Elsau

«Wenn alles stillsteht, gehen unsere Qualitäten irgendwann verloren»

Am 21. September stimmen die Elsauer an der Gemeindeversammlung über ihre Bau- und Zonenordnung (BZO) ab. Hochbauvorsteher Ueli Renggli erklärt, wo er die Vorteile im Wachstum sieht und weshalb Elsau gar kein Zentrum braucht.

Eine stadtnahe Gemeinde mit guter Anbindung an den öffentlichen Verkehr: wenn es nach Gemeindepräsident Ueli Renggli geht, soll Elsau sein Potential ausschöpfen und wachsen. Im Gebiet Rietwiesen soll eine neue Siedlung entstehen.

Eine stadtnahe Gemeinde mit guter Anbindung an den öffentlichen Verkehr: wenn es nach Gemeindepräsident Ueli Renggli geht, soll Elsau sein Potential ausschöpfen und wachsen. Im Gebiet Rietwiesen soll eine neue Siedlung entstehen. Bild: Marc Dahinden

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Eine plakative Frage zu Beginn: Weshalb muss Elsau überhaupt wachsen?
Ueli Renggli: Elsau «muss» grundsätzlich nicht wachsen. Darum gibt es ja auch eine Gemeindeversammlung, die den Vorschlag annehmen oder ablehnen kann. Die Frage ist, ob Elsau die Rolle als stadtnahe Gemeinde mit guter Anbindung an den öffentlichen Verkehr wahrnehmen, und ihr Potential zu wachsen nutzen will, oder nicht.

Sie sehen im Wachstum aber klare Vorteile?
Ja, meiner Meinung nach überwiegen die Vorteile. Auch der Gemeinderat ist der Meinung, dass es eine Chance ist. Die neue Bau- und Zonenordnung stellt den Charakter der Gemeinde nicht auf den Kopf, sie wird ländlich bleiben. Eine gesunde Dynamik ist aber wichtig. Es braucht Erneuerung, um attraktiv zu bleiben. Wir brauchen Platz für Generationenwechsel, damit wir nicht zu einer Schlafgemeinde werden. Wenn alles stillsteht, gehen die Qualitäten, die wir heute haben, irgendwann verloren.

«Wir brauchen  Platz für  Generationenwechsel, damit wir nicht  zur Schlafgemeinde  werden.»Ueli Renggli, 
Hochbauvorsteher Elsau

In einem Bericht der Gemeinde heisst es, die Revision werde sich finanziell positiv auswirken. Wie können Sie da sicher sein?
Zum einen leisten die Landeigentümer eine Mehrwertabgabe, das haben wir in unseren städtebaulichen Verträgen so festgehalten. Der Bund hat die Kantone dazu verpflichtet, allerdings ist es momentan noch nicht gesetzlich festgeschrieben. Das bedeutet, dass jetzt der Spielraum am grössten ist. Das Geld wird der Gemeinde erhalten bleiben. Ist das Gesetz umgesetzt, müssen die Gemeinden die Abgabe in einen Fonds einzahlen. Dieser wird unter anderem dazu genutzt, um in anderen Gemeinden Entschädigungen zu bezahlen, die aufgrund von raumplanerischen Massnahmen fällig werden. Zum anderen werden wir auch mehrere Millionen Franken Grundstücksgewinnsteuern einnehmen. Abgesehen von den Finanzen ergibt sich auch ein strategischer Mehrwert. So ist es denkbar, dass im Gestaltungsplan Räume für öffentliche Aufgaben wie etwa Alterswohnungen eingeplant werden.

In einem Leserbrief in der «Elsauer Zytig» wurde kritisiert, dass die Einzonung des Gebiets Rietwiesen zur Zersiedelung beitrage. Wie sehen Sie das?
Mit dem Grundgedanken «gegen Zersiedelung» stimme ich überein. Der Kanton hat unsere BZO gutgeheissen, gerade weil es eben eine Massnahme gegen die Zersiedelung ist. Diese würde passieren, wenn Wohnraum in unbewohnte Gebiete ausufert – also die Aussengrenzen der Gemeinde ausgedehnt würden. Der Kanton hat uns attestiert, dass die Rietwiesen nicht in neuen Landschaftsraum eingreift. Sie liegt zwischen zwei Bahnhöfen und auch von der Grösse her ist die Beeinträchtigung vertretbar. Wichtig ist, dass wir in der Ausgestaltung sehr sorgfältig sind.

«Wir haben  Ansprüche an die  Bauherren.»

