Pro und Contra

Sollen bunte Häuser in der Kernzone gestattet sein?

Ein neongrünes Haus in Hünikon bei Neftenbach erregt Aufsehen, weil es den Ortsbildschutz missachtet. Soll man solche Farben tolerieren?

Ein knallgrünes Haus in Neftenbach sorgt für Aufregung. Soll sowas erlaubt sein?

Ein knallgrünes Haus in Neftenbach sorgt für Aufregung. Soll sowas erlaubt sein?

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Ja

Mir gefällt das grüne Haus in Hünikon. Farben bereichern unser Leben, finde ich. Weshalb gefallen uns die Häuser in den Cinque Terre und auf der Insel Burano in der Lagune von Venedig denn so gut, dass wir automatisch die Kamera zücken, wenn wir vor ihnen stehen? Bunt ist schön. Farben machen froh. Darum heisst es farbenfroh.

Nicht umsonst hat schon Goethe 1810 sein umfangreichstes Werk der Farbenlehre gewidmet. Der Dichter schrieb den Farbtönen übergeordnete Eigenschaften zu, deren Wirkung sich der Mensch nicht entziehen könne. So meinte er etwa, Blau verursache ein Gefühl der Kälte. Zwischenzeitlich ist die psychologische Wirkung von Farben auch wissenschaftlich belegt. Man braucht aber keine Wissenschaftlerin zu sein, um zu erkennen: Grautöne hellen das Gemüt nicht wirklich auf.

Dass sich Reisende aus aller Welt an den Häusern in den Cinque Terre nicht sattsehen können, hat aber noch einen anderen Grund. Es ist das Ungewöhnliche, das uns Menschen fasziniert. Treffen wir irgendwo etwas Ungewöhnliches an, wollen wir es festhalten und unseren Lieben daheim zeigen. Ja, und eine Ansammlung bunter Häuser, die aussehen wie «viele viele bunte Smarties», gefallen uns.

Farbige Häuserfassaden fallen auf. Sie versinken nicht in Unscheinbarkeit. Ich plädiere hier nicht für Überspanntheit oder Provokation um ihrer selbst willen. Doch Häuser sollten unverwechselbar sein und die Vorlieben ihrer Bewohner widerspiegeln dürfen. Zumal Farbe der Architektur keinen Abbruch tut.

Den Ortsbildschutz möchte ich deshalb aber keineswegs über den Haufen werfen. Es ist wichtig, wertvolle Bauten und auch die Anordnung von Häusern zu erhalten.

Dennoch sollten wir zwischen Vergangenheit und Gegenwart unterscheiden. So wie wir alte Schwarzweissfilme archivieren und trotzdem in Farbe fernsehen. Damit die ursprünglichen Fassaden nicht in Vergessenheit geraten, müssten die Eigentümer vor dem Farbwechsel aber darauf verpflichtet werden, Fotos für das heimatkundliche Archiv zu erstellen. In diesem Sinne setze ich auf das grüne Haus als Symbol von Hoffnung und Erneuerung.

Nein

Im Urlaub sind sie schön, diese Postkartenhäuser: verwirrend farbige Fronten mit wilden visuellen Eskapaden von Ozeanblau zu Zartrosa und Grippengrün. Aber normalerweise verhält es sich mit ihnen wie mit Zuckerwatte oder Alkopops.

Es macht schwindelig im Kopf, schlecht im Bauch und wenn man vernünftiger wird, verzichtet man darauf. Wer eine farbige Wand will, soll sich ein Unterwasser-Poster des Great Barrier Reef besorgen, aber bitte nicht wehrlose Passanten mit neonpastellpinken Fassaden verunsichern.

Glücklicherweise hat die Schweiz unter dem Sammelbegriff «Ortsbild» eine gewisse kollektive Stilsicherheit entwickelt. Einzelnen ästhetischen Ausreissern schreibt man zwar «Charakter» zu, meint damit aber meist «anstrengend». Bei nächster Gelegenheit wird das hibbelige Haus wieder mit matten Farben beruhigt. Und man reduziert damit die Nervosität der lieben Nachbarn um einen Kamillentee. Ein angenehm natürlicher Kontrollprozess. Grund dafür ist die Evolution. Farbige Häuser überfordern uns Menschen.

Lassen Sie es mich so erklären: Im menschlichen Auge sorgen circa 120 Millionen Stäbchenzellen für unsere Graustufen. Hingegen müssen wir auf läppische 6 Millionen Zapfenzellen zurückgreifen, die gerade mal drei Farbkanäle unterscheiden. Das heisst, verglichen mit, sagen wir, einem Fangschreckenkrebs, sind wir Menschen praktisch farbenblind.

Mit seinen Stielaugen kann dieses Krustentier nämlich 12 verschiedenen Farbkanäle sehen. Er sieht unterschiedlich polarisiertes Licht und könnte beispielsweise ultraviolette Hausnummern lesen, wäre denn das Meer durchnummeriert. Wir Menschen sind nicht für farbige Umgebungen geschaffen.

Man muss dieser Graustufen-Wahrheit in die Augen sehen. Solange Ihr Architekt kein Fangschreckenkrebs ist und Sie gerne mal mit ihm über infrarote Fenstersimse quatschen, während Sie Ihre Zuckerwatten in Alkopops tunken, solange soll man sich bitte an angebrachte Häuserfarben halten. Grau. Oder Braun vielleicht. Maximal Ocker.

Erstellt: 05.04.2019, 18:27 Uhr

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