Gachnang

Unabwendbare Tragödie im Kuhstall

Auf dem Hof der Familie Stettler-Hübscher im Gachnanger Weiler Strass ereignet sich derzeit eine Tragödie. Kühe sterben an einem Nervengift in ihrem Futter. Ein Fuchs soll beim Mähen der Wiesen verendet und so in den Silo gelangt sein.

Ein tödliches Nervengift hat in Gachnang bereits über 60 Kühe weggerafft. Sechs weitere sind akut betroffen. Vergiftete Tiere leiden an Muskelschwund.

Ein tödliches Nervengift hat in Gachnang bereits über 60 Kühe weggerafft. Sechs weitere sind akut betroffen. Vergiftete Tiere leiden an Muskelschwund. Bild: Heinz Diener

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Ganz hinten in den Stallungen auf Fritz Stettlers Hof senkt eine Kuh ihren Kopf und sieht dabei müde aus. Sie hat hochgiftiges Futter gefressen. «Wahrscheinlich wird sie sterben, ersticken an ihrem Speichel», sagt Landwirt Stettler, seit 1988 auf seinem Hof mit Kälbermast und Milchvieh. «Dass Tiere sterben, ist Teil unserer Welt», sagt er und schiebt mit Verzögerung hinterher: «So etwas Trauriges habe ich noch nie gesehen.»

Kadaver im Fahrsilo

63 von 130 Kühen sind ihm innert kurzer Zeit an Botulismus weggestorben. Botulismus ist ein Vergiftungsprozess, der dann einsetzt, wenn ein bestimmtes Bakterium sich zu einem Nervengift entwickelt, bei der Verwesung von Fleisch etwa. Die Wirkung ist auf Mensch und Tier bereits in kleinsten Dosen tödlich.

Es ist dasselbe Nervengift, das extrem verdünnt zur Glättung von Falten eingesetzt wird. Auf dem Hof im Weiler Strass war es genug, um die Hälfte des Viehbestandes wegzuraffen. «Wahrscheinlich war es ein Fuchs, vielleicht auch ein Hase oder eine Katze», sagt Stettler. Ein Kadaver müsse wahrscheinlich von der Wiese über den Ladewagen in die Silage gelangt sein, dort das Gift entwickelt haben. Dieses sei mittels Fräsmischwagen einem Grossteil der Kühe verfüttert worden.

Folge der Technisierung

Es war am Sonntag, dem 10. April, als Stettler seine Frau in den Stall rief. «Einige Kühe hatten Mühe aufzustehen und Nahrung aufzunehmen», sagt Landwirtin Judith Hübscher. Der Tierarzt sei sofort gekommen. Erkannt, was Sache ist, hat er tags darauf, als eine Kuh bereits tot war und er weitere mit den typischen Symptomen beobachtet hat: «Sie speicheln, weil ihnen das Schlucken schwerfällt, die Muskeln werden schwach und schwächer, schliesslich lahm», sagt Walter Fürer von der Tierarztpraxis Fürer und Spühler in Frauenfeld, der den Hof betreut.

Zwei Kühe hat die Ambulanz des Tierspitals der Universität Zürich am Dienstag mitgenommen, und der Verdacht auf Botulismus wurde sofort bestätigt. Auch diese Kühe sind verendet, die pathologische Auswertung wird in etwa einer Woche erwartet, zusammen mit den Futterproben, die an der Universität Heidelberg untersucht werden. «Einen Fall wie diesen hatten wir nie», sagt Ueli Braun, Direktor des Departements für Nutztiere am Tierspital.

«Ich werfe mir nichts vor», sagt Stettler, «in dieser Zeit, in der mehr Milch für weniger Geld produziert werden muss. Es soll mir einer sagen, man könne mit einem zehn Meter breiten Gerät sehen, wenn sich ein Tier in der Wiese versteckt. Das ist der Preis der Technisierung.» Früher mit der Heugabel sei eine tote Katze im Futter eher entdeckt worden.

Fürer und sein Team sind nun täglich im Einsatz auf dem Hof: «Sobald ein Tier gelitten hat, haben wir es eingeschläfert, auch mitten in der Nacht.» Stettler habe kaum geschlafen, durchgearbeitet, gelitten, wie Fürer sagt.

Eine halbe Million Verlust

Leiden wird die Familie auch finanziell: «Unsere Tiere sind nur gegen Elementarschäden und im Fall von übertragbaren Krankheiten versichert, auf einen solchen Schaden ist kaum eine Bauernfamilie vorbereitet», sagt Hübscher. Der Schaden beläuft sich auf ungefähr eine Viertel Million Franken.

