Frauen

«Vielleicht sind wir zu bequem»

Frauenvereine übernehmen in vielen Dörfern wichtige gemeinnützige Aufgaben. Trotz ihrem Einsatz für die Gesellschaft sind die Vereine aber politisch zurückhaltend.

Frauenvereine können ein wichtiges Netzwerk sein: Der Frauenverein Kollbrunn im Herbst 2016.

Frauenvereine können ein wichtiges Netzwerk sein: Der Frauenverein Kollbrunn im Herbst 2016. Bild: pd

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«Wir haben einen sozialen Auftrag, keinen politischen», sagt Brigitte Fasciati, Präsidentin des Frauenvereins Neftenbach. Der Verein bietet im Dorf verschie­dene Möglichkeiten des gesellschaftlichen Beisammenseins an, wie etwa Ausflüge, wöchentliche Turnstunden oder Wanderungen. «Wenn im Dorf ein Bedürfnis für ein Angebot besteht, ver­suchen wir dieses abzudecken.»

Manchmal werden Angebote auch wieder aufgehoben, wenn die Nachfrage nicht mehr da ist, wie etwa der Fahrdienst ins Altersheim Seuzach.Dass ein Bedürfnis nach dem Frauenverein besteht, zeigen die Zahlen: Rund 330 Mitglieder zählt der Verein. Die meisten Mitglieder seien über vierzig, sagt Fasciati. Und nicht nur in Neftenbach wollen Frauen einen Verein für Frauen. Rund dreissig Frauenvereine existieren in der Region Winterthur.

Althergebrachte Rollen?

Ihren Ursprung haben die meisten Vereine in den 1900er-Jahren: Frauen begannen, sich in Vereinen zusammenzuschliessen, um sich gegenseitig bei ihren Aufgaben zu entlasten. So wirkten sie bei der Gründung von Kindergärten oder von Spitex-Diensten mit. Heute hat der Staat viele dieser Aufgaben übernommen.

«Es gibt ja politische Vereine, in welchen Frauen auch mitmachen können.»Rita Ehrensperger-Wagner,
Frauenverein Marthalen

Trotzdem verstehen sich Frauenvereine immer noch primär als gemeinnützige Vereine. Sie organisieren Stammtische, Kleiderbörsen, Kinderhütedienste, Altersheimbesuche. Vieles davon sind Dienstleistungen, die in Gemeinden gemeinhin in Freiwilligenarbeit und mehrheitlich von Frauen geleistet werden. Zementieren die Vereine damit nicht ein althergebrachtes Rollenbild? Immerhin schreibt der Dachverband der Schweizerischen gemeinnützigen Frauenvereine in seinen Statuten, dass er sich für die Gleichstellung von Mann und Frau einsetzt, auch politisch.

Auf Gemeindeebene ist die Politik aber häufig zweitrangig, wie Anfragen bei verschiedenen Frauenvereinen in der Region Winterthur zeigten. Unpolitisch wie der Frauenverein Neftenbach verstehen sich beispielsweise auch die Frauenvereine Brütten und Marthalen. «Uns geht es darum, unter uns Frauen ein gutes Verhältnis zu haben und eine gute Zeit zu verbringen», sagt Rosemarie Dünki vom Frauenverein Brütten.

Der Verein zählt rund 100 Mitglieder, viele davon sind über sechzig Jahre alt. «Wir haben aber jedes Jahr Neueintritte», sagt Dünki. «Viele ältere Frauen sind froh, wenn sie beispielsweise in der Gruppe ins Theater gehen können. Alleine würden sie sich das nicht mehr getrauen.»

Ähnlich sieht es Rita Ehrens­perger-Wagner, Präsidentin des Frauenvereins Marthalen. «Unsere Vereinsstatuten sagen explizit, dass wir nicht politisieren. Daran halten wir uns.» Der Verein verstehe sich als traditionell gemeinnütziger Verein. «Unsere Angebote zielen darauf ab, der Frau die Arbeit zu erleichtern.» Rollenbilder aufzubrechen, ist auch in Marthalen nicht Ziel des Frauenvereins. «Es gibt ja politische Vereine und Parteien, in welchen Frauen auch mitmachen können.»

Plötzlich keine Freiwilligen

Margrit Kenel vom Frauenverein Dachsen hingegen anerkennt den Rollenkonflikt der Frauenvereine. Die 71-Jährige präsidiert den Verein mit 92 Mitgliedern seit drei Jahren. Politisch ist der Verein neutral, er bezieht auch nicht speziell zu Frauenthemen Stellung. Dies eben auch, weil es von den Mitgliedern offenbar nicht gewünscht sei, wie Kenel erzählt.

«Wir haben immer wieder versucht, auch Anlässe zu politischen Themen zu organisieren. Ich persönlich fände das auch wichtig. Dann fehlten aber immer plötzlich die Freiwilligen.» Weshalb das so ist, kann sie nur vermuten. «Möglicherweise sind jene, die politisch interessiert sind, bereits anderweitig engagiert.» Und sie überlegt: «Vielleicht istes auch einfach Bequemlichkeit, von uns allen.»

(Der Landbote)

Erstellt: 22.03.2018, 09:25 Uhr

Andrea Gisle ist Präsidentin Frauenzentrale Zürich.

Nachgefragt

«Der Alltag ist Politik»

Was ist die Rolle eines Frauenvereins im Jahr 2018?
Andrea Gisler: Die lokalen Frauenvereine funktionieren ganz unterschiedlich. Einige sind mehr auf gemeinsame Ausflüge ausgelegt, andere auf gemein­nützige Aufgaben, einige haben viele, aktive Mitglieder, andere dümpeln etwas vor sich hin. Grundsätzlich ist es aber so, dass Freiwilligenarbeit in unserer Gesellschaft nach wie vor sehr wichtig ist. Deshalb kann man nicht sagen, dass Frauen­vereine überholt seien. Sie können für Frauen nach wie vor ein wichtiges Netzwerk sein.

Frauenvereine sind politisch wenig aktiv. Zu Recht?
Das politische Engagement gehört traditionellerweise nicht zu den Kernaufgaben der Frauenvereine. Die Frauenvereine hätten meiner Meinung nach aber ein grosses Potenzial, um Frauen in der Lokalpolitik weiterzu­bringen. Um Politik zu machen, braucht man ein Netzwerk. Wenn man in ein Amt will, braucht man eine Basis. Der Frauenverein könnte diese Basis jenseits von Parteigrenzen bieten.

Wieso dann trotzdem diese Zurückhaltung bei den Vereinen?
Das hat wohl verschiedene Gründe. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass bei uns das Frauenstimmrecht sehr spät eingeführt wurde. Politik sei ein Drecksgeschäft, davor wolle man die Frauen bewahren, hiess es früher. Das ist wahrscheinlich immer noch in den Köpfen vieler älterer Frauen. Aber der Alltag ist Politik. Man kann sich davor nicht verschliessen. Und man muss ja als Frauenverein nicht zwingend mit poli­tischen Forderungen auftreten, man kann ja auch neutral poli­tische Fragen thematisieren, etwa mit Vorträgen.

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