Trinkwasserversorgung

Stille Wasser und ihre Schaffer

Rasches Bevölkerungswachstum formte das heutige Netz von Wasserleitungen. Der Klimawandel bestimmt, wie es weiter wächst. Ein Generationen-Projekt, erklärt an der Gemeinde Altikon.

Brunnenmeister Roger Kühne, Ingenieur Simon Peterhans und Gemeinderat Roland Schenk im Pumpwerk von Altikon.  Foto: Madeleine Schoder

Brunnenmeister Roger Kühne, Ingenieur Simon Peterhans und Gemeinderat Roland Schenk im Pumpwerk von Altikon. Foto: Madeleine Schoder

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wasser fliesst nicht freiwillig in Badewannen und Becher. Aus zwölf Metern Tiefe, unter einem gefrorenen Acker in Altikon, wirft schimmerndes Wasser feine Reflexe auf das Gesicht von Brunnenmeister Roger Kühne. Er sorgt dafür, dass das Wasser von unter der Erde, durch Pumpen, Leitungen und Rohre in die Häuser der Menschen kommt. Aber damit es auch in 50 Jahren noch zuverlässig fliesst, muss man sich jetzt schon vorbereiten.

Zwei Wochen trübe Brunnen

Im Sommer 2014, erzählt Kühne, habe es lange geregnet. Die Thur, die gleich neben dem Pumpwerk in Altikon fliesst, sei über die Ufer getreten und habe den Acker nebenan überschwemmt. Das Wasser versickerte zu schnell, die Tropfen rissen auf ihrem Weg durch die Erde kleinste Partikel mit und trübten den Grundwassersee. Dadurch kommen die UV-Strahlen, mit denen das Wasser gereinigt wird, nicht durch.

Zwei Wochen habe es gedauert, sagt Kühne, bis sich die Partikel abgesenkt hätten und man das Wasser wieder trinken konnte. Aber zwei Wochen ohne fliessend Wasser, das kann eine lange Zeit sein. Wasser wirke oft selbstverständlich, sagt Kühne. «Bis es einmal fehlt.» Damit das nicht passiert, fordert das kantonale Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL) von jeder Gemeinde ein zweites Standbein, falls die erste Bezugsmöglichkeit ausfällt.

Das zweite Standbein sollte möglichst «hydrologisch unabhängig» sein, sagt der Leiter der Wasserversorgung im AWEL Paul Ruckstuhl. Ein zweites Pumpwasserwerk, einfach einen Kilometer weiter, das erhöhe die Versorgungssicherheit kein bisschen, sagt er. Ist nämlich das eine Grundwasservorkommen mit Pestiziden verschmutzt oder wie damals in Altikon von Überschwemmungen betroffen, ist die Chance gross, dass auch das zweite Standbein das selbe Problem haben wird.

Nachbarschaftshilfe unter Brunnenmeistern

Brunnenmeister Kühne löste das Problem 2014 ganz pragmatisch: Er klopfte bei den umliegenden Gemeinden an und fragte nach Wasser, wie andere Nachbarn nach einer Tasse Mehl fragen. Doch das funktionierte auch nur, weil die Leitungen zwischen den verschiedenen Wasserversorgungen bereits bestehen.

Roger Kühne und Roland Schenk, Gemeinderat von Altikon und Präsident der örtlichen Gruppenwasserversorgung Thurtal-Feldi, haben ihre Winterjacken anbehalten und stehen auf dem Schwimmbad-Plattenboden neben riesigen Pump-Motoren. Gefrieren sollte hier zwar nichts, deswegen steht auch ein kleiner Elektroofen in einer Ecke des Pumpwerks.

«Wir haben beschlossen, das bestehende möglichst gut zu nutzen, statt noch mehr Pumpwerke zu bauen»Roland Schenk 
Gemeinderat von Altikon

Simon Peterhans, ein Ingenieur, der sich auf Wasserversorgung spezialisiert hat, breitet währenddessen farbige Pläne auf einem Tischchen aus. Er und seine Partner vom Ingenieurbüro haben einen Grossteil der Pumpwerke, Wasserleitungen und Quellfassungen in der Region gebaut.

