Pfungen

«Wenn wir nicht wollen, dass sie zu uns kommen, müssen wir ihnen jetzt helfen»

Pfarrer Andreas Goerlich reist auf eigene Gefahr regelmässig in den Irak, um dort in Flüchtlingscamps zu helfen. Seit diesem Jahr ist er auf diesen Reisen ganz auf sich gestellt.

Andreas Goerlich, Pfarrer aus Pfungen ist bereits sieben Mal in den Nordirak gereist, um in Flüchtlingslagern wie diesem hier in Erbil auszuhelfen.

Andreas Goerlich, Pfarrer aus Pfungen ist bereits sieben Mal in den Nordirak gereist, um in Flüchtlingslagern wie diesem hier in Erbil auszuhelfen. Bild: pd

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Das Flüchtlingsdrama im Nordirak ist grenzenlos. Andreas Goerlich weiss das von seinen Reisen nach Erbil. In vier grossen UNO-Flüchtlingscamps, die in der Region Kurdistan liegen, leben neben irakischen Flüchtlingen auch Hunderttausende aus Syrien Geflohene. Praktisch von der Welt vergessen.

Für diejenige, die es am nötigsten haben

Doch der Pfarrer aus Pfungen vergisst sie nicht. Die Pein der Heimatlosen lässt ihn nicht kalt. Er sieht es als seine Mission an, sich um sie zu kümmern. «Es gibt aber nicht nur Schlimmes zu berichten», betont Goerlich. «Die Menschen dort haben noch Hoffnung und freuen sich an kleinen Dingen.» Wie zum Beispiel, wenn aus mitgebrachten Samen nach einiger Zeit Maispflanzen wachsen.

Anfang Juli war Goerlich zum siebten Mal in der autonomen Kurdenregion. Mit 17'000 Franken Spendengeld im Gepäck. Das Geld stammt aus Kollekten und von anderen Privatspendern. Ein Teil davon dient dem Ausbau der Apotheken in der Zeltstadt. Der Pfarrer leistet vor Ort Seelsorge, begleitet Kinder, die mitansehen mussten, wie ihr Vater erschossen wurde, oder Menschen, die vom Islamischen Staat gefangen genommen waren. «Aus diakonischen Gründen fokussiere ich mich auf die Menschen, die zu kurz kommen.» Das Spendengeld werde nach Dringlichkeit eingesetzt. «Die Ärzte im Camp teilen mir mit, wer es am nötigsten hat.»

Mustapha und seine Enkel

Rund 19 US-Dollar erhält jeder Flüchtling im Monat vom UNO-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR), wie Goerlich erzählt. «Davon kann man nicht leben.» Schon gar nicht, wenn jemand Medikamente braucht, ist er überzeugt. «Wenn wir nicht wollen, dass diese Flüchtlinge schliesslich alle zu uns nach Europa kommen, müssen wir helfen, bessere Bedingungen zu schaffen.» Dem Pfarrer ist bewusst, dass seine «Syrienhilfe» nicht mehr ist als ein Tropfen auf den heissen Stein. «Aber viele Tropfen füllen irgendwann auch eine Badewanne.»

Seine grösste Sorge gilt derzeit Mustapha. Dem Grossvater, der mit seinen drei Enkelkindern seit anderthalb Jahren im Camp in Kawergosk lebt und an Augenkrebs im fortgeschrittenen Stadium leidet. «Wenn er nicht dringend operiert wird, stirbt er.» Und dies würde bedeuten, dass die Enkel das Lager verlassen müssten. «Denn ohne erwachsene Bezugsperson ist der Aufenthalt im Camp nicht erlaubt.» Auf sich gestellt könnten die Kinder aber nicht überleben. Goerlich will die Operation deshalb schnell in Gang setzen. «10'000 Franken haben wir schon beisammen.» Aber das genügt noch lange nicht.

«Noch nie unsicher gefühlt»

Die Reisen in den Nordirak unternimmt der Pfarrer jeweils auf eigene Gefahr. Das Eidgenössische Departement des Äusseren rät indessen davon ab (siehe Box). Auch den Hilfswilligen: Konnte Goerlich seine Reisekoordinaten noch bis letztes Jahr auf der Botschaft in Amman (Jordanien) hinterlegen, ist dies seit 2015 nicht mehr möglich. «Mit dem Hinweis, die Schweiz könne im Notfall praktisch nicht intervenieren.»

Wirklich unsicher hat sich Goerlich in Erbil noch nie gefühlt, wie er sagt. Der Islamische Staat sei dort nicht präsent. «Aber ich informiere mich natürlich stets über die Sicherheitslage.» «Syrienhilfe» aus Pfungen wird aber nicht nur im Nordirak geleistet: Auch in Istanbul leben viele syrische Flüchtlinge. In diesen Tagen trifft Andreas Goerlich dort die 19-jährige Neslihan. Er will ihr helfen, dort ihr Informatikstudium, das sie in Syrien begonnen hat, fortsetzen zu können. «Die Menschen müssen eine Perspektive erhalten, sonst werden wir in ein, zwei Jahren ein grosses Problem haben.» (Der Landbote)

Erstellt: 03.08.2015, 19:58 Uhr

Das syrische FlüchtlingsDrama

Rund 60 Millionen Menschen waren Ende 2014 heimatlos, auf der Flucht vor Kriegen, regionalen Konflikten oder politischer Verfolgung. Das sind rund acht Millionen mehr als noch im Jahr davor. Grund für die Zunahme war der Bürgerkrieg in Syrien. 7,6 Millionen Syrer sind Vertriebene im eigenen Land. Fast vier Millionen sind über die Landesgrenzen geflohen, unter anderem nach Kurdistan im Nordirak.

«Das Risiko von Entführungen und Terroranschlägen ist hoch», warnt das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) auf seiner Website zur Lage im Irak. Anhänger der sunnitischen Extremistengruppe Islamischer Staat (IS) kontrollieren grosse Gebiete im Norden und Westen des Landes. Schweizer Bürger, die entgegen der Empfehlung des EDA in den Irak reisen, müssten sich bewusst sein, dass die Schweiz unter Umständen nur begrenzte oder gar keine Möglichkeiten zur Hilfe in Notfällen habe. Es gibt keine Schweizer Vertretung im Land. dt

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