Auf dem Traktor fährt Albert Szasz vorbei, der hier auf dem Hof mit anpackt. Sein leerer Anhänger soll gleich Kühe aufladen, die Stettler heute gekauft hat. «Wir müssen weitermachen», sagt er, ansonsten müsste man die komplette Produktion umstellen oder schliessen. «Die Solidarität, die wir erfahren, stärkt uns.»

Impfungen sollen nun den vergifteten Tieren helfen, die noch leben. Sechs davon sind akut betroffen, vielleicht müssen sie bald auch eingeschläfert werden. «Albert sagt, eine davon sei seine Lieblingskuh, wir warten noch.» Wahrscheinlich aber werde auch sie nicht mehr aufstehen, ihren Kopf nicht mehr heben.

Erstellt: 29.04.2016, 09:10 Uhr

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Noch vor zehn Jahren gab es ein Gegengift auf dem Markt

Tieren, die das Nervengift Botulinum eingenommen haben, kann aus medizinischer Sicht kaum geholfen werden. Eine Möglichkeit ist eine Impfung, die den Verlauf in manchen der leichteren Fälle noch stoppen kann.

Als Landwirtin Judith Hübscher auf ihrem Hof in Gachnang von einem Gegengift für ihre sterbenden Tiere las, schöpfte sie Hoffnung: «Vielleicht kann unseren Kühen geholfen werden», habe sie gedacht, als sie von einem Antiserum las. Auf der Internetseite des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) ist dieses noch aufgeführt, obwohl es seit rund zehn Jahren nicht mehr hergestellt wird.

«Die Herstellung des Antiserums musste eingestellt werden», sagt Hanspeter Ottiger, Leiter Impfstoffkontrolle am Institut für Virologie und Immunologie des BLV. Es sei auf der einen Seite zu teuer, auf der anderen vor allem aber nicht mehr Konform mit der Gesetzgebung gewesen und habe daher nicht weiter produziert werden dürfen. Zudem seien Haltbarkeit und Lagerung ein Thema. «Aus immunologischer Sicht wären sowohl Herstellung als Anwendung möglich», sagt er, allerdings sei die Sache aus tierschützerischer Sicht schwierig.

Für den Botulismusfall am Hof der Familie Stettler-Hübscher hat dies bedeutet, dass man nicht mehr viel machen konnte. «Mein Mann hat es noch mit Homöopathie versucht», sagt Hübscher.

Impfung, die keiner kennt

Was man aber vor allem versucht, ist, leichtere Fälle mit einer Impfung zu bekämpfen. «Der Impfstoff, den wir nun anwenden, kann vergiftete Tiere retten und soll Neuzugänge vor künftigen Vergiftungen schützen», sagt Walter Fürer, betreuender Tierarzt im Fall Gachnang.

Die Zusammenarbeit mit dem BLV sei sehr kooperativ gewesen, man habe den Ernst der Lage erkannt und den Impfstoff, der aus Südafrika bestellt werden musste, ohne die üblichen Tests verabreichen können.

«Wir wussten zuvor nichts von einer solchen Impfung», sagt Hübscher, der eine Aufklärung in dieser Sache wichtig ist. Die Impfung müssen Landwirte selber bezahlen, eine Krankenversicherung für Tiere existiert nicht. «Die Kosten halten sich jedoch im Vergleich zu den Schäden sehr in Grenzen», sagt Hübscher. Eine Dosis sei irgendwo zwischen sechs und acht Franken angesiedelt. Verabreichen muss man die Impfung initial zweimal, danach jährlich. «Das ist ein erheblicher logistischer Aufwand», sagt Ottiger, der sich nicht für eine Breitbandimpfung aussprechen möchte. «Es gilt wie bei allen Arzneimitteln, Risiken und Nebenwirkungen zu bedenken», sagt er. Wie bei Menschen würden einige Tiere gut mit der Impfung umgehen, andere hätten Mühe. Impfreaktionen seien schwer absehbar und messbar.

Ottiger geht davon aus, dass der Fall Gachnang eine Impfwelle auslösen wird, zumal sie die Gefahr, die von Botulismus ausgehe, ins Bewusstsein rücke. «Wir hätten geimpft, wenn wir geahnt hätten, was wir hätten verhindern können», sagt Hübscher. Für sie steht fest, dass nun alle Tiere geimpft werden.

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