Kann die Gemeinde überhaupt noch eingreifen, wenn die Gemeindeversammlung dem Gestaltungsplan für die Rietwiesen am 21. September zustimmt?
Absolut. Wenn sich die Bauherren an die Vorgaben des Gestaltungsplans halten, muss die Gemeindeversammlung zwar kein zweites Mal darüber abstimmen, aber der Gemeinderat muss den Gestaltungsplan auf jeden Fall genehmigen.

Und Sie schauen genau hin?
Natürlich, wir haben Ansprüche. Beim Bau der Flarzett-Siedlung im Ort Elsau hat es sich gezeigt, dass es viel ausmacht, wenn man gut hinschaut. Wir wollten dort rund um die Kirche keine 0815-Häuser. Die Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft hat bereits für den Wettbewerb viel Geld in die Hand genommen und Workshops organisiert. So ein Projekt ergibt dann auch Wohnqaulität für die Nachbarn. Wenn uns die Gemeindeversammlung das Vertrauen zuspricht, dann treten wir auf jeden Fall in einen Dialog mit der Bauherrschaft und versuchen, möglichst viel Positives herauszuholen. Die Detailumsetzung liegt bei den Behörden.

Eine weitere Kritik: Elsau habe kein Zentrum und die neue BZO mache das noch schlimmer.
Das hört man immer wieder. Ich möchte dazu sagen: Jawohl, es stimmt, Elsau hat kein Zentrum. Ich finde, man sollte aufhören, das als Mangel darzustellen. Elsau ist anders gewachsen als Bauerndörfer, die sich kreisförmig ausgedehnt haben. In Räterschen hat man versucht, ein Zentrum zu erstellen, aber ohne Landbesitz ist es schwierig. Die Nachfrage nach Publikumsbetrieben ist dort auch klein. Es gibt Beispiele, wo mit viel Aufwand ein Zentrum erstellt wurde, das danach aber niemand genutzt hat. Ich finde, man sollte lieber den Bedürfnissen folgen. Elsau hat andere charmante Eigenheiten statt eines Zentrums.

Die Regionalplanung Winterthur und Umgebung legt Wert auf Arbeitsplätze in der Region. Bei der Umzonung des Gebiets Rifenbrunnen ist der Gewerbeanteil jedoch optional. Beisst sich das nicht?
Das Gewerbe ist natürlich enorm wichtig. Im Idealfall wohnt man dort, wo man arbeitet. Die Regionalplanung hat Recht, wenn sie kritisch hinschaut aufs Gebiet Rifenbrunnen. Es hat sich aber gezeigt, dass es schwierig ist, dort neues Gewerbe anzusiedeln.

«Die Regionalplanung hat recht, wenn sie kritisch hinschaut.»

Weshalb?
Einerseits wegen der Erschliessung, die nicht ideal ist. Andererseits decken sich Angebot und Nachfrage beim Gewerbe besser als beim Wohnraum. Nach reiflicher Überlegung sind wir deshalb zum Schluss gekommen, dass es richtig ist, wenn in diesem Gebiet Wohnungen entstehen. Da das Gebiet Rifenbrunnen bereits eingezont ist, und es sich «nur» um eine Umzonung handelt, könnte auch bereits morgen ein Baugesuch eingereicht werden.

Welche grösseren Änderungen bringt die neue BZO abgesehen von Um- und Einzonungen?
Es geht in der BZO vor allem um die Anpassung der Bauvorschriften. In den dafür geeigneten Quartieren soll die Nutzungsdichte leicht erhöht werden. Die Revision wurde auch nötig, weil das Regelwerk von 2004 überholt ist. Dazu kommen Anpassungen in den Kernzonen, veränderte Zonengrenzen entlang von Strassen und andere eher technische Verbesserungen.

Gab es Anliegen, die Sie gerne in der BZO gehabt hätten, die aber nicht aufgenommen wurden?
Gerne hätte ich mehr Spielraum für die Ortsplanung gewünscht, aber bei der Vorprüfung 2015 hat der Kanton einige unserer Entwicklungsmöglichkeiten als nicht genehmigungsfähig beurteilt. Ich hätte mir auch vorstellen können, dass in den Gestaltungsplanvorschriften deutlich mehr als 30% erneuerbare Energie verlangt werden. Das gehört in die Bauvorschriften, die an der Gemeindeversammlung verhandelt werden können.

Das wäre möglich?
Eine Energieklausel liesse sich sicher festschreiben. Ich hoffe sehr, die Elsauer sind an der Versammlung bereit, zu diskutieren. Es ist ein wichtiges Projekt, das alle betrifft. Der Gemeinderat hat gesagt, was er für richtig hält, das ist als Gesprächsangebot zu verstehen.

(Der Landbote)

Erstellt: 06.09.2017, 11:11 Uhr

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