Hettlingen

Unterwegs zum nächsten Dopaminstoss

Janosch Tröhler nimmt sich keine Zeit. Ausser, sie bringt Geld, Spass oder Beziehungen. Von einem, der gerne auf der Überholspur wohnt.

Seine Spielwiese ist die Welt: Janosch Tröhler findet man in Hettlingen, wo er wohnt. Und man findet ihn im Internet.

Seine Spielwiese ist die Welt: Janosch Tröhler findet man in Hettlingen, wo er wohnt. Und man findet ihn im Internet. Bild: Madeleine Schoder

Janosch Tröhler verweilt nicht gern. «Sicher ist, dass es vorwärts gehen muss», sagt er, bald 27. Er zieht an seiner Zigarette, trinkt vom schwarzen Kaffee. Er wirkt dabei nicht verbissen, ein bisschen getrieben vielleicht, wenn er von den Stunden spricht, die ihm jeden Tag fehlen. Nie reicht die Zeit. Beruf: Journalist. Die Neugier treibe ihn an. «Rausgehen, erzählen, was ist.»

Die handgrosse Tätowierung auf seinem linken, schmalen Oberarm hat er sich tatsächlich spontan als Selbstversuch stechen lassen, um über die Szene zu berichten. Er hat nicht gezögert, er hat es einfach getan, hat sich ein paar Muster zeigen lassen und sich rasch für eines entschieden «ein Tattoo ist ja so vergänglich, wie wir es sind», sagt er. Warum also Zeit verlieren?

So macht er das. Wenn ihm eine Sache interessant scheint, dann wartet er nicht darauf, dass andere mitziehen. Er kauft sich eine Drohne, weil man damit die Welt aus einer anderen Perspektive zeigen kann, filmt zum Beispiel den Rheinfall für die Schaffhauser Nachrichten. Dort ist er zu 80 Prozent als Online-Produzent angestellt, um den Webauftritt in Schwung zu bringen. Morgens, mittags, abends und am Wochenende arbeitet er an anderen Dingen. Meistens daheim im Hettlingen, wo er mit seinen beiden Mitbewohnern eine Wohnung mietet.

«Die beste Schule bisher in meinem Leben war, dass meine Mutter mich nicht mehr gepusht hat»

Hettlingen sei nah an Schaffhausen, aber auch an Winterthur und Zürich, das sei praktisch. «Eigentlich ist es völlig egal, wo ich wohne.» Er gehe nicht raus zum Sport, sein Feierabendbier trinke er da, wo der Feierabend eben sei. Die meiste Zeit des Tages verbringt er ohnehin online und somit an vielen Orten.

In Hettlingen also beginnt Tröhlers Tag um 5.45 Uhr und endet oft spät nachts. In den sozialen Medien und in ständigem Austausch für die Arbeit. Zum Beispiel sind da täglich rund hundert Emails auf dem Konto seines Musikblogs Negative White: Der Schweizer Musikszene fehlte die Berichterstattung, die ihm angemessen schien, drum hat er gehandelt, geht seither auf Konzerte und berichtet über Neuerscheinungen. 2010 sind er und sein drei Jahre jüngerer Bruder mit dem Magazin online gegangen, für das heute rund 20 Leute ehrenamtlich mitarbeiten.

Tröhler begleitet Bands und begegnet den Grossen: Zum Beispiel konnte er Paul McCartney interviewen. «Etwas zu erreichen durch Blut, Schweiss und Tränen, das macht mich stolz», sagt er. Janosch Tröhler sitzt im Vorstand des des Zürcher Pressevereins. Der Verband sei besonders wichtig, wo sich die Branche so im Umbruch befinde. «Die Kollegen in eisigen Zeiten auf glitschiger Bahn begleiten», beschreibt er den Grund für sein Engagement. «Und natürlich geht es ums Netzwerk», sagt er, das sei 2017 nunmal eine Realität, die man nicht wegdenken könne.

«Arbeit und Kommunikation sind mein Leben, untrennbar.»

Die guten Jobs seien im Nu unter der Hand weg. «Geld, Spass, Beziehungen» zählt er auf, zwei von drei müssen erfüllt sein, wenn Tröhler seine knappe Zeit für eine Sache investiert. Die drei Dinge hängen seiner Erfahrung nach für viele seiner Generation zusammen. Die Millenials, nennt man sie, die Digital Natives. Die Generation der ersten Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind. Er beschreibt sie als dynamisch, im Umbruch diffus. Und sich als einen von ihnen.

Tröhler ist sich sicher: «Ich komme nur weiter, wenn ich ein Ziel vor Augen habe und hart dafür arbeite.» Das hat er gelernt, als seine Mutter ihm gesagt hat: Hier hör ich auf, ich kann nicht mehr. Tröhler war 18, eine «heikle Nummer», wie er heute sagt. Klug, ein Musterschüler bis die Pubertät kam. Dann, im Gymnasium in Wetzikon wurde ihm die Welt eng, die ihn umgab. Raus aus der Klasse, Ehrenrunde, weg. Immer wieder hätten ihn seine Eltern, ursprünglich beide Lehrer, für die Schule zu motivieren versucht. «Die beste Schule bisher in meinem Leben war, dass meine Mutter mich nicht mehr gepusht hat», sagt er. Irgendwann habe sie ihn zu Recht fallengelassen.

Er war gerade in seiner malancholischsten Gothic-Phase versunken, als sie ihn zu einem Bauer geschickt hat: «Ich habe zwei Wochen lang Kuhscheisse herumgeschaufelt. Dabei ist mir aufgefallen, dass da draussen wirklich keiner auf mich wartet.» Erstmals im Leben war alles richtig zäh. Die Suche nach einer Lehrstelle, die Planlosigkeit. So hat er ein Ziel gesucht und endlich gefunden: Er wollte Journalist werden. Es hat ihm schon am Gymnasium gefallen, für die Schülerzeitung zu schreiben. Via Kaufmännischer Lehre in Bubikon auf der Gemeindeverwaltung und Berufsmatura studierte er in Winterthur Journalismus.

Kein Handy liegt auf dem Tisch. Tröhler ist hier, jetzt. Sein neues Ziel: Fokus. Er habe sich lange zu sehr verzelttelt. Klar, die sozialen Medien, die Orientierung nach allen Seiten helfen nicht. «Aber Arbeit und Kommunikation sind mein Leben, untrennbar.» Und doch: Das rote Ringlein, das erscheint, wenn die nächste Nachricht auf Facebook wartet, «es ist eine verdammte Sucht.» Man müsse auf sich aufpassen da draussen, das Handy auch mal weglegen. Zum ersten Mal nach Stunden zieht er das Telefon aus der Hosentasche, er hätte sich längst auf den Weg machen müssen. «Auf zum nächsten Dopaminstoss», sagt er und lacht.

(Der Landbote)

Erstellt: 24.09.2017, 16:37 Uhr

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