Er zeigt auf eine kleine rote Linie auf dem Plan. Sie zieht sich von Altikon bis Vorder Grüt und verbindet die Wasserleitungen von Altikon und der Nachbarsgemeinde Dinhard. «Durch so einen Versorgungsschacht bekommen die Gemeinden beide ein zweites Standbein, das wirklich unabhängig ist», sagt Simon Peterhans. Es kommt sogar noch besser: Da Altikon mit mehreren anliegenden Gemeinden in einer Gruppenwasserversorgung organisiert ist, bekommt gleich die ganze Gruppe eine verlässlichere Versorgung.

Wieviel und zu welchen Bedingungen dann aber Wasser getauscht wird, das ist auch eine politische Frage. Und fällt somit in Roland Schenks Zuständigkeit. «Wir haben beschlossen, das bestehende möglichst gut zu nutzen, statt noch mehr Pumpwerke zu bauen», sagt er und zeichnet unsichtbare Kreise und Punkte auf den Plan. Das ist ganz im Sinne des AWEL. Und eigentlich eine Idee aus den Sechzigerjahren.

Die Beinahe-Zehn-Millionen-Schweiz

Die Sechziger Jahre in der Schweiz waren Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs und Jahre eines riesigen Baubooms. Wohnungsblöcke wuchsen an den Stadträndern, die Idee geisterte herum, dass die Schweiz zur Jahrtausendwende zehn Millionen Einwohner haben wird. Auf diesen Boom wollte man sich vorbereiten. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Wasser sei extrem hoch gewesen, zwischen vier- bis fünfhundert Liter pro Tag, sagt Paul Ruckstuhl vom AWEL. Gespart wurde zu dieser Zeit nichts und die wachsende Industrie hat gleichzeitig ebenfalls Unmengen an Wasser verbraucht. Damit wären die Wasserversorgungen der Gemeinden an ihr Limit gestossen.

Die einwohnerreichen Zentren mussten sich also möglichst gut an die reichen Wasservorkommen im Kanton anschliessen. Das ist das Wasser vom Zürichsee, Das Grundwasser der Töss und dem Rhein. So entstand die Idee für das heutige Versorgungsnetzwerk des Kantons, Paul Ruckstuhl vom AWEL nennt sie die «Wasserautobahnen»: Bis zu zwei Meter und zwanzig Zentimeter dick können die Rohre sein. Sie führen unter anderem rund um die Stadt Zürich, über mehrere Abzweiger nach Uster und weiter nach Winterthur. Dort drehen sie nochmals eine Schlaufe um die Stadt und enden dann in einem Stummel in Richtung Turbenthal.

Damals, als Reaktion auf den Boom und den höheren Verbrauch, schlossen sich kleine Gemeinden zu «Gruppenwasserversorgungen» zusammen. Gemeinsam ist man sicherer versorgt. So entstand auch die Gruppenwasserversorgung Thurtal-Feldi in der Altikon dabei ist. 31 solche Gruppen sorgen laut AWEL für fliessendes Wasser im Kanton.

Doch die 10-Millionen-Schweiz kam nicht. Und gleichzeitig sank ab Mitte der Siebziger-Jahre auch der Wasserverbrauch pro Kopf. «Die Industrie fing an Wasser zu reziklieren, Haushaltsgeräte wurden sparsamer», sagt Paul Ruckstuhl vom AWEL. Heute steht der durchschnittliche Wasserverbrauch pro Kopf bei rund 300 Liter. Dafür wird ein anderes Problem immer deutlicher, das sich nicht einfach mit nachrechnen und abwarten lösen lässt, wie das Bevölkerungswachstum. Der Klimawandel.

