Wiesendangen

«Sonst komme ich mit dem Sturmgewehr»

Ein Mann stand am Montag vor dem Winterthurer Bezirksgericht weil er im Sommer 2018 einen Beamten in Wiesendangen bedroht haben soll. Der Beschuldigte beteuerte, es sei nur ein schlechter Scherz gewesen, um die Stimmung aufzulockern.

Der Beschuldigte wollte nur einen Scherz gemacht haben, trotzdem musste er sich vor dem Bezirksgericht dafür verantworten.

Der Beschuldigte wollte nur einen Scherz gemacht haben, trotzdem musste er sich vor dem Bezirksgericht dafür verantworten. Bild: mad

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Viele feine Lachfältchen zieren die Augen des beschuldigten Rentners. Der schlanke Mann, der gestern im Saal des Winterthurer Bezirksgerichts sass, wirkte nicht so, wie man sich einen Wutbürger vorstellt. In seinem Schlusswort sagte der Beschuldigte: «Ich bin sicher kein böser Mensch.»

Im letzten Sommer soll der Mann einen Angestellten der Gemeinde Wiesendangen bedroht haben. Wirklich eingeschüchtert war davon zwar niemand, aber die Gefahr unterschätzen wollte wiederum auch keiner.

Es war ein Gespräch in der Gemeindeverwaltung, es ging um Steuern. Die Stimmung sei «eigentlich gut» gewesen, sagte der Beschuldigte vor Gericht. Doch während der Verabschiedung fiel ein verhängnisvoller Satz: «Ich hoffe, es wird nächstes Jahr nicht wieder so kompliziert, sonst muss ich mit dem Sturmgewehr vorbeikommen.»

«Wenn mein Mandant gewusst hätte, was dieser Satz auslösen würde, hätte er sich lieber die Zunge abgebissen, statt ihn auszusprechen»Der Verteidiger

Der Wiesendanger Beamte meldete diesen Satz seinen Vorgesetzten. Am nächsten Tag intervenierte die Kantonspolizei und inhaftierte den Beschuldigten für dreieinhalb Stunden. Es folgte eine Klage wegen Drohung gegen einen Beamten. Die Staatsanwaltschaft forderte eine Busse von 2000 Franken und eine bedingte Geldstrafe von 9900 Franken (90 Tagessätze à 110 Franken) mit zwei Jahren Probezeit. «Wenn mein Mandant gewusst hätte, was dieser Satz auslösen würde, hätte er sich lieber die Zunge abgebissen, statt ihn auszusprechen», sagte der Verteidiger vor Gericht.

«Nicht todsicher»

Dass der Sturmgewehr-Satz gefallen war, bestritt niemand. Die grosse Frage war: An wen war er gerichtet? Der Beschuldigte sagte: «Ich habe es beim Hinausgehen zu meiner Frau gesagt.» Er habe damit die angespannte Situation gegenüber seiner Frau, mit der er sich damals in der Trennung befand, auflockern wollen. «Nur deshalb habe ich diese blöde, dumme Bemerkung gemacht», sagt er. Ob er jemand sei, der oft Scherze mache, wollte die Richterin wissen. «Ich habe schon die Tendenz, dass ich eher zu viele Spässe mache», antwortet der Beschuldigte.

Seine Frau stützte diesen Blickwinkel in Aussagen gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft, der Satz sei beim Hinausgehen an Sie gerichtet gewesen. Der Verteidiger beurteilte die Aussagen des Beamten hingegen «schwammiger», als dieser zum exakten Zeitpunkt des ominösen Satzes gefragt wurde. So sprach der Angestellte bei einer Befragung davon, dass der Satz im Moment des Händedrucks gefallen sei. Später sagte er, es sei beim Hinausgehen passiert. Als die Staatsanwaltschaft nachhakte, ob es im Moment des Händedrucks passiert sei, gab er zu Protokoll: «Ich kann es nicht mehr genau sagen. Er hat mich dabei angeschaut und wir waren im selben Raum. Todsicher bin ich mir aber nicht mehr.»

«Ich habe schon die Tendenz, dass ich eher zu viele Spässe mache.»Der Beschuldigte

Dem widersprach die Frau des Beschuldigten, die sagte, dass der Beschuldigte dem Angestellten den Rücken zugekehrt gehabt habe. Auf die Aussage, dass der Satz an die Frau gerichtet gewesen sei, erwiderte der Angestellte in der Befragung: «Okay, für mich kam das nicht so rüber.» Er habe den Eindruck gehabt, dass der Beschuldigte ihm diesen Satz habe mitteilen wollen.

Gemäss einer Aktennotiz hat sich der Angestellte von der Aussage nicht bedroht gefühlt, er interpretierte es eher als «dummen Spruch». Einen Strafantrag wegen Bedrohung stellte er dann auch nicht. Laut Anklageschrift kam die Intervention via Kantonspolizei über Vorgesetzte zustande, «aufgrund der Verantwortlichkeit für das Wohl der dort beschäftigten Mitarbeiter». Sprich: Man wollte auf Nummer Sicher gehen, um die Angestellten zu schützen.

In der Anklageschrift sprach die Staatsanwaltschaft zudem von einer «substantiellen Behinderung einer Amtshandlung» durch den Satz. «Das kann ich nicht nachvollziehen», sagt der Verteidiger. Das Gespräch und somit die Amtshandlung sei ja beendet gewesen.

Nägel werden vernichtet

Der Verteidiger forderte einen Freispruch, die Herausgabe der beschlagnahmten Gegenstände, die Gerichtskosten auf Kosten der Staatskasse und eine Entschädigung für das Honorar des Verteidigers.Das Gericht entsprach diesen Forderungen. Der Beschuldigte atmete sichtbar auf.

«Dieser Freispruch bedeutet nicht, dass dieser Satz in jeder Situation ungestraft gesagt werden darf», sagte die Richterin zum Urteil. Aber es habe keine Amtsbehinderung stattgefunden und auch der Angestellte habe den Satz nicht als bedrohlich, sondern «eher als Scherz wahrgenommen». Die Kosten für das Verfahren werden der Staatskasse auferlegt, der Beschuldigte erhält eine Entschädigung, um das Honorar seines Verteidigers zu bezahlen.

Die von der Kantonspolizei eingezogenen Gegenstände werden vernichtet. Dies, weil sich der Beschuldigte zu einem früheren Zeitpunkt damit einverstanden zeigte. Gemäss Anklageschrift zog die Polizei diverse Patronen, drei «pistolenähnliche Gegenstände», eine Softairgun, drei Spielzeugpistolen, sowie Nägel für eine Nagelpistole ein. Ein Sturmgewehr hat der Beschuldigte übrigens nie besessen, wie er vor Gericht sagte.

Erstellt: 08.07.2019, 17:46 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.