgendwann einmal spielen sehen, er hat mich auf jeden Fall angefragt, ob wir zusammen etwas in seinem Raum in Kleinandelfingen machen können. Und ich war von diesem Raum, dem Kulturkeller, sofort total begeistert, und auch von den Anlässen, die Ueli und seine Frau dort durchführen. So ist unsere erste Filmvorführung mit Livemusik vor einem Jahr zustande gekommen. Dieses Jahr hat Ueli die russische Komödie «Das Mädchen mit der Hutschachtel» vorgeschlagen, einen Film, den ich schon einmal für eine DVD vertont habe und der nicht nur sehr herzig und lustig ist, sondern auch ein wichtiges Dokument damaliger Zeit. Der Film war damals als Werbung für die Landeslotterie gedacht.

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