Die Trends: Es wird trockner und heisser

Der letzte Sommer war auch in Altikon ungewöhnlich heiss. Der Wasserverbrauch der Einwohner von Altikon kletterte mit dem Thermometer und weit darüber hinaus. Die Pumpen liefen heiss. Zwanzig Stunden am Tag pumpten sie das Grundwasser unter Altikon in die Gläser, Pools und Gartenschläuche. Aber wenn die Pumpen das Grundwasser zu schnell absaugen, zieht der Sog Partikel mit aus der Erde.

Um das zu verhindern musste auch in Altikon und den übrigen Gemeinden der Gruppenwasserversorgung zum Wassersparen aufgerufen werden. «Wenn in so einer Situation nun die Pumpen ausfallen würden, das wäre ohne Verbindungen zu anderen Versorgungen fatal», sagt Brunnenmeister Kühne.

Laut Meteo Schweiz hat der Klimawandel der nächsten Jahre vier konkrete Auswirkungen auf die Schweiz. Trockenere Sommer, heftigere Niederschläge, mehr Hitzetage und schneearme Winter. Diese Trends haben auch Auswirkungen auf den Wasserverbrauch. Paul Ruckstuhl vom AWEL: «Es ist nicht so, dass es im Durchschnitt weniger Grundwasser hat, es gibt einfach Gebiete, die im Sommer weniger gespiesen werden, wenn lange kein Regen fällt.» Im Jahresdurchschnitt ist also genug Wasser da.

Doch genau zu der Zeit, wenn es in heissen trockenen Sommern zum grössten Verbrauch kommt, können kleinere Grundwasservorkommen zurückgehen. «Auch kleine lokale Grundwasservorkommen, wo kein grösseres Gewässer in der Nähe ist, werden eher zurückgehen.» Das gleiche gilt für kleinere Quellen. Gemeinden, die sich also bis jetzt auf eine autonome Versorgung gestützt haben und deren Grundwasser und Quellen nicht gerade am Rhein, der Limmat oder an der Töss liegen, deren Versorgung wird tendenziell unsicherer ohne Verbindung zu anderen Systemen.

Die Lösung: Wasser flexibler verteilen

Die Lösung liegt in der Verbindung der drei grössten Wasserspeicher des Kantons: Dem Zürichsee, der Töss und dem Rhein. Diese Wasservorkommen bleiben auch bei langen trockenen Sommern ergiebig. Durch die «Wasser-Autobahnen» aus den Sechzigerjahren besteht bereits eine gute Grundlage für die Versorgung. Nun sollen weitere Verbindungen gebaut werden. In zwei Bauphasen bis 2030 soll es möglich sein, dass theoretisch auch Altikon Zürichseewasser bekommen kann. Oder dass Brunnenmeister per Telefon Rheinwasser nach Winterthur schicken können, sollte es denn nötig sein.

In Altikon ist für die dritte Bauphase eine Leitung nach Andelfingen geplant. Über diese Leitung wäre dann auch Altikon ans Rheingrundwasser angeschlossen. Im Pumpwerk beugt sich Gemeinderat Roland Schenk über den Plan und fährt mit dem Finger einer gestrichelten Linie von Altikon über Thalheim nach Andelfingen. «Das wird dann der nächste Schritt sein.» Mit der Verbindung würde sich ein weiterer Ring bilden, der die Wasserverteilung noch flexibler machen würde. «Doch das muss auch erst durch die Gemeindeversammlung», sagt Schenk. Aber bis 2030 ist ja auch noch Zeit.

Und nach 2030? Sind dann mit diesem Versorgungsnetzwerk alle Probleme beseitigt? Die Wasserqualität werde immer mehr im Vordergrund stehen, sagt Roland Schenk und schielt zu Brunnenmeister Kühne. «Der administrative Aufwand wächst stetig, heute muss fast jeden Tag schon mehrere Seiten Qualitätskontrolle ausgefüllt werden». Zusammenschlüsse lohnen sich auch schon deshalb, weil mehrere Gemeinden den Aufwand teilen können, sagt Schenk. (Der Landbote)

Erstellt: 05.02.2019, 18:36 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben