Region

Wachstum bringt einen neuen Groove

Die Stadt kommt aufs Land. Mit dem starken Wachstum der Landgemeinden verändert sich die Lebenswelt in der Dörfern. Auch politisch. Politologen erklären, in welche Richtung der Trend geht.

Verstädterung im Tösstal. Ob das Paar auf der Bautafel in die hier geplante Siedlung in Kollbrunn einziehen wird, ist fraglich.

Verstädterung im Tösstal. Ob das Paar auf der Bautafel in die hier geplante Siedlung in Kollbrunn einziehen wird, ist fraglich. Bild: Nathalie Guinand

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Das Land wächst links», titelte landbote.ch am 6. Dezember. Auf den ersten Blick würde das niemand anders vermuten. «Wachstum heisst Veränderung», sagt Andreas Ladner, Professor für Politikwissenschaften an der Uni Lausanne. Zugezogene hätten in aller Regel eine andere politische Einstellung als die bisher in einer Gemeinde Ansässigen. Ladner fährt fort: «Man kann nicht wachsen, ohne sich mit dem Neuen auseinanderzusetzen.»

Linke und rechte Wohnorte

Michael Hermann, Geograf und Politologe an der Universität Zürich, nennt einen anderen Punkt: «Die Mobilität sortiert die Menschen». Bisher sind links oder linksgrün eingestellte Personen in den Städten geblieben oder dorthin gezogen. Umgekehrt wählten Konservative oder Wirtschaftsliberale eher die Agglomeration als Wohnort. «In diesem Trend gibt es nun einen Knick». sagt Hermann.

«Das Pendel kann auch einmal auf die andere Seite ausschlagen»

Andreas Ladner, Politwissenschaftler

Der Anstoss für die neueste Umschichtung kommt laut Hermann aus der Stadt. «Das Wohnen in den Kernstädten wird immer teurer», sagt der Politgeograf. Das bringt auch linke Städter dazu, in die Agglomeration oder aufs Land auszuweichen. In den aufgewerteten und teuren Innenstädten hingegen geht der Trend laut Hermann weg von links.

Der junge Banker mit dem guten Lohn ist wirtschaftsfreundlich, weltoffen und liberal. Er erwarte eine Wende in diese Richtung schon länger, sagt Hermann. Nur sei sie bislang nie eingetroffen: «Trotzdem halte ich es für wahrscheinlich, dass liberale Parteien mit einer Prise Ökologie im Programm in den Kernstädten zulegen.»

Dichteglück

Ein weiterer Trend prägt die letzten Jahre: Urbanes Wohnen. Was immer man darunter verstehen mag. Jedenfalls sind Wohntürme gerade sehr angesagt, sofern sie in dicht besiedelten Stadtteilen stehen, die einen hohen Erlebnisfaktor bieten. Dieser Trend ist allerdings auch durch die Umstände erzwungen. «Es ist alles eine Platzfrage», sagt Hermann.

«Die Mobilität sortiert die Menschen.»Michael Hermann,
Geograf und Politologe

«Der Kanton Zürich lenkt seine Siedlungsentwicklung nach innen», heisst es im Beschluss des Regierungsrat zur langfristigen Raumentwicklung vom 10. Dezember 2014. Die Baulandreserven sind erschöpft. Verdichtetes Bauen ist das Gebot der Stunde, in der Stadt ebenso wie im Dorf. Genau in diese Richtung zielt der kantonale Richtplan zur Siedlungsentwicklung.

Ein immer stärkerer Sog

«Der Trend zum urbanen Wohnen prägt auch die Ästhetik», sagt Hermann. Ein im weitesten Sinn städtisch gestaltetes Wohnumfeld wird auch auf dem Land kopiert. So wird am Baustil sichtbar, dass, «ländliche Gemeinden in den Sog der Stadt geraten», wie Hermann sagt.

Diese Entwicklung verstärkt sich durch die wachsende Mobilität. Mit einem immer dichteren Fahrplan pumpen S-Bahnen immer mehr Pendler durch den Grossraum Zürich. Hermann denkt noch weiter: «Entwicklungen wie selbstfahrende Autos könnten einen neuen Mobilitätsschub auslösen». Solche Fahrzeuge stehen dann stets überall am richtigen Ort zur Verfügung.

Für eine vergrösserte Ansicht hier klicken.

Ländliche SVP unter Druck

«Das ländlich-gewerbliche Milieu erodiert», sagt Hermann. Das ist die logische Folge der beschriebenen Entwicklung. In kleineren ländlichen Gemeinden geht der SVP damit die Wählerschaft verloren.

Für die Politik auf Kantons- und Landesebene hat das keine grosse Bedeutung. Innerhalb der SVP habe der ländlich, gewerbliche Flügel längst an Gewicht verloren. «Erfolgreich ist heute die Agglo-SVP», sagt Hermann. Sie setzte auf eine harte Sparpolitik im Staat. Ferner bearbeite sie das Ausländerthema und spreche eher Bauchgefühle an.

Falls die SVP doch einmal Rückschläge hinnehmen muss, dann aus anderen Gründen. Laut Ladner ist es untypisch für das schweizerische Konkordanz-System und historisch einmalig, dass eine Partei einen Stimmenanteil von über 30 Prozent hat. «Das Pendel kann auch einmal auf die andere Seite ausschlagen», sagt Ladner.

Rote Inseln

Dass nun statt nur einem Linken ein zweiter in einer ländlichen Gemeinde wohnt, macht laut Hermann politisch nicht viel aus: «Was sich jedoch sicher ändert, ist der Groove». Wobei die Entwicklung nicht gleichmässig erfolgen muss. Linke Zugezogene fühlten sich laut Hermann unter konservativen und verschlossenen Menschen nicht wohl.

«Es wird aber wahrscheinlich einzelne Gemeinden geben, die überdurchschnittlich viele linksgrüne Städter anziehen.» So sind bereits heute auf dem Land Inseln entstanden, wo die SP die SVP einholt und weit vor allen anderen Parteien den zweithöchsten Wähleranteil hat.

(Der Landbote)

Erstellt: 22.12.2017, 11:09 Uhr

Artikel zum Thema

Achtung, hier kommt die Stadt

Zuzüger Viele Gemeinden in der Region wachsen. Dieneuen Bewohner bringen Umbrüche mit sich. Dagegen sträuben sich nicht zuletzt die Auslöser des Wachstums. Mehr...

Das Land wächst links

Region In der Region Winterthur wachsen viele Gemeinden rasant. Die vielen Zuzüger formen die Dörfer